Inselfunk Rügen: Ausgesperrt

Mitten in der Nacht reißt mich der Gedanke aus dem Schlaf, die Handbremse am Auto festgezogen zu haben. Um 2 Uhr sitze ich mit diesem Gedanken aufrecht im Bett. Draußen sind seit Wochen im winterlichen Göhren auf Rügen Minusgrade und die rheinlandverwöhnte Klinikbewohnerin mitsamt ihrem tiefgaragenverwöhnten Flitzer, dem jetzt sprichwörtlich draußen der Arsch abfriert, mussten lernen: Handbremsen frieren fest.

Mit Sicherheit habe ich das vor mehr als 30 Jahren in der Fahrschule gelernt, bei winterlichen Witterungsbedingungen den Gang statt der Handbremse zu verwenden. Bestimmt habe ich das als 18- oder 19-Jährige auch damals beim beigefarbenen VW Jetta so gehandhabt. Ich habe es in diesen Jahrzehnten aber wieder vergessen. Ich kenne nur milde Winter, das Auto auch. Zum ersten Mal haben sich dieses Jahr auch die Winterreifen so richtig gelohnt. Also, die Uhr zeigt zwei Uhr in der Nacht, was tun?

Mit meinem Auto verbindet mich eine Art Freundschaft. Das klingt nicht ganz gesund, ist aber so. Das Auto ist wichtiger Bestandteil meines Lebens, es hat mich nach meiner Trennung in meine ersten Urlaube alleine, zu weit entfernten, abgelegenen Wanderrouten gebracht, es hat mir Mobilität und Unabhängigkeit verschafft. Ich konnte mich nach einem Date mit einem Psychopathen darin verstecken und hinter den abgedunkelten Scheiben Hilfe organisieren. Es ist für mich, seit es 2021 in mein Leben fuhr, mehr als ein Vehikel, das mich von A nach B bringt. Zwar hat mich auch die Deutsche Bahn über die Jahre an viele schöne Orte gebracht und mir positive Erinnerungen beschert, aber mit mir und dem Auto ist es irgendwie was Anderes. Da habe ich das Gefühl, gemeinsam etwas zu schaffen – die lange Fahrt von Köln nach Göhren etwa.

Also gut, ich unternehme eine nächtliche gute Tat fürs Auto, schäle mich raus aus dem Bett, ziehe den Wintermantel über den Schlafanzug, setze die Mütze auf, stürme raus durch die leeren Flure auf den Parkplatz. Der Gedanke, dass am Morgen die Handbremse wieder festgefroren sein könnte und man womöglich nicht wie geplant der Klinik für einen schönen Tag in Stralsund entfliehen könnte, treibt mich schnurstracks ins Freie. Ich steige ein ins Auto, Gang rein, Handbremse raus. Dann fällt mir ein: Es ist mitten in der Nacht. Ich komme nicht wieder rein in die Klinik.

Minus fünf Grad, der Harmuckel schleicht im Dunkeln um die Gebäudetrakte wie schon in der Silvesternacht. Leider habe ich im Eifer des Gefechts überhaupt nicht daran gedacht, einfach meine Terrassentür zum Zimmer offen zu lassen. Und meine Beißerschiene habe ich auch noch an. Was tun? Außer meinem beleuchteten Zimmer sind alle anderen dunkel und ich kann nun schlecht die Scheiben zu meiner Klinik-Kemenate mit ein paar Strandsteinen einwerfen. Ich beiße in den sauren Apfel und schleiche von außen an das rund um die Uhr besetzte Schwesternzimmer in Trakt A heran. Ich klopfe ans Fenster. Nichts passiert. Ich klopfe nochmal ans Fenster. Nichts passiert. Ich klopfe sehr vehement und bestimmt ans Fenster, mit der Hand, in der ich nicht die Beißerschiene halte, und die Lamellen sowie das Fenster gehen von innen auf. Eine Schwester blickt heraus. „Ja?“ – „Ich habe mich ausgeschlossen. Ich bin im Schlafanzug zum Auto gerannt, weil die Handbremse drin war, und jetzt komm ich nicht mehr in mein Zimmer.“ – „…“ – „…“. – „Ihre Zimmernummer?“ – „51.“ – „Sie hatten also Angst, dass die Bremse festfriert?“ – „Ja, das ist sie nämlich schon mal. Und ich bin einfach losgerannt.“ – „Kommen Sie zu Ihrer Terrasse. Ich mach Ihnen von innen auf.“ So geschieht es. Ob das wohl im Bericht gestanden hat? Und falls ja, wie? „Zimmer 51 (Gott sei Dank reist die nächste Woche endlich ab! Nur Scherereien mit der 51!) klopft um 02:12 Uhr ans Fenster des Schwesternzimmers, in Schlafanzug und mit Beißschiene in der Hand, weil sie die Handbremse am Auto lösen musste und sich ausgeschlossen hat.“

Weitere Erlebnisse mit dem Auto

Die Schranke

Parkt da ein Aut-krrrrrrrrrchch

So ausgesperrt wie diese Katzen an einer geschlossenen Fischbude am Hafen von Gager war ich in der Nacht auch. By the way, Bilderrätsel: Wer entdeckt die dritte Katze?