Inselfunk Rügen: Schicksalsgemeinschaft

192 Zimmer hat die Reha-Klinik. Das sind zu jeder Zeit (außer bei Anreise zum Jahresende, da war die Klinik nur schwach belegt) 192 Schicksale. Menschen mit Beschwerden am Bewegungsapparat, in der Seele oder einer Kombi aus beidem. Einsortiert sind die Rehabilitierenden je nach Beschwerdelage in unterschiedliche Gebäudetrakte.

Es besteht eine seltsame, unausgesprochene Solidarität unter den Menschen, die hier per Zufall eine Gemeinschaft bilden. Alle wissen, dass alle beschädigt sind. Erstaunlicherweise wird deshalb kaum über die Erkrankungen gesprochen, wenn man sich miteinander unterhält. Es geht um andere Themen; man freut sich zu Tagesanbruch am Meer gemeinsam an den wunderschönen Sonnenaufgängen und spektakulären winterlichen Himmelslichtern. Man lacht gemeinsam über Dinge, die man im täglichen Klinikbetrieb mit all seinen Regeln, Orten und Abfolgen falsch macht, vergisst oder durcheinander bringt.

Das Wort „Schicksalsgemeinschaft“ meint wohl genau das, dieses unausgesprochene, wohlwollende Gemeinsame, das zwischen all diesen so unterschiedlichen Menschen aus allen Ecken und Enden der Republik (mit Schwerpunkt auf Nord- und Ostdeutschland) herrscht. Denjenigen, die neu ankommen, stehen die, die schon länger dabei sind, mit Rat und Tat zur Seite. Am Anfang ist alles furchtbar viel, unübersichtlich bis undurchschaubar. Nur Reha-Profis, die schon zwei, drei Mal eine Reha gemacht haben, blicken gleich besser durch.

Aus dem Zufall des gemeinsamen Aufnahmedatums ergeben sich die Tischbekanntschaften. Die Sitzplätze im Speisesaal sind fest zugeordnet, deshalb entwickelt sich zu den Personen, mit denen man sich über Wochen gemeinsam mehrmals täglich zu den Mahlzeiten am Tisch einfindet und redet, eine engere Beziehung. Auch hier geht es so gut wie nie um Krankheiten, OPs oder generell die Ereignisse, die dazu geführt haben, dass man hier zusammen über dem Teller hängt. Es geht um Lebenswege im Großen und die täglichen Wege zu vernünftigem Kaffee im Kleinen.

Die Schicksale und Situationen der Menschen in der Reha-Klinik zeugen von viel Kummer, Beeinträchtigungen, zerplatzten Träumen und Brüchen – und dennoch herrscht so viel positive Energie in den Kursen und Fluren der Klinik. Jede und jeder kämpft um etwas, um sich, seinen Alltag, seinen Beruf, vielleicht seine Existenz und eine Richtung im Leben, und dennoch ist die Stimmung kaum je trübselig oder niedergeschlagen. Ab und an fließen Tränen, an schlechten Tagen, oder wenn die Sozialberatung nicht die erhofften Exit-Strategien bedienen kann. Aber auch, weil plötzlich wieder Dinge möglich sind, die vor Antritt der Reha unmöglich schienen. Oder einfach, weil man Freude an etwas gefunden hat, das man nicht kannte, und dankbar dafür ist. In einer Feedback-Runde kämpft eine Mitinsassin mit den Tränen, vor Freude, weil sie zu Fuß die 2,2 Kilometer von der Klinik bergauf ins Dorf geht – und noch vor wenigen Wochen kaum 50 Meter gehen wollte und konnte. Alle in der Runde fühlen mit.

Ist man lange krank oder hat über längere Zeit Beeinträchtigungen, die einem von dem abhalten, was man immer gerne gemacht hat, traut man sich nach und nach immer weniger zu und verliert zunehmend die Freude an der Bewegung. Aus Angst vor dem Schmerz, der weiteren Beeinträchtigung und dem Gefühl der Niederlage. Mir geht und ging das auch so. Aber wenn diese vier Wochen auf Rügen mir eines gebracht haben, dann wieder mehr Vertrauen und Zuversicht in meinen Körper und seine Fähigkeiten. (Und außerdem die sehr netten Tischbekanntschaften natürlich.)

Vielleicht wäre die Welt eine bessere, wenn Menschen – nicht nur in der geschlossenen, abgeschirmten Käseglocke einer Reha-Klinik – grundsätzlich davon ausgingen im Umgang miteinander, dass wir alle in der einen oder anderen Form beschädigt sind. Und dass Äußerlichkeiten einfach keine Rolle spielen, wirklich nicht. Wenn, wie in einer Schule mit Schuluniform, alle Klinik-Insassen den ganzen Tag über immer dasselbe, nämlich bequeme Kleidung – Jogger, Hoodies, Sportkleidung, Schlappen und Latschen – tragen und gleich schlumpfig aussehen, fallen schon mal viele Hindernisse in der zwischenmenschlichen Begegnung weg.

Dieses Bild hängt in der Kirche von Göhren. Die aufgehende Sonne, auf die die Boote zusteuern, ist ein Heiligenabbild. Zum Einen kann man dieser bildlichen Übersetzung des spektakulären Sonnenaufgangs am Strand sehr viel abgewinnen, wenn man öfter, um nicht zu sagen: täglich, davor steht, zum Anderen hocken die Klinik-Insassen, so wie die Schiffsbesetzung auch, als Schicksalsgemeinschaft im selben Boot.