„Ey, Dennis, alte Gesichtsgrätsche, was geht!“ Es ist Samstagvormittag, in der Regionalbahn. Gegenüber von mir telefoniert ein Mann, wie sich herausstellen wird, ein DJ. Er erzählt seinem Kumpel vom letzten, wie sagt man – Gig? Heißt heute bestimmt anders. „150 Leute, die Normalen, und dann halt noch die ganzen Verstrahlten, die sind ja auch immer da. Gute Stimmung! Nice!“ Es wird über einen DJ aus Budapest gesprochen, „der war so schlecht, Alter, kurz vor Dancefloor leerspielen, echt jetzt. Viel zu viel Gage bezahlt. Fette Scheiße, Alter!“ Herrlich. Ich höre eine halbe Stunde lang vertieft zu und vergesse darüber, dass ich eigentlich zur Toilette wollte. Das rächt sich beim Aufstehen vorm Aussteigen in Overath.
Der Anlass meiner Zugfahrt ist eine Wanderung. Schon länger bin ich nicht mehr mit der Bahn zu einer Wanderung gefahren. Das übernimmt jetzt das Auto, in der Regel schneller, günstiger und komfortabler – und fernab der überfüllten, da mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbaren, Wanderrouten. Zuletzt gab es eine Horrorbahnfahrt mit dem 9-Euro-Ticket an einem brütend heißen Samstag im Sommer mit einer Freundin, die unbedingt mal mit dem 9-Euro-Ticket zu einer Wanderung fahren wollte. Wir waren elend lange von Köln bis hinter Koblenz und zurück unterwegs, in heillos überfüllten Zügen, kauerten auf dem Boden vor dem Klo. Wir lernten Schulter an Schulter Milieus kennen, die man aus Fernsehreportagen unter dem Stichwort „sozialer Brennpunkt“ kennt.
Jetzt fahre ich wieder Zug, weil das Highlight der heutigen Wanderung, zu der ich mich bei einer Gruppe angemeldet habe, eine Schnapsprobe im Bergischen, bei Hoffer-Alter, ist. Plus Schlusseinkehr. Da fährt man besser nicht mit dem Auto. Schon gar nicht, wenn man bereits nüchtern in eklige Situationen kommt. Die Wandergruppe kenne ich nicht, wir sind zu zwölft, alle anderen kennen sich, ich bin am dicksten eingepackt und die Jüngste. Hier mal wieder die Schnellste – das mit dem Tempo beim Wandern ist wirklich schwierig. Egal. Heute geht es ja nicht um die Strecke und den Sport, auch wenn am Ende doch 20 Kilometer zusammenkommen an diesem trüben, grauen, kalten Dezembertag, sondern: um den Schnaps.
Der kann sich dann auch wirklich sehen und kippen lassen, ich probiere viel Marille und wenig Grappa, eine Birne und sonst nix. Schnaps ist gefährlich, noch dazu, wenn es nach der Verkostung noch fünf Kilometer im Dunkeln bis zur Schlusseinkehr zurückzulegen gilt. Der verrentete ehemalige Verkaufsleiter der Schnapsbrennerei führt uns mit vorweihnachtlicher Engelsgeduld durch die kleine Produktionsanlage und das große Lager. Später werde ich dort in den Regalen mit ihm die Marille suchen und nur 1-Liter-Flaschen finden. „Verkaufen wir eigentlich nur an die Gastro“, sagt er. Ich überlege, ob ich endgültig in den Sprittistatus wechsle und nur für mich allein einen Liter Marille mitnehme. Ich lasse es sein; dafür wandert ein halber Liter Grappa in den Rucksack.
Von den Mitwandernden lassen es einige ordentlich krachen in der Probierstube, die mit dem kompletten Sortiment an Aufgesetztem, Korn, Obstlern und Likören bestückt ist. Schon beim Lesen der Etiketten wird mir blümerant; „Vanille“, „Schoko-Chili“, „Winterpflaume“, dazu die Spezialität des Hauses: das „Hermännchen“, Quittenlikör – Teufelszeug. Ich beiße lieber in eine weitere Scheibe Brot. Die Stimmung um mich herum wird immer launiger, der Verkaufsraum im Anschluss partiell leergekauft. Führungen für Wandergruppen im Winter sind offenbar ein gutes Geschäft für kleine Schnapsbrennereien. Ich finde alles Mögliche in den Regalen, auch die im Lager vermisste kleine Marille, der Verkaufsleiter a. D. ist beeindruckt. Als ich gerade dabei bin, die Packung aufzureißen und die enthaltenen Flaschen an die umstehenden Interessenten zu verteilen, stellt sich heraus, dass die Marille-Kiste zur Abholung bereitsteht. Wir können den freundlichen Rentner leider nicht davon überzeugen, uns die sechs Pullen einfach zu verkaufen und später bei Abholung zu behaupten, sorry, war nix, die Marillepupille war doch schon weg.
Die fünf Kilometer im Dunkeln sind trotz Stirnlampe – sehr dunkel. Ich kenne diesen Wegabschnitt, den bin ich im letzten Jahr dreimal gegangen. Im Hellen ist´s schöner. Ein Mitwanderer war zu mutig mit dem Probieren und dem Durcheinanderkippen, es geht ihm immer schlechter. Schokochilivanillemarillepupille-Hermännchen holt aus und schlägt voll zu. In Rösrath geraten wir in einen endlos scheinenden Treck aus durchaus phantasievoll weihnachtlich dekorierten Riesen-Traktoren mit leuchtenden Rentierschlitten, motorradfahrenden Weihnachtsmännern und blinkenden Aufbauten; so mancher US-amerikanische beleuchtete feuchte Weihnachtsschmucktraum ist nichts dagegen! Als wir endlich in der Schlusseinkehr ankommen, der Wirt hatte schon Sorge, wir kämen gar nicht mehr, flüchtet der Schnaps-Vermaledeite direkt zur Toilette und kommt für den Rest des Abends von dort nicht wieder. Ab und zu geht jemand aus der Gruppe nachschauen, ob er noch wach ist und lebt. Ich finde die Aktion super, das ist wie als Teenager, sowas erlebt man im gesetzten mittelalten aufgeräumten Berufstätigenumfeld ja kaum noch. Ich habe dieses Jahr nur einmal fast ins Taxi gebrochen und dem Taxifahrer mit meinem Schluckauf Sorgen um die Innenausstattung seines Autos bereitet, es war am Ende doch ein Cocktail zuviel. Dass sowas auch anderen und noch dazu bei völlig harmlosen Wanderungen im Bergischen passiert, finde ich gut. Auf den kotzenden Kollegen werde ich dereinst das Gläschen heben, wenn ich meine Grappaflasche öffnen werde. Und Memo an mich: eine Wanderung mit Hoffer-Alter auf der Route wiederholen, wenn es dort die kleine Marille wieder gibt.

Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.