Auf der Insel Rügen im Winter zu nächtigen bedeutet: kein Gekreische von Papageien und kein Lärm von Frachtflugzeugen in der Nacht. Beides sorgt in meiner Kölner Wohnung für einen beträchtlichen nächtlichen Geräuschpegel. Hinter den Dünen der Rügener Reha-Klinik herrscht Ruhe, Stille, es rauscht nur der Wind oder das Wasser oder beides. Schon ein verirrtes Käuzchen in den Bäumen vor dem Fenster sorgt für ungewöhnliche Lautstärke in der Nacht. Die Ruhe zahlt sich aus: Nach zwei Wochen Inselschlaf sind meine Ohrgeräusche weg.
Vielleicht sind die lärmenden Halsbandsittiche, die in Köln mittlerweile das Stadtbild mitprägen und sich um Kopf und Kragen kreischen, die sich am Rhein entlang auch in anderen Städten ausgebreitet haben wie die Kaninchen, hier im Nordosten noch nicht angekommen. Oder die grünen Schreiviecher sind, wie die Zweibeiner ohne Flügel auch, nur zur Saison im Sommer hier. Tourismusmarketing so: „Genießen Sie den prächtigen Papageiensommer in Göhren!“ (Viel Spaß mit dem Lärm. Und den vollständig zugeschissenen Autos unter den Schlafbäumen.)
Der Winter, den ich hier auf Rügen im Januar 2026 vorgefunden habe, ist einer, der so voller Eis, Schnee, Sturm und kältebedingten Meeressensationen ist, dass es den Papageien den Popo abfrieren würde. Über Wochen Schnee und Glätte, eisige Temperaturen. Ich kann mich nicht entsinnen, wann ich das zuletzt erlebt habe. In Kombination mit der Ostsee, die jeden Tag andere Farben, anderen Seegang, bedeckten oder leuchtenden Himmel, einen glühenden Feuerball zum Sonnenaufgang oder nur milchige Lichtschlieren auffährt oder einfach wie seit einigen Tagen in der Klinik-Bucht komplett zugefroren ist – es ist absolut faszinierend, dieses tägliche winterliche Naturspektakel zu bestaunen, direkt hinter der Klinikdüne. Und zwar um Punkt 8 Uhr, beim Frühsport-Qi-Gong.
Nicht wintertauglich ist in Göhren das aus Design-Gründen verlegte Straßenpflaster. Im Zuge der Internationalen Gartenausstellung im Jahre 2003 neu gestaltet, sind die ockerfarbenen schmalen Quadersteine schon glatt, wenn es nur neblig ist oder regnet. Ganz zu schweigen von Eis und Schnee. Auch im Sommer gerät das Pflaster zur Rutschbahn, denn Sand und Flip-Flops oder Sandalen sind ebenfalls eine unfallträchtige Kombi für den Straßenbelag. Nun sind wirklich sämtliche Fußwege in Göhren – und Göhren ist ein hügeliges Örtchen – mit diesem gelben Rutschzeug gepflastert, das aufgrund der Farbgebung im Bereich der Seebrücke „Bernsteinpromenade“ heißt. Ungünstig für alle Fußgänger, derer es aus touristischen Gründen das Jahr über ja viele gibt. Vielleicht noch günstig für die Reha-Klinik, wo der eine oder die andere Gestürzte eventuell mal zur Wiederherstellung landet. Und dann hoffentlich beim Reha-Spaziergang egal zu welcher Jahreszeit nicht gleich wieder auf dem heißen Pflaster ausrutscht.
Rausgerissen und durch Praktischeres ersetzt werden kann das „Bernstein“-Pflaster übrigens nicht, da es aus Fördermitteln bezahlt wurde mit vertraglichen Regelungen für den Verbleib. Der Hersteller lacht sich vermutlich auch 23 Jahre nach diesem Coup mit Bernsteinpromenade gewordenem Bullshit noch kaputt. Und alle anderen schlittern fröhlich vor sich hin. Kreisch!
PS: Ein paar Tage nach Schreiben dieses Beitrags habe ich in Göhren die Kneipe „Zum grünen Kakadu“ entdeckt, mit einem Emblem, das dem Graffito stark ähnelt. Sie sind überall, ich wusste es!

Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.