Die Vorfreude war groß. Schifffahrt an den Kreidefelsen entlang von Sellin bis zum Königsstuhl und zurück. Wie so oft im Leben, sah die Realität ganz anders aus. Nämlich so: Nix Kreidefelsen. Nebel, soweit das Auge reicht. Stattdessen wurde eine der mitreisenden Klinik-Mitinsassinnen irgendwann kreidebleich, aufgrund des Seegangs. Lessons learned: Tickets nicht vorab bei der Touri-Info kaufen, sondern vor Ort auf dem Schiff. Dann fährt man nicht bei jedem Wetter – und sieht auch was.
„Wenn das Wetter nicht geeignet ist, ruft die Schifffahrtsgeselllschaft Sie an und Sie können einen anderen Termin wählen“, war die Auskunft der Touri-Info bei Erwerb des Tickets, das stolze 30 Euro gekostet hat. Was soll´s, 30 Euro, denn: Wann fährt der Harmuckel schon mal an den vom geliebten Caspar David Friedrich verewigten Kreidefelsen auf dem Schiffchen staunend vorüber? YOLO!
Am Tag des Kreidefelsens, einem Samstag: dicke Suppe. Dichter, schwerer Nebel. Schon morgens beim 8-Uhr-Qi-Gong ist nichts zu sehen, die fließenden Bewegungen fließen nahtlos in den Nebel, der sie verschluckt. Und alles andere auch. Aber das Telefon bleibt still. Wir fahren zur Seebrücke Sellin – und tatsächlich: Aus dem Nebel schält sich ein Geisterschiff heraus und legt an.

Außer uns sind noch ein paar andere arme Verrückte an der Selliner und auch an der Binzer und Sassnitzer Seebrücke, an denen das Geisterschiff später anlegt. Vermutlich teilen wir alle das Schicksal, die Tickets vorab erstanden zu haben. Gemeinsam schauen wir stundenlang in den Nebel und versuchen es mit Fassung zu tragen, dass der Kapitän sein Programm durchzieht, höchstens ab und zu von „etwas eingeschränkter Sicht“ und „vielleicht heute nicht ganz so gut zu erkennen“ redet. Wir sehen: ein paar Meter Meerwasser und dahinter: Nebel. Nebel. Nebel.
Einigen an Bord wird es schlecht, mir auch. Nachdem wir durch die bleischwere blassgraue Dunstmasse die Kreidefelsen und den Königsstuhl in blumigen Beschreibungen des Kapitäns zwar gehört, aber nicht gesehen haben, verlassen wir schon in Sassnitz das Schiff und steigen auf den weniger seeschwankungsbeeinträchtigten Bus um. Der Kapitän scheint eine gewisse sadistische Veranlagung zu haben, oder sein Ansageprogramm ist ihm so dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen, dass er nicht mehr darüber nachdenkt, was er sagt – denn er gibt dem bleichen, enttäuschten Kreidefelsen-Publikum, das sein Schiff verlässt, per Lautsprecher mit auf den Weg: „Wir hoffen, die heutige Fahrt zu den Kreidefelsen hat Ihnen gefallen!“. Die stark Magen-angeschlagene Mitinsassin rülpst kräftig; die einzig sinnvolle Erwiderung darauf.
Im Bus lernen wir einen Busfahrer kennen, der sich für die zwischenzeitlich wiederhergestellte und mit frischer Energie zugestiegene Reha-Kombo in den Berechnungen von Kurkarte und Anschlusstickets verheddert; es muss alles nochmal neu berechnet, ausgedruckt und nachgezahlt werden, zehn Minuten Verspätung bei Abfahrt. Den Mitreisenden ist das völlig egal; mit einer stoischen Engelsgeduld warten sie, bis der Bus losfährt. Vielleicht sollte die Deutsche Bahn stark verspätungsgeschädigte Zugführer/innen zur Erholung auf Rügen Busse lenken lassen? Da regt sich niemand auf, offenbar. Der Busfahrer hat in Prora, ungefähr der Hälfte unserer Busstrecke auf dem Weg zurück nach Sellin, Schichtende. Er winkt der Reha-Kombo im hinteren Busteil freudig zu, als er aussteigt, und ruft uns nochmal quer durch den Bus zu, dass wir am Wendekreisel Serams nicht umsteigen müssen. Wir winken lachend und dankend zurück.
Sonntag. Blauer Himmel, unverschämter Sonnenschein, schönstes Sonntagswetter. Vom Nebel keine Spur mehr. Haken dran – und raus an die Luft und in die Sonne. Ein großes Hallo gibt es, als ich in Göhren in den Bus nach Alt-Reddevitz einsteige, wo ich auf dem Reddevitzer Höft herumlaufen und danach ein Stück Torte im Moccavino in Alt-Reddevitz verspeisen möchte. Am Steuer: der Busfahrer des Vortages! Weil außer mir niemand im Bus sitzt, kommen wir während der Viertelstunde Fahrt ins Gespräch. Am Ende der Fahrt und des Gesprächs steigt mein persönlicher Begleit-Busfahrer mit aus. Ich hatte erwähnt, dass ich als Touristin nochmal wiederkomme auf die Insel, um mir dann in Ruhe alles anzugucken, was ich jetzt aufgrund des vollen Stundenplans in der Woche und der beispielsweise nebligen Samstage nicht geschafft habe. Der Busfahrer so: „Ja, wir können das ja so machen, dass Sie mir Ihre Nummer geben, und dann schreiben wir uns, und wenn Sie dann wieder auf der Insel sind und Urlaub machen, dann sehen wir uns.“ WHAT??? War das jetzt nur in meinem Kopf? Nein. Es wurde wirklich von meinem Gegenüber ausgesprochen. Denn es blicken mich erwartungsvoll zwei Augen an, umrandet von einer rahmenlosen Brille, was allesamt zu einem einem freundlichen Busfahrer circa Mitte 60 gehört. „Äh! Sie haben ja Nerven!“, ist meine Antwort. „Das lassen wir mal.“ Ich schüttele zum Abschied die mit einem dicken, goldenen Ehering beringte Hand und ziehe meiner Wege. Vielleicht war der Nebel gestern psychogen, vielleicht war uns auf dem Schiff deshalb schlecht und auch dem durch den Nebel steuernden Busfahrer hat es – die Sinne vernebelt?
Stunden später, nach einmal Höft hinauf und wieder herunter, sitze ich wie erhofft vor einem unverschämt vielschichtigen und riesigen Stück „Königin-Luise-Torte“ und fange an zu lachen, als ich mir die Situation mit dem Schäferstündchen-suchenden Busfahrer nochmal durch den Kopf gehen lasse. Die Frauen am Nebentisch gucken verstört, vielleicht fragen sie sich, ob außer Alkohol noch andere Sachen in der Torte sind. Vielleicht ist als Alkohol auch „Küstennebel“ drin?
Für nächsten Sonntag wird es nun ausnehmend spannend. Denn die Reha-Klinik bietet für ihre Insassen eine organisierte Bustour zum Kap Arkona an. Für 35 Euro. Der ganze Tisch 36, das Reha-Damen-Trio plus seit einer Woche zwei Männer (einer davon unbedeutenderweise übrigens Busfahrer!), hat sich für den Ausflug eingetragen – und die großen Fragen nach diesem Wochenende sind nun: Stehen wir am Kap Arkona wieder im Nebel und sehen nichts? Und gibt es beim Einsteigen in den Kap-Arkona-Bus ein Wiedersehen mit dem Busfahrer auf ehelichen Abwegen? Wir werden sehen!

Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.
Oh ich habe richtig lachen müssen …..einfach schön….
Da bin ja gespannt auf den Sonntag???
Auch ich warte auf Sonntag