Meistens bin ich alleine auf weiten Fluren unterwegs. Aus Gründen. Die Touren, wenn man zusammen durch Wald und Wiesen stiefelt, müssen im Anspruch passen, und das Tempo. Mögen sollte man sich auch, schließlich verbringt man einen ganzen Tag zusammen. Und irgendwann riecht man nicht mehr so gut. Das funktioniert mit wenigen Menschen, und wann immer es geht, bin ich mit diesen im Doppelpack anzutreffen. Der letzte Versuch, es mit einer Gruppe zu wagen, immer in der Absicht, den Kreis der infrage kommenden Menschen zu erweitern, hat mich dazu bewogen, aus dem Alpenverein auszutreten. Aber der Reihe nach.
Wandern ist, auch wenn man alleine durch Wald, Wiesen und über Felder und Flure zockelt, ein Gesellschaftserlebnis. Man trifft Menschen, die entweder auch unterwegs sind, zu Fuß oder auf dem Mountainbike, oder an Einkehren, Campingplätzen, Aussichtstürmen und dergleichen. Manchmal bin ich regelrecht froh, wenn ich danach wieder in einen steilen Waldpfad einbiegen kann, den sonst keiner nutzt.
Ist man alleine unterwegs, ist irgendwann einfach Ruhe. Die ersten Stunden ist der Kopf noch voll, die letzten Tage, Wochen werden rekapituliert, Überlegungen angestellt, Verhalten in Frage gestellt, abgewogen, bei wem man sich mal wieder melden müsste, bei wem man sich falsch oder eben doch gerade ganz richtig verhalten hat, was im Job die Woche über aufgelaufen ist und welche Geburtstagskarten in Kürze zu schreiben sind. Das hört irgendwann auf. Der Kopf ist leer, es ziehen Bilder durch den Kopf, so wie die Augen sie einfangen: Bäume, Wolken, Wegmarkierungen, Raubvögel, Mäuselöcher. Sonst nichts. Hat man eine schöne, ruhige Aussichtsstelle als Rastpunkt, geht die ganze Konzentration auf das, was man gerade macht: essen, trinken und in den Himmel gucken. In diesen Momenten ist klar, dass man sonst zu keiner Zeit bewusst isst oder trinkt, weil man nebenher liest, auf irgendein Gerät glotzt, mit anderen redet oder mit den Gedanken woanders ist, meistens bei dem, was man gleich, nach dem Essen und Trinken, zu erledigen hat.
„SIE MARSCHIEREN HIER EINFACH SO ALLEIN DURCH DEN WALD?!“, rief mir vor einigen Wochen irgendwo im Westerwald eine ältere Dame, mit ihrer Freundin und Walkingstöcken unterwegs, zu. Genau so, entsetzt, in Großbuchstaben. Zuvor waren die beiden regelrecht auf mich zugestürzt, so dass ich schon mit komplizierten „Wir finden unser Auto nicht, können Sie uns helfen?“-Anfragen gerechnet hatte. Stattdessen also waren die beiden in heller Aufruhr und großer Sorge um die allein daherlatschende Mittvierzigerin. „Ja, aber warum denn auch nicht? Das mache ich ständig!“, habe ich geantwortet und die beiden erstaunt und ratlos zurückgelassen. Und bin weitergezogen, mit Rangerhut, Wanderstöcken und großen Wasserflaschen am und im Rucksack. Es ist irgendetwas Wald-Traumatisches in dieser Seniorinnen-Frauengeneration, auch meine in Rente befindliche, sehr robuste Nachbarin fühlt sich allein mit ihren Walkingstöcken im Wald nicht sicher. Im Wald mitten in der Stadt, wohlgemerkt.
Oberhalb von Oberdollendorf biege ich sonntagnachmittags um die Ecke und stehe plötzlich erschrocken einer Meute junger Männer gegenüber, schwarz gekleidet, kantig geschnittene Frisuren, oft gepaart mit gestricheltem Oberlippenbärtchen. Offenbar hat die Hitlerjugend 2.0 ein Workshopwochenende an der Grillhütte verbracht. Auf ihren T-Shirts steht: Sozial. Patriotisch. Aktionistisch. Ich will gar nicht wissen, was das heißt, und sehe zu, dass ich Land gewinne. An der Hütte sitzen verstreut ein paar Landsermädels mit blonden, geflochtenen Zöpfen. Was ist mit denen los? Was bewegt junge Männer und Frauen dazu, sich in rechtslastigen Horden mit Hitler-Attitüde zu verbünden? Haben die im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst oder waren immer krank, als das Dritte Reich drankam? Dann allerdings müssten sie sehr, sehr oft krank gewesen sein, denn in meiner Erinnerung war der Geschichtsunterricht am Gymnasium ein steter Wechsel aus Römischem und Drittem Reich.
Der Vereinsmeierei vom Deutschen Alpenverein bin ich über die Jahre treu geblieben, auch wenn ich mich oft gestört habe an diesem durchscheinenden Duktus des Altherren-Ansagerischen. Das äußert sich zum Beispiel in den Tourenbeschreibungen. Da wird im August 2022 der Hinweis: „!!! Teilnahme auf Wunsch des Tourenleiters nur 2G !!!“ geführt. Was soll das? Wenn man eine solche Angst vor Corona hat, aus welchen Gründen auch immer, dass man ohne jegliche Grundlage die Nachweispflicht aufrechterhält, dann sollte man es vielleicht einfach so machen wie ich und alleine losziehen. Vielleicht gibt es aber auch einfach nur Bestätigung, zu Beginn einer Tour alle kontrollieren zu dürfen. Einer solchen Tour habe ich mich also bei meinem jüngsten Gruppenwanderversuch erst gar nicht angeschlossen.
Samstag, Ankunft Parkplatz, Startpunkt der Tour. In aller Herrgottsfrühe, viel früher, als ich sonst unterwegs bin. Das noch zeitigere Aufstehen als an Arbeits- und sonstigen Wandertagen hätte mich fast dazu bewogen, die Teilnahme abzusagen. Aber ich wollte es nochmal versuchen mit dem Wanderclub und bin bei der Verabredung geblieben. Nach mir fahren drei weitere Autos vor, und mein Herz rutscht mir schon tief in die Hose, als die jeweiligen Insassen herausspringen. Drahtige Fuffziger, nichts als ein Trinkrucksack als Gepäck, und zwei Frauen, Typ Lehrerin, eingehüllt in pralle Quasselwolken voll guter Laune. Mein BlaBla-Gitte-Trauma wird aktiviert, und noch während ich das verarbeite, sagt schon einer der Drahtigen: „Die Melanie ist heute die langsamste.“ Das wäre, Memo an mich, der Punkt gewesen, mir direkt den Track vom Tourenleiter geben zu lassen und gar nicht erst mit den anderen zu starten. Es gibt Dinge im Leben, die ergeben von Sekunde null an keinen Sinn, und diese Situation auf dem Parkplatz war genau so ein Ding.
Letztlich habe ich den Track dann zehn Minuten später bekommen, an einem Aussichtspunkt, den ich nur gefunden habe, weil eine der Lehrerinnen sozial genug war, zwischen der davonsprintenden Riege und mir den Kontakt zu halten. Der Trupp war direkt bei Losgehen außer Sichtweite, da hatte ich noch nicht mal meine Wanderstöcke ausgefahren und meinen Körper auf „Bewegung“ eingestimmt. Harmuth mit pochendem Herzen einsam am Hang. So bin ich die Runde dann wie immer alleine gegangen, in meinem Tempo, mit meinen Gedanken, und habe den Entschluss gefasst, diesem Verein Lebewohl zu sagen.







Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.