Wofür sind neue Jahre und erste Januare da, wenn nicht dazu, Neues zu starten, sich was Neues vorzunehmen (was man meistens zwei Wochen später wieder verworfen oder vergessen haben wird) oder Altes aufzuwärmen und als Neustart zu verkaufen. Diesen Blog zum Beispiel. Es ist hier sehr ruhig, sehr, sehr ruhig, so ruhig wie im weihnachtlich still liegenden See geworden, weil drei Knie-OP ohne Erfolg oder Besserung sich leider auf die mit dem Wandern verbundenen Inhalte dieses Blogs ausgewirkt haben. Im Sinne von: Ich gehe nicht mehr wandern. Und ich gehe nicht mehr zum Spinning. Da ist das hier alles liegen geblieben, untergegangen und eingefroren. Permafrost im Melandertal.
Dafür bin ich jetzt gefühlt 30 Jahre älter, finde manchmal vor dem Spiegel, ich sehe auch so aus und der junge Hüpfer von vor drei Jahren hat nichts mehr mit der verrunzelten Speckfalten-Ansammlung von heute zu tun, die ächzend aus dem Bett rollt und sich in den Kompressionsstrumpf quetscht. Ich versuche mich zu arrangieren. Spinningrad verkauft, Spinning- und Wanderklamotten weggeschmissen, Urlaube am Meer statt in den Bergen. Weil: Da ist es flach. Flach findet das konstant beleidigt angeschwollene Knie gut. Für alle sportlichen Ausweichtätigkeiten der letzten Jahre schlägt mein Körper mir ansonsten ein Schnippchen, indem dann immer neue Wehwehchen auftreten, die ich nicht mehr loswerde. A la: entzündetes Handgelenk von drei Monaten Nordic-Walking-Kursen im Sommer. Also auch kein Nordic Walking mehr, dies reiht sich ein in die Serie mit Schwimmen (auch von erfolglosen Kraul-Versuchen wurde in diesem Blog schon ausführlich berichtet), Fitnessstudio (da habe ich die Hoffnung allerdings noch nicht ganz aufgegeben, doch ist Gerätetraining mit maladem Handgelenk so gut wie unmöglich), Yoga (gibt es eigentlich künstliche Handgelenke? Hat jemand davon gehört? Dann könnte ich wenigstens wieder Yoga machen!) – und weiß der liebe Gott was sonst noch alles.
Die ganze Litanei an erfolglosen Behandlungs- und Bewegungsversuchen und immer mehr Frust darüber hat mich an den Ort gebracht, an dem ich hier zum neuen Jahr jetzt diesen Blogbeitrag schreibe. Auf die Insel Rügen. Vier Wochen Reha wurden bewilligt, nach zwei Tagen bin ich nicht ganz sicher, ob ich die lange Zeit durchhalten werde, aber ich will es versuchen. Wie ich immer vieles versuche. „Sie war stets bemüht. Wirklich!“ wäre ein passende Grabinschrift. Falls das schon mal jemand notieren möchte!
Mein Leben als selbsttätig denkende und funktionierende Kompressionsstrumpfträgerin habe ich vorgestern an der Pforte der Rehaklinik abgegeben. Seither bin ich Kompressionsstrumpfträgerin im Korsett von Zeiten, Kursen, Wegen, Regeln, Vorgaben und Terminen.
Nur eine Tasse zum Frühstück, nicht zwei für unterschiedliche Getränke. Heißwasser zwischen den Mahlzeiten nur begrenzt. Unter den Wasserspender dürfen nur in der Klinik käuflich erworbene Wasserflaschen. Auto ausladen nicht nach Ankunft, sondern nach Warten auf dem Zimmer auf Anrufe von Schwester, Arzt, Ernährungsberatung und noch jemandem, den/die ich schon wieder vergessen habe. Aufpassen auf das Therapielaken, das man ebenso wie den Therapieplan immer mit sich zu führen hat. Mehrmals täglich beim Postfach an der Rezeption nachgucken, damit man nicht womöglich aufgetretene kurzfristige Verschiebungen oder Änderungen verpasst, die einem per Ausdruck im Postfach mitgeteilt werden. Diese Regel ist so vehement, dass man denke ich auf dem Vorplatz standesrechtlich erschossen wird, sollte man aufgrund eines nicht abgeholten Änderungszettels einen Kurs versäumt haben.
In einer Rehaklinik rennt man den ganzen Tag von A nach B. Dann nach C, F, J, L und Z, dann Speisesaal, dann sucht man P, wo man noch nicht gewesen ist, dann weiß man gar nicht mehr, wonach man suchen wollte. Erschöpft schlurft man in den Speisesaal. Den findet man immer.
Zum Jahresende 2025 sind an vielen Stellen innerhalb der Klinik Infoschreiben ausgehängt: An Neujahr bleibe der Eingang bis 2 Uhr offen, damit alle Insassen die Chance haben, Silvester auswärts zu feiern und in die Klinik zurückzukehren, die normalerweise früher die Schotten dicht macht. Sogar bei einem Telefonat Monate vorher wurde mir das bereits in Aussicht gestellt: Ausgang bis 2 Uhr, damit Zeit bleibt für das legendäre Hochfeuerwerk an der Seebrücke. Also, ich kann sagen, das Hochfeuerwerk an der Seebrücke IST legendär. Um 0:45 Uhr bin ich, innerlich noch sterneglitzernd und funkelwolkensprühend, zurück an der Klinik. Dort: verschlossene Türen. Der innere Glitzer erlischt sofort. Auch bei den anderen, die sich schnell als Rückkehrende am Eingang versammeln, öffnet der Transponder nicht das Tor und die silvesterliche Stimmung sinkt in die Gefrierzone Alltagslaune. Noch bevor wir uns gegenseitig ein frohes neues Jahr gewünscht haben, macht sich allenthalben Ärger breit in Form eines vielstimmigen Gefluches über die reglosen Türen. Wir tapern zu fünft im Schein der Smartphone-Taschenlampen um das sternförmige Gebäude herum, um zwischen zwei Strängen einen offenen Hintereingang zu finden, in den eine gute Seele einen Stein geklemmt hat. Happy new year in der Rehaklinik!

Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.
Habe es mit Spannung gelesen sehr schön geschrieben gefällt mit . . ….
Ich werde es weiter verfolgen…
Lg.Deine Tisch nachbarin Petra