Inselfunk Rügen: Attacke

Es gibt Erbsen, Raps und Kies. Nicht auf dem Teller und nicht am Strand, sondern im Ergo-Therapieraum F 20. Dort stehen Handbecken mit warmem Kies, Fußbecken mit Erbsen und eine große Schüssel mit eiskaltem Raps.

Fünf Persönchen finden sich vor dem Raum ein, die Vorstellungsrunde fällt so aus: „Auch Erbse?“ – „Nee, Kies.“ Team Erbse und Team Kies bestehen aus je zwei Personen. Für große Überraschung sorgt Person Nummer fünf mit ihrer Raps-Therapie. Blüten? Öl? Was verbirgt sich dahinter? Es sind schwarze, ölige Körnchen. Wir sitzen im Raum einträchtig nebeneinander, die jeweiligen desinfizierten Extremitäten in Erbsen, Kies oder Raps gesteckt, und wühlen und arbeiten mit unseren Materialien in Hand oder Fuß 20 Minuten lang herum. Ich gehöre zu Team Kies, das mit den Händen die warme Masse aus Steinchen schaufelt, in die jemand kleine silberne Herzchen geworfen hat. Vielleicht ist es auch Teil einer Übung, die ich wieder nicht verstanden oder die Erklärung dazu überhört habe, vielleicht muss man was mit den Herzchen machen. Ich wühle einfach, ignoriere die Herzchen, frage mich, ob Desinfektion der Hände reicht, wenn den ganzen Tag alle möglichen Leute ihre Hände in den Kies stecken. Ob man nicht besser den Kies wechseln müsste. Wahrscheinlich kriege ich wieder Warzen. Dem Handgelenk ist das egal, dem tut das endlich mal gut. Ich überlege, wie ich in meiner Mini-Wohnung eine Kieswanne an der Couch anbringen könnte. Oder am besten gleich eine ganze große Badewanne voller Kies platzieren.

Bei der Progressiven Muskelrelaxation ist man gezwungen, unter sich zu machen bzw. in der im Liegen eintretenden Entspannung einfach alles laufen zu lassen. Anders ist die Regel, während des Kurses nicht mehr hereingelassen zu werden, wenn man zur Toilette musste, wohl nicht zu interpretieren.

Nach dem ersten Tag Programm, durchgängig von 8 Uhr bis in den Abend (das Frühstück nicht mitgerechnet, das müsste schon vorher abgeschlossen sein; da bleibe ich lieber liegen, zumal es keinen vernünftigen Kaffee in dieser Klinik gibt), platzt mein Kopf. Ich lege mich mit Kopfschmerzen ins Bett und über Nacht reift eine Migräne heran. Mich weckt der Brechreiz. Den ganzen Tag liege ich im Bett. Mein Medikament bekomme ich nicht, weil es nicht im Aufnahmebogen steht, und weil ich so selten Migräne habe, habe ich das Zeug auch nicht von zu Hause mitgebracht. Ich liege und leide vor mich hin, habe Mitleid mit meinen Nerven. Es wundert mich nicht, dass es bei so viel kleinkariertem Wahnsinn und einem vollgestopften Programm Kurzschlüsse im Kopf gibt.

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