Hält das Knie, hält es nicht, wie lange hält es, wie sehr kann ich es belasten, kann ich bergab gehen,…
Als alles vorbei ist, fällt der Groschen. Die Freundin und ich stapfen nicht mehr auf Schwarzwald-Wanderwegen nebeneinander her wie die letzten Tage über, sondern wir sitzen nebeneinander im Auto auf der A5 zurück nach Köln. Am Tag zuvor kämpften wir uns bei Hitze die Schlussetappe der Murgleiter von Baiersbronn auf den Schliffkopf empor. Kurz vor Schluss kommen wir an einer zugewachsenen Stelle mit Infotafel vorbei. Jetzt, im Auto, geht mir auf: Das war die Murgquelle! Und die Murgleiter heißt so, weil man von Gaggenau aus murgaufwärts der Quelle in fünf Etappen entgegensteigt.
Die Wanderung setzt mir zu – das liegt an den hohen Gräsern. Das Stück auf dem Rheinsteig zwischen Osterspai und Kamp-Bornhofen, das heute Teil meiner Wanderstrecke ist, bin ich wohl schon 100.000 Mal gegangen – aber noch nie durch beständig dichten Graswuchs, der so hoch ist wie ich. Wer hat das sonst gemäht? Ist der Wegewart verstorben? Nase, Augen, alles läuft, und die Beine, die in einer kurzen Hose stecken, sehen aus wie Streuselkuchen, rot-weiß. Also wie weiter?, frage ich mich, als ich vor dem nächsten mit Gras zugewachsenen Abschnitt bergauf stehe.
Irgendwann bleibe ich einfach sitzen. Am Gipfelkreuz. Und steige nicht mehr ab. Absteigen ist schon im übertragenen Sinne schlecht, im wörtlichen erst recht. Hat man, noch dazu wie jetzt zum Saisonschluss in Südtirol einsam, an Gipfeln herumgelungert und das Panorama von Zillertaler Alpen bis Marmolada bestaunt, die absolute Stille genossen, will man einfach nicht mehr runter. Auch wenn es im September trotz Sonne und Daunenjacke richtig frisch werden kann, wenn man im zotteligen Wind in fast 3000 Metern Höhe herumsitzt und zusammen mit den Alpendohlen die Rucksackverpflegung plündert.
Meistens bin ich alleine auf weiten Fluren unterwegs. Aus Gründen. Die Touren, wenn man zusammen durch Wald und Wiesen stiefelt, müssen im Anspruch passen, und das Tempo. Mögen sollte man sich auch, schließlich verbringt man einen ganzen Tag zusammen. Und irgendwann riecht man nicht mehr so gut. Das funktioniert mit wenigen Menschen, und wann immer es geht, bin ich mit diesen im Doppelpack anzutreffen. Der letzte Versuch, es mit einer Gruppe zu wagen, immer in der Absicht, den Kreis der infrage kommenden Menschen zu erweitern, hat mich dazu bewogen, aus dem Alpenverein auszutreten. Aber der Reihe nach.
Erinnert sich noch jemand an BlaBla-Gitte? Dieser Typ Frau hat 2021 trotz Trennung meinen Entschluss bestärkt, lieber alleine durch die Wälder, Wiesen und über Wege zu ziehen als in einer Gruppe. Jetzt bin ich wieder auf ein solches Exemplar getroffen und erwäge, aus dem Alpenverein auszutreten.
Hallihallohallöchen, ich bin´s, der rechte Fuß, der Nachbar vom linken Fuß, haha! Immer ganz vorn mit dabei, immer einen Schritt voraus, immer forsch voran. Als First Mover des ganzen Harmuthschen Körpers habe ich dem Klappergestell mal gezeigt, wo der Hammer hängt, der Bartel den Most holt und der Frosch die Locken hat. Ach, das ist doch für die Füße!, das wird leichtfertig oft so dahingesagt, aber, meine Damen und Herren, da kennen Sie uns Füße schlecht.
Der lange Corona-Winter war auch deshalb so lang, weil man sich zwar beim Wandern den Arsch abfrieren konnte, danach aber nirgends zum Aufwärmen einkehren oder gar übernachten. Stattdessen in zugigen Regionalbahnen frierend durchrütteln lassen auf dem weiten Weg zurück in die einsame Corona-Wohnung in der großen Stadt mit Ausgangssperre. Warm ist es zwar nach wie vor nicht, aber einkehren und übernachten geht wieder. Davon mache ich regen Gebrauch.
Seit ich dem Mann davongelaufen bin, ist es schwer, jemanden für den Gleichschritt beim Wandern zu finden. Das verwundert nicht…
Als Flachlandtiroler-Trainingsstrecke für Bergwanderungen hat der Alpenverein vor fast 20 Jahren die Ahr 2000 ausgerufen. Auf fast 60 Kilometern geht…








