Auf der zweiten Westweg-Etappe passiert nicht viel. Die Sonne brennt, der Weg ist über viele Kilometer eine staubige Fahrstraßen-Piste, die die Füße quält und die Laune verdirbt. Die Freundin und ich halten es aus und durch. Wir werden mit einem Aussichtsturm, einem Hochmoorpfad, einer Aussichtskanzel und dem Klingen von Big Ben belohnt.
Das letzte Mal, als ich im Sauerland war, übers Wochenende zu einem Geburtstag des Ex-Mannes war das, da lag ich nur im Bett. Jetzt nicht so, wie man denken könnte. Das wäre schön gewesen. Nein, der Ex-Mann und ich hatten uns beide ein Magen-Darm-Virus eingefangen und kotzten und schissen um unser Leben. Das Zimmer sah hinterher, nach drei solcher Tage mal zwei Menschen, sehr schlimm aus. Ich erbrach mich noch montags auf der Straße auf dem Weg zu einem niedergelassenen Arzt in den aus dem Hotelzimmer mitgenommenen Papierkorb. Nun war ich wieder im Sauerland. Das war in gewisser Hinsicht auch zum Kotzen, mindestens aber ein Einblick in eine Party-Parallelwelt. Auf den leeren Wanderwegen abseits des Willinger Wuseltrubels hingegen war es durchaus auch schön.
Die Wanderung setzt mir zu – das liegt an den hohen Gräsern. Das Stück auf dem Rheinsteig zwischen Osterspai und Kamp-Bornhofen, das heute Teil meiner Wanderstrecke ist, bin ich wohl schon 100.000 Mal gegangen – aber noch nie durch beständig dichten Graswuchs, der so hoch ist wie ich. Wer hat das sonst gemäht? Ist der Wegewart verstorben? Nase, Augen, alles läuft, und die Beine, die in einer kurzen Hose stecken, sehen aus wie Streuselkuchen, rot-weiß. Also wie weiter?, frage ich mich, als ich vor dem nächsten mit Gras zugewachsenen Abschnitt bergauf stehe.
Das Highlight der heutigen Wanderung, zu der ich mich bei einer Gruppe angemeldet habe, ist eine Schnapsprobe im Bergischen. Führungen für Wandergruppen im Winter sind offenbar ein gutes Geschäft für kleine Schnapsbrennereien. Ich finde alles Mögliche in den Regalen, auch die im Lager vermisste kleine Marille, der Verkaufsleiter a. D. ist beeindruckt. Als ich gerade dabei bin, die Packung aufzureißen und die enthaltenen Flaschen an die umstehenden Interessenten zu verteilen, stellt sich heraus, dass die Marille-Kiste zur Abholung bereitsteht.
Irgendwann bleibe ich einfach sitzen. Am Gipfelkreuz. Und steige nicht mehr ab. Absteigen ist schon im übertragenen Sinne schlecht, im wörtlichen erst recht. Hat man, noch dazu wie jetzt zum Saisonschluss in Südtirol einsam, an Gipfeln herumgelungert und das Panorama von Zillertaler Alpen bis Marmolada bestaunt, die absolute Stille genossen, will man einfach nicht mehr runter. Auch wenn es im September trotz Sonne und Daunenjacke richtig frisch werden kann, wenn man im zotteligen Wind in fast 3000 Metern Höhe herumsitzt und zusammen mit den Alpendohlen die Rucksackverpflegung plündert.
Meistens bin ich alleine auf weiten Fluren unterwegs. Aus Gründen. Die Touren, wenn man zusammen durch Wald und Wiesen stiefelt, müssen im Anspruch passen, und das Tempo. Mögen sollte man sich auch, schließlich verbringt man einen ganzen Tag zusammen. Und irgendwann riecht man nicht mehr so gut. Das funktioniert mit wenigen Menschen, und wann immer es geht, bin ich mit diesen im Doppelpack anzutreffen. Der letzte Versuch, es mit einer Gruppe zu wagen, immer in der Absicht, den Kreis der infrage kommenden Menschen zu erweitern, hat mich dazu bewogen, aus dem Alpenverein auszutreten. Aber der Reihe nach.
„Sind das Ihre Pferde?“ – „Nee. Ich bin nur der Tierarzt. Zum Besamen hier. Ziemlich unromantisch.“ Es ist Sonntag, ich stehe nach vielen Stunden des orientierungslosen Umherirrens mit zwei Menschen vom Wanderforum an einer Pferdekoppel im Siebengebirge. Wir sehen ungefähr so aus wie die drei lustigen Astheinis.
„Nur wo du zu Fuß warst, bist du wirklich gewesen“ – dieses Bonmot wird dem großen Herrn von Goethe zugeschrieben. Damit schmücken sich gerne wandernde Menschen: „Schon der Goethe hat ja gesagt: …“. Ob der dem Alkohol sehr zusprechende Herr von Goethe damit vielleicht nur Ecken seiner Wohnstatt gemeint haben könnte, die er torkelnd gerade noch erreichte? Jedenfalls wäre ich niemals, ob mit oder ohne Bonmot, wenn nicht zu Fuß, nach Kurtscheid gelangt, auf den dortigen Aussichtsturm gestiegen und fast Mitglied des ortsansässigen Karnevalsvereins geworden.
„Ihr fragt euch, warum ihr hier seid? – Weil ihr es verdient habt!“, „Na, tun die Beine Scheiße-weh? Richtig so!“, „Maschiiiiiiiiiine!“, „Katja, ein Raster mehr rein, sonst fährt noch dein lahmer Bruder an dir vorbei“, „Widerstand!!!! Sehr geeeeiiiiillllll!“. Was das ist? Das ist Spinning. Und es hat mich wieder.
Zum Valentinstag passt es doch, dass ich gestern am Hochbermel, einem ehemaligen Steinbruch hinter Monreal in der Südeifel, einen sehr schönen Heiratsantrag gesehen habe.









