Wieder oben

Irgendwann bleibe ich einfach sitzen. Am Gipfelkreuz. Und steige nicht mehr ab. Absteigen ist schon im übertragenen Sinne schlecht, im wörtlichen erst recht. Hat man, noch dazu wie jetzt zum Saisonschluss in Südtirol einsam, auf Gipfeln herumgelungert und das Panorama von Zillertaler Alpen bis Marmolada bestaunt, die absolute Stille genossen, will man einfach nicht mehr runter. Auch wenn es im September trotz Sonne und Daunenjacke richtig frisch werden kann, wenn man im zotteligen Wind in fast 3000 Metern Höhe herumsitzt und zusammen mit den Alpendohlen die Rucksackverpflegung plündert.

Den Rucksack voller Jacken und Futter, ging es täglich auf den Berg und zum Ende des Urlaubs hin wegen schlechter Sicht auch mal unverrichteter Dinge eine Viertelstunde vor dem Gipfel zurück oder gleich ganz nur auf halber Höhe entlang. Es gab einiges auszuprobieren beziehungsweise zu bewältigen in diesem Wanderwundertütenurlaub: Macht der Fuß mit oder wieder Ärger? Traue ich mich allein jeden Tag auch bei schlechter Sicht raus und hoch und wieder runter auf den Wegen? Wie geht es mir damit, in den Hotels und Hütten diejenige zu sein, die als Frau alleine am Tisch sitzt, nicht nur, wie oft, ein Wochenende, sondern zwei Wochen lang? Am schwierigsten war tatsächlich der letzte Part. Der Fuß ist wieder fit, Frau Harmuth wandert jetzt eben mit Stöcken, bis vor einem Jahr undenkbar, aber ich mache alles, was der Fuß will, um an dieser wunderbaren Lieblingsbeschäftigung Wandern festhalten zu können. Dieses Hobby alleine zu pflegen, ohne Partner, Freundin oder Wandergruppe, und dafür mit dem Auto den weiten Weg vom Rheinland nach Südtirol zu fahren, dies würde bei einem Mittvierziger nicht hinterfragt, wohl gar nicht wahrgenommen, bei einer Mittvierzigerin schon. So oft wie in diesem Urlaub wurde ich noch nie darauf angesprochen, alleine unterwegs zu sein. Gut, man könnte auch sagen, in Südtirol ist es geselliger als im Bayerischen Wald. Denn dort wurde letztes Jahr aus demselben Grund viel geglotzt, in Südtirol hingegen wird gesprochen.

„Sie waren auf dem Peitlerkofel? Ganz oben? Auf dem Großen? Allein? Respekt!“ Nachdem die Kellnerin beim Abendessen im Hotel diese Wortkette ausgesprochen hat, gibt es an den Tischen ringsum kein Halten mehr und für den Rest den Aufenthalts bin ich vom älteren Ehepaar aus Weißenburg links fest adoptiert und in die gemischte Gruppe aus Würzburg rechts, die allesamt seit Jahren um diese Zeit in diesem Wengener Hotel Urlaub machen, integriert. Der Piz Pares am Tag zuvor hatte diesen Effekt noch nicht. Ich nehme es hin, dass für Frauen viele Dinge nach wie vor nicht selbstverständlich und eine Erwähnung wert sind, dass es wohl eher ins Bild passen würde, wenn ich mich den ganzen Tag in die Sauna legen oder durch die Boutiquen in Brixen und Bruneck streifen würde. Es springt immerhin der eine oder andere Grappa für mich dabei heraus. „Köln ist zurück!“, vermeldet der Weißenburger seiner Frau, wenn er bei Ankunft der verschwitzten Harmuth gerade auf dem Balkon sitzt.

Es geht gar nicht ladylike stinkend, schwitzend und mit verdreckten Stiefeln und Stöcken raus und rauf. Meine Tage bestehen aus Frühstück, Gehen, Abendessen, Schlafen, meistens passt auch noch eine Stunde Sauna dazwischen. Das könnte und sollte mein Leben sein. Mir wird nicht langweilig, es gibt so vieles zu sehen, zu erleben und zu bestaunen – die überraschte Gemsenherde, als ich früh am Morgen auf dem Rückweg von der Fanes-Hütte ins Tal um die Ecke biege und deren Frühstück störe, die vielen Murmeltiere, die nicht mit Publikumsverkehr rechnen, vor meinen Füßen längs und quer über die Wanderwege hetzen und gar nicht mehr zum Pfeifen kommen vor lauter Stress, in ihren Bunker zu springen, mitten im Wald am Steilhang grasende Kühe, alle möglichen Arten und Formen von Meisen und irgendwelchen bunten -kehlchen. Kalt ist es um diese Zeit, aber auch unfassbar still, manchmal so sehr, dass ich in feinen Bewegungen die Steine der Berge rieseln, rauschen, rutschen und fallen höre. Die steinernen Riesen sind ständig im Umbau, auch wenn sie weder so aussehen noch so wirken.

Viele Stunden verbringe ich in diesem Urlaub damit, mir zu überlegen, ob ich ein solch anderes Leben an einem solch anderen Ort führen könnte. Schon oft habe ich mich das gefragt, aber jetzt bin ich wieder alleine, da kann ich mich das noch öfter fragen, so oft, bis es nicht einem Partner, sondern mir selbst beginnt, auf den Keks zu gehen. Und das ist: sehr oft. Womit könnte ich meinen Unterhalt verdienen, wenn nicht mit einem Job in der Gastronomie? Texte und Kommunikationskonzepte braucht in diesen Dörfern und Tälern niemand. Ich hätte es sehr schwer, zu schwer vermutlich, akzeptiert zu werden. Kein Kerl, keine Kinder, kurzhaarig, freche Klappe, kein Fleisch, kein Bier. Und was mache ich im Winter? Ich müsste wohl noch das Skifahren lernen. Das habe ich nie gelernt. Und Italienisch. Das habe ich schon mal gelernt, aber wieder vergessen.

Letztlich lebe ich wohl nicht umsonst in einer großen Stadt, nachdem ich in einem kleinen schwäbischen Dorf aufgewachsen bin. Mein Herz versucht mir im Urlaub immer was anderes weiszumachen, aber es lässt natürlich den Alltag außer Acht. Alltag ist nichts fürs Herz. Und Urlaub ist das Gegenteil von Alltag, da guckt das Herz auch nicht so genau hin. Ich rede lange mit der gleichaltrigen Patricia, die eine der Hütten am Fuße des Peitlerkofels bewirtschaftet, die Ütia Sot-Pütia. Sie lebt allein, hat viele Brüder, die alle Frauen und Kinder haben, und sie wollte das nie. Wir sprechen über das Leben, die nicht funktionierende Liebe, das Alleinsein. Ich schließe Patricia ins Herz und wir umarmen uns lange zum Abschied. Ihr ganzer Clan bewohnt ein Hofgelände im zur Hütte nächstgelegenen Dorf, etwas, das, wie ich im Laufe des Urlaubs herausfinde, typisch für dieses ladinische Tal ist. Anwesen oder Weiler, die wirken wie ganze Dörfer, aber eine in sich geschlossene Wirtschaftseinheit sind. Dazu gehört im Falle von Patricias Familie auch eine Pension. Vielleicht mache ich da mal Urlaub? Dann sehe ich sie auch wieder. Ich bin eine Woche nach der Peitlerkofel-Besteigung mit einer anderen Tour nochmal an Patricias Hütte vorbei gelaufen, aber da hatte sie sie schon zu. Ich hätte sie gerne noch einmal getroffen. In der nahegelegenen Fontanella-Hütte wärme ich mich diesmal auf und packe kurzentschlossen noch eine sehr schwere Dreiviertelliter-Glasflasche Zirbenschnaps für das Bruderherz in den eh schon vollen, schweren Rucksack und schleppe noch mehr Gewicht den steilen Anstieg zur Peitlerscharte, der beim zweiten Besuch auch nicht mehr frei, sondern komplett zugeschneit ist, hinauf. Sollte es ganz schlimm werden an diesem Tag, könnte ich den Schnaps immerhin noch selber trinken.

Nach dem langen, langen Abstieg von der Fanes-Hütte, mehr als 25 Kilometer durch gefühlt alle Klima- und Wachstumszonen der Welt abwärts, durch Frost, Schnee, Schotter, Sonne, in einem großen Bogen, über ein Felsplateau, durch eine Scharte, einen Geröllhang, durch Bergwald, über Wiesenhänge mal sanft, mal sehr steil hinab, treffe ich, fast zurück am Ziel und Ausgangsort am Tag zuvor, dem Hotel in Wengen, im Wald auf einen alten Mann mit Karohemd, Hut und einem gigantischen Korb voller – Pfifferlinge! Mir fallen fast die Augen aus dem Kopf. In den letzten Jahren habe ich wegen der Trockenheit kaum noch Pilze gesehen, auch jetzt im Südtirol-Urlaub nicht, und dann steht da dieser sympathische Südtiroler Opa mit einem Wagenrad-Korb voller Pfifferlinge. „Wohnen Sie im Hotel oder in einer Wohnung?“, fragt er mich. „Im Hotel, beim Pider.“ – „Ach, beim Stefan. Schade, wenn Sie eine Wohnung gehabt hätten, hätte ich Ihnen die Taschen vollgemacht und Sie hätten für heute und morgen Ihr Abendessen gehabt.“ Ich gucke wehmütig. „Wo kommen Sie denn her?“ Ich erzähle ihm von meinem großen Abstieg in weitem Bogen. „Das sind Sie alles heute schon gelaufen? Steigen Sie ein! Ich nehm sie die zwei restlichen Kilometer mit! Ist eh nur noch Asphalt bis ins Dorf.“ Das lasse ich mir nicht zweimal sagen, meine Knie schreien mich schon seit einer ganzen Weile an, vor allem seit ich eine vermeintliche Abkürzung im Wald entdeckt hatte, die in einer wilden Keilerei mit einer Weidenabsperrung, gerodeten, aber nicht geräumten Bäumen und unvorhergesehenen Hangabbrüchen endete und damit mit beleidigten Knie, wegen dem starken Gefälle, außerdem blauen Flecken und Kratzern von den Bäumen. Sehr gerne steige ich zum Opa und den Pfifferlingen ins Auto. Eine kleine Spinne seilt sich von meiner Hutkrempe ab.

Wohingegen ich auf den Wegen mit vielen Menschen in Kontakt komme, passiert das dort, wo ich am meisten damit gerechnet hätte: auf der Hütte, überhaupt nicht. Da sind die italienischen, amerikanischen und niederländischen Grüppchen unter sich. Die anwesenden Deutschen bestehen aus einem missmutigen Düsseldorfer Pärchen und einer Yuppie-Nachwuchs-Juristen-Gruppe, die beim Abendessen lautstark frauenfeindliche Witze reißt. Manche Dinge ändern sich wohl leider nie. Die Typen sind in ihren Zwanzigern, aber sowas von überhaupt nicht woke. Vielleicht ist es auch eine Burschenschaft. Sie rauchen, saufen, labern zotigen Scheiß und finden sich geil in ihren mit auf die Hütte geschleppten Cordhosen, Hemden und Sakkos. Vielleicht haben sie das Zeug auch hochfahren lassen. Beim Düsseldorfer Pärchen bricht Streit aus, weil er ein bisschen mitkichert und Juristen-Witzfetzen wiederholt, sie das aber im Gegensatz zu ihm überhaupt nicht witzig findet. Die Amis haben sich ebenfalls verkleidet, es sieht aus, als wären sie aus einer Sitcom gefallen, in der „europäische Hüttenübernachtung“ nachgespielt wird. Es wirkt alles unauthentisch und aufgesetzt, und für den Rest meines Lebens kann ich das Wort „refuuuudscheyyyyoooo“, das italienische „Refugio“ amerikanisch ausgesprochen, nicht mehr hören.

Auf der Tour zum Zwölferkofel, die ich wegen Schnee und schlechter Sicht abbreche, auch die noch höher gelegene Puez-Scharte zur Puez-Hütte ist nicht mehr drin, interviewe ich auf dem Abstieg den Baggermann, der da oben im Nirgendwo vor der zerfallenen Antersasc-Alm einen Fahrweg aus dem Fels haut, wie es dazu kommt. Zehn Jahre hat der Streit gedauert, letztlich wurde vom obersten Gericht im Rom entschieden: Die Antersasc darf neu gebaut und der bisherige, idyllische Märchenwanderpfad durch eine 2,5 Meter breite Fahrstraße ersetzt werden. Mitten im Unesco-Weltnaturerbe-Gebiet. Ein Alptraum. Ich gucke traurig in das letzte Stück noch unversehrter Landschaft. „Ihr mit euren Rucksäcken!“, poltert der Baggermann. „Ihr kommt hierhin für ein paar Tage, lauft mit euren Rucksäcken durch die Gegend und wollt, dass in den Bergen alles so bleibt, wie es ist. Das geht für die, die hier leben, aber nicht.“ Ja, das verstehe ich. Aber die Vorstellung, dass dieser abgeschiedene, idyllische Ort spätestens in zwei Jahren auch ein Remmidemmi-Rummel mit Hüpfburg, Erlebnis- und Barfußpfad, Grillevents und irgendeinem Maskottchen-Scheiß sein wird, die tut mir dennoch weh. Vielleicht richten es auch die Berge. Bei einem Unwetter im August wurde ein Großteil des bisherigen, durch das Antersasc-Tal führenden Wanderwegs an mehreren Stellen weggerissen, von einigen mächtigen Muränen, mit deren Folgen an vielen Stellen rund um den Talort Lungiarü große Baustellenfahrzeuge beschäftigt sind. Die Ausweichroute zur Antersasc-Alm führt schon jetzt – über den frisch angelegten Fahrweg. Ich spreche später, zurück im Tal, die Hotelwirtin auf die Antersasc-Geschichte an. Sie sagt, es breche ihr das Herz. Dieser verwunschene Ort, beliebt bei den Einheimischen, ein Kommerz-Spektakel. „Ich kann dort nicht mehr hinauf gehen.“

Geradezu faszinierend finde ich in diesem Urlaub das Modell „Erklärbär“ oder, moderner: Mansplaining. Ich sitze mit meiner Wanderkarte auf der Terrasse der Fanes-Hütte oder mit den Alpendohlen mampfend auf der Antoniusspitze oder glotze einfach nur in die Gegend – und bekomme unaufgefordert die Berge, die Welt und das Leben erklärt. Wolkenformationen („Föhnfische!“), Bergketten und -gipfel ringsum werden eingeordnet. Henning aus Darmstadt, mit dem ich den Großen Peitlerkofel auf dem letzten, seilversicherten Stück steil am Fels entlang zusammen überlebe, ist der erklärfreudigste von allen. Zu jedem Berg im Panorama kennt er, oben am Gipfelkreuz sitzend, eine Geschichte, und es sind verdammt viele Berge. Bei mir ist das ohnehin vergebliche Liebesmüh – ein Berg wie der andere, Höhe, Name, alles in Sekundenbruchteilen wieder vergessen. Außer den Drei Zinnen und dem Ifen erkenne ich nix. Diverse, in Pension befindliche Lehrer erklären mir in verschiedenen Situationen gleich die ganzen Dolomiten; mit meinen schwachen Einwürfen, dass ich mit dem Ex Fischleintal, Drei Zinnen, Sarlkofel, Bonner Hütte kennengelernt habe und noch viel, viel mehr, dessen Bezeichnungen mir nur eben wieder entfallen sind, dringe ich nicht durch. Beeindruckend ist, wie viele verschiedene Stellen der Marmolada, aus der im Sommer ein Stück herausgebrochen und abgerutscht ist, mir im Laufe der Tage als die eine Unglücksstelle gezeigt werden. Ganz davon abgesehen, dass die Marmolada zwar zu sehen ist und in bezauberndem Weiß erstrahlt, aber einfach zu weit entfernt ist, als dass man mit bloßem Auge irgendetwas Genaueres erkennen könnte. Das sehen die Herrschaften anders! Ganz klar ist der Umriss des Abbruchs zu erkennen, mal ist er eben hier, mal da. Ich nicke jedes Mal interessiert und sage: „Ah ja! Ach was! Jaja, ganz klar! Mhm!“ und fühle mich wie in einem Loriot-Sketch. Der Marmolada ist´s auch egal, im Zweifelsfall brechen alle genannten und gezeigten Stellen einfach auch noch aus ihr raus.

Endlich wieder so richtig oben auf dem Berg, hier dem Großen Peitlerkofel. Der Fuß, hier dekorativ auf dem Felsen in Szene gesetzt, weiß in seinem tiefsten Inneren offenbar auch, dass Bergsteiger-Blut in ihm fließt, denn er hat brav durchgehalten.
Bei der Ütia da Rit oberhalb von Wengen/La Val
Blick von der Antoniusspitze Richtung Fanes-Hütte (unten links im Bild zu sehen). Die Dolomiten faszinieren und beeindrucken mich ein ums andere Mal.
Auf dem Rückweg von der Antersasc-Alm
Oben sah´s so aus, noch bei blauem Himmel – das änderte sich dann und ich traute mich nicht weiter
Blick auf die Kreuzkofelgruppe. Ich kam, im dortigen Massiv unterwegs, an Abzweigen zum Kreuzkofel vorbei, die Touren waren aber schon zu lang dafür. Da hilft nur: nochmal hin!
Postkartenidyll – die Santa-Barbara-Kapelle oberhalb von Wengen

Ein Gedanke zu “Wieder oben”

  1. Mellilli: ich war mit Herz und Sinn mit Dir oben und unten und mittendrin…hast mich abgeholt….einfach wundervoll geschrieben, der Wanderwundertütenurlaub!!!!
    Danke!!

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