Ist ein Leben ohne Leggings und Jogginghose möglich? Ich bin mir nach zwei Wochen in der Reha-Klinik nicht mehr so sicher. Durch die vielen verschiedenen Anwendungen und körperlichen Betätigungen den Tag über ist das die einzige Kleidung, die Sinn ergibt. Für draußen dann noch Thermohose und wetterfeste Jacke, Mütze, Schal und Handschuhe drüber. Verschiedene Schichten im Zwiebellook, Merinohemd, Trainingsshirt, Fleecejacke oder Pulli, Stulpen, Pulswärmer – fertig ist der Reha-Look.
Ich müsste eigentlich zum Friseur. Zu Hause würde ich angesichts der vielen weißen Stellen schon sehr nervös, hier interessiert das nicht. Die meiste Zeit habe ich tagsüber eh eine Mütze auf oder eine Kapuze, da sind die Haare drunter grade mal egal. Und mein Friseur Massimo hat mich über die Jahre gut erzogen. Ich fürchte seinen strengen, vorwurfsvollen Blick, wenn jemand mit weniger Feinschnittkompetenz als er sich an meine Wirbel etc. wagt und er das dann mit Korrekturschnitten hinterher wieder rausholen muss. Dieser Blick bringt das Glas im Spiegel, über den er mich im Friseurstühlchen erreicht, zum Glühen, und mich auch. Also, Massimo, ich halte durch. Und behalte den Mützenlook einfach auch im Büro bei, bis das mit einem Termin dann geklappt haben wird. Bei dem straffen Zeitplan hier in der Klinik würde ich ohnehin einen raumgreifenden Friseurtermin mit Schneiden und Färben nicht unterbekommen. Schwänzen wegen Friseurtermin wird bestimmt genauso hart geahndet wie Alkoholkonsum, Rauchen oder Beischlaf auf dem Klinikgelände: sofortiger Klinikverweis. Jaha, hier herrschen Zucht und Ordnung, Leute!
Neulich fiel mir eine Mitinsassin auf, die in einem taillierten Kleid mit Strumpfhose den Flur entlang schritt. Ich war tief beeindruckt, dass sie es offenbar in Würde geschafft hatte, einen alltagstauglichen Draußen-Stil aufrecht zu erhalten. Oder sie war vielleicht gerade erst angereist? Oder sie hat sich hier in der Klink beworben und vorgestellt? Ich sitze jedenfalls auch mit Leggings, Jogginghose und Fleecemütze im örtlichen „Junge“-Bäcker, der mein verlässlicher Koffein-Lieferant in dieser kaffeekargen Zeit ist. Wenn es draußen nicht so kalt wäre, würde ich mit Sicherheit auch vergessen, meine plüschig gefütterten Oma-Schlappen (extra vorher noch gekauft, ich wusste, wie kalt und zugig eine unrenovierte Reha-Klinik an der Ostsee im Winter an den Füßen würde werden können) rechtzeitig vor Verlassen der Kemenate gegen Winterstiefel einzutauschen. Wenigstens diese zivilisatorische Errungenschaft der Draußen-Schuhe halte ich noch aufrecht.
Außerhalb der Klinik gibt es viel zu sehen, ich werde bestimmt für einen Urlaub nach Rügen zurückkehren. Wann, muss ich mir noch überlegen. Im Januar und Februar hat hier alles zu. Deshalb ist es jetzt gerade so schön leer überall. Bis auf die Klinik hat nix Betrieb, „Rasender Roland“ fährt noch, paar Schiffchen. Ansonsten ist das ganze Jahr über immer Saison und alles ist immer teuer, und auch hier erzählen die Einheimischen, zum Beispiel während sie sich per Lymphdrainage meinem Knie widmen, davon, dass das Leben auf der Insel durch den massiven Tourismus und die damit einhergehenden Preise praktisch nicht mehr finanzierbar ist von einem normalen Gehalt. In mir reift der Gedanke, einfach für Kost und Logis dankbar zu sein – ich habe zwar viel Pflicht-Programm und häufig Kopfschmerzen, aber mir wird ein vierwöchiger Aufenthalt an einem schönen Fleckchen Erde bezahlt und sogar meine Handtücher werden gewechselt.
Die Möwen merken auch, dass wenig los ist. Sie können kaum Beute machen, in Form von Fischbrötchen. In Sassnitz bin ich des Sonntags hocherfreut darüber, endlich eine geöffnete Fischbude zu finden; sehr viele geschlossene habe ich bereits gesehen, seit ich auf der Insel weile. Also: noch fünf Fischbrötchen in der Auslage! Herrlich! Ein Schritt vor die Tür und ein beherzter Biss in den Heilbutt, da verdunkelt sich plötzlich der Himmel über mir und ich kann gerade noch so eine Möwe mit ausgefahrenem Brötchen-Klauengriff abwehren, ohne den heiligen, gerade erstandenen, köstlichen Heilbutt zu Boden oder in die Lüfte gehen zu sehen. Zu früh gefreut! Zwei weitere Möwen greifen an. Vielleicht arbeiten die drei auch als Gauner-Trio „Gemeinsam durch den fischbrötchenarmen Winter“ zusammen und teilen die Beute. Ich verstecke mein Brötchen unter dem Arm und suche mir eine sichere Stelle zum Verspeisen. Wie eine Katze, die die gefangene Maus unter die Treppe schleppt. Die drei Möwen umringen mich, auf Laternenpfählen und Pollern sitzend, und behalten mich im Auge. Ich sie auch. Aber das Brötchen bleibt meins.

Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.
Liebe Melanie, nä watt is datt schön, von Dir zu lesen. Ich hab‘ es schon vermisst. Deine Art Situationen zu beschreiben und alltäglichen Geschichten einen so humorvollen Rahmen zu geben.
Ich wünsche Dir eine erfolgreiche Reha.
L. G. Conny
Einfach herrlich wie du schreibst. Ich hatte es vor Augen wie du dein fischbröchen verteidigt hast.