Art Dating

Es gibt einen Film namens „Nachts im Museum“. Ich habe ihn nie gesehen, deshalb weiß ich nicht, worum es geht. Bei „Abends im Museum“ kann ich jetzt aber mitreden.

Feierabend. Frust. Was tun? Die Bewegungsimpulse aus der Reha haben sich bislang nicht nachhaltig in meinem Alltag verfestigt. Ich rede mich raus mit keine Lust, zu müde, zu viel Arbeit, scheiß Alltag, scheiß Rheinland-Winterwetter, scheiß Karneval in Köln und überhaupt. Und während die letzten Tage dann die Wärmflasche und die Couch das Rennen gemacht haben, lande ich diesmal im Rahmen des „Kölntags“ im Museum. Der Kölntag ermöglicht es mit Wohnsitz in Köln gemeldeten Menschen, immer am ersten Donnerstag im Monat die städtischen Museen kostenlos aufzusuchen.

Weil mein spontaner Nach-Feierabend-Spaziergang durch die Innenstadt und auch meine Laune vom zunehmenden Regen empfindlich gestört werden, stolpere ich, an lärmenden Karnevals-Korps und mittelalten Frauen mit wirren Perücken auf dem Kopf vorbei, hinein ins Wallraf-Richartz-Museum und dort an einen Stand, an dem „ART DATING“ steht. Oh, ein Date mit der Kunst! Zwei ältere Herren haben sich um den Stand gruppiert, ein sehr gut aussehender sehr junger Mann und zwei Frauen. Plus ich. Dabei bleibt es für den Verlauf des Abends auch. Es hat wohl auch schon Veranstaltungen mit 20 Personen gegeben. Beim „Art Dating“ soll man nicht nur die Kunst, sondern auch andere Menschen kennen lernen. Mh, ach, mir reicht die Kunst. Wobei der sehr junge Mann wirklich extrem gut aussieht. Mir wird wieder schmerzlich bewusst, dass bald die „5“ vornedran steht und es auch mal Zeiten gab, in denen ich kniemalader Klops so frisch und springinsfeldig war wie dieser junge Mann. Ich zwinge meine Gedanken vom Knie zurück zu den Kunstwerken, um die es ja gehen soll. Wenn es ums Knie geht, kann ich auch zu Hause bleiben. Und an der langen Liste für den nächsten Orthopäden-Termin weiterschreiben.

Beim „Art Dating“ gibt es eine kunsthistorische Führung, die aber nicht der still lauschenden Laiengruppe ganz viel erklärt zu den Kunstwerken im Museum wie sonst immer, sondern vielmehr den Teilnehmenden zuhört bei deren Interpretationen ausgewählter Werke. Ich stelle mir das für die Person, die die Führung macht, sehr schwer vor. Du hast Kunstgeschichte studiert, arbeitest lange Jahre im Museumsbetrieb und dann erzählen dir donnerstagsabends dahergelaufene Leute, was das Gemälde bedeuten könnte. Das geht so: „Art Dating“-Gruppe nimmt jeweils ein Museums-Höckerchen mit, Führung steuert einige ausgewählte Kunstwerke der aktuellen Ausstellung an, Höckerchen-Gruppe positioniert sich jeweils davor und interpretiert wild darauf los.

Mein lieber Nachbar sagte schon des Öfteren, „Was du alles siehst! Jedes Detail!“, und an diesem Art-Dating-Abend erfahre ich: Das stimmt. Ich sehe blutgefärbte Tücher an Frauen, die für verlorene Kinder stehen, verschattete, schemenhafte Figuren im Hintergrund, die für Verstorbene stehen, interpretiere zielsicher spontan einen in ein rotes Gewand geleibten Herrn mit zierlichen Blümchen an der Hand als Gärtner, dass es nur eine Freude ist. Für mich zumindest. Der sehr gut aussehende junge Mann hat einen ähnlich scharfen Blick. Wir reimen ganze Geschichten zu den Figuren auf den Bildern zusammen.

Die beiden älteren Herren tappen hingegen in meine Sexismus-Falle, wobei ich sagen muss, dass diese Falle mittlerweile für ältere Herren bei mir gewissermaßen unausweichlich ist. Und wer da einmal reingelatscht ist, findet nie wieder heraus und ist für ewig im Kopf der Frau aus dem Melandertal als übler Sexist abgespeichert. Das ist wie mit diesen fleischfressenden Pflanzen. Wer da einmal drin klebt, hat halt verloren.

Ich werde schnell unwirsch bei den Anmerkungen der älteren Herren. Die Körper der gemalten Damen seien so männlich, die Arme, die Beine so stämmig, die Brüste viel zu klein. „Das mag daran liegen, dass die Maler oft nur männliche Modelle hatten, weibliche kamen erst sehr spät hinzu, und dann hat sich die ganze Welt über Klimt oder Schiele aufgeregt!“, ereifere ich mich. Außerdem sind sich die Damen in der Höckerchen-Runde einig, dass Frauenkörper halt auch bis auf die wirklich zu kleinen Brüste so aussehen. Es sind nicht alle rank und schlank und haben eine Wespentaille. Ach, es ist ein Jammer.

Ich vertiefe mich lieber in weitere Details, entdecke halbe Hunde, Friedhöfe, Flüchtende in Treppenhäusern und einen tot auf dem Tisch liegenden Hasen, dem die Augen von einem Kind zugehalten werden. Es scheint aus der Warte des Kindes für den Hasen Schlimmeres zu geben als den Tod, den er ja schon gesehen hat. Damit werde ich gar nicht fertig. Wieso hält das Kind dem toten Hasen die Augen zu? Hat es mit dem Gärtner zu tun, der ihm gegenüber steht? Musste der Hase sterben, weil er Komprimittierendes vom Gärtner wusste? Fragen über Fragen! Also, mein Date mit der Kunst, in das ich da so ganz spontan hineingeraten bin, war ein Erfolg. Hinterher bessere Laune als vorher. Und, dann mit Eintritt, ist das Wallraf-Richartz-Museum nochmal aufzusuchen – es schließt nämlich Ende Juli 2026 wegen Bauarbeiten. Und wir alle wissen, was aus Institutionen des kulturellen Lebens wird, die in Köln wegen Bauarbeiten schließen: Sie machen nie wieder auf.

Die Frau aus dem Melandertal schaut: ins Nichts. Auf dem Foto steht sie im Bonner Kunstmuseum und starrt auf ein flächiges modernes Kunstwerk – aber das lassen wir hier aus Urheberrechtsgründen lieber weg.

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