Der lange Corona-Winter war auch deshalb so lang, weil man sich zwar beim Wandern den Arsch abfrieren konnte, danach aber nirgends zum Aufwärmen einkehren oder gar übernachten. Stattdessen in zugigen Regionalbahnen frierend durchrütteln lassen auf dem weiten Weg zurück in die einsame Corona-Wohnung in der großen Stadt mit Ausgangssperre.
Warm ist es zwar nach wie vor nicht, aber einkehren und übernachten geht wieder. Davon mache ich regen Gebrauch. Oder: machte? Einige Orte, in denen ich noch vor Kurzem war, gibt es jetzt nicht mehr. Schuld, Insul, Altenahr. Und der Fuß will nicht mehr. Seit einigen Wochen ist das stahlhart wandererprobte Füßchen rechts malad und mag nicht mehr gehen, schon gar nicht mehr wandern. Ich schlucke kiloweise Ibuprofen und hoffe auf eine aufklärende Diagnose gerne ohne OP, dafür mit gemsengleichem Springen nach Genesung. Fußgott, erbarme dich.
Bis sich vor ein paar Wochen erst das Auslöschen einer beliebten, wunderschönen Wanderregion, dem Ahrtal und Teilen der Eifel, und der Zusammenbruch des Fußes ereigneten, habe ich wochenends Feld und Flur durchstreift in ganztägigen Gewaltmärschen und dabei, vor allem in den Einkehren, bemerkenswerte Wald- und Wiesenbekanntschaften gemacht.
In der Südeifel stellt sich die Übernachtungsmöglichkeit als Gartenhütte mit komfortablem Innenleben heraus. Der Rest der uralten Dorfkneipe, in deren Garten während des Lockdowns die Holzbehausung errichtet wurde, ist seit schätzungsweise 1952 unangetastet und originalverpackt. Erst sitze ich alleine im großen, holzvertäfelten Gastraum, trinke Weißwein aus dem Römerglas und stochere im Convenience-Salat. Die einzige Option ohne Fleisch außer Pommes, und ich traue dem Frittierfett nicht. Nach und nach kommen ältere Herren auf ihr Samstagabendgedeck herein. Es wird selbstverständlich geraucht. Ich sitze nicht mehr lange allein an meinem Salattisch. Eine Frau aus der großen Stadt, im gemusterten Kleid, mit Schlappen, in denen 35-Kilometer-Wanderfüße stecken, Nichtraucherin und Besitzerin des vor der Tür auf dem halb verfallenen Parkplatz stehenden schwarzen Autos, erregt Aufmerksamkeit. Und mehr als das: Nach ausgegebenen Obstlern (ich bin da erschreckend trinkfest) rechnet sich der spendable Pfälzer Chancen aus. Ich lehne dankend ab und verweise auf meine komfortable Gartenhütte. „Ha! Da habe ich letztes Jahr den Strom verlegt! Ist gut geworden, oder?“ Am nächsten Tag klemmt unter dem Scheibenwischer seine Nummer.
Der Ort, an dem das Auto der munter Herumwandernden am zweiten Tag parkte: abgesoffen. Die Straßen, die ich auf der Suche nach einer geöffneten Tankstelle mit dem im Radio schmetternden Billy Idol abklapperte: nicht mehr vorhanden, unterspült, aufgebrochen, unter Geröll verschwunden. Als ich die Bilder sehe, schreibe ich die Scheibenwischer-Nummer doch an, was ich eigentlich nicht machen wollte. Es geht Mr. Obstler gut, sein Haus und sein Dorf stehen noch, drum herum nicht mehr so viel.
In Insul habe ich Ende Juni übernachtet, im renovierten Hotel mit lauschigem Biergarten an der Ahr. Ich kann mir nicht vorstellen, dass davon noch irgendetwas übrig geblieben ist. Wie ich mir alles an dieser Katastrophe nicht vorstellen kann. Dieser braune, staubige und stinkende Geröll-Höllenschlund das, was einmal ein liebliches, von Felsen, die Schrock, Ümerich, Teufelsloch und Engelsley heißen, umstandenes Tal war, mit der lau dahinplätschernden Ahr und gemütlichen Winzerstuben darinnen. Bis auf die Felsen ist alles weg.
Auf dem Rheinsteig geht mir nach der furchtbaren Flut ausgerechnet das Wasser aus. Drei Liter habe ich mitgeschleppt, die reichen sonst. An diesem seltsam dunstig-schwülen Tag nicht. Schnell sind die Flaschen leer, noch zehn Kilometer bis zum Ziel und ich auf dem Trockenen. Woher jetzt Wasser bekommen? Keine Ortschaft, keine Infrastruktur ringsum. Da: Stimmen! Ich nähere mich. In einer Hütte im Wald auf dem Berg angekommen, treffe ich auf vier karierte Männer beim Kartenspielen. „Habt ihr Wasser?“ – „Nee, nur Wein und Bier!“ Einem fällt ein, dass er Wasserflaschen im Auto hat und er geht mit mir ein Stück dorthin, drückt mir zwei davon in die Hand und ich bin gerettet. Bis ich am Ziel ankomme, sind auch die leer. Ich habe noch nie so viel getrunken bei einer Wanderung. Am nächsten Tag geht der Fuß kaputt, auf dem Lahnwanderweg zwischen Dausenau und Obernhof. Können auch Füße absaufen? Den Schlusspunkt der Lahntour setzt Laurenburg, dort warte ich am Bootsanleger-Imbiss auf den nächsten Zug, bei zerlaufener Nussecke und Cola. Im Verlaufe des Verzehrs nehme ich das Aussehen der Nussecke an und fühle mich im Gesicht vollständig mit Schokolade glasiert. Gott sei Dank tragen wir jetzt Maske! Beim Verlassen des Bootsanlegers rufen mir die rund um einen Tisch versammelten Inhaber der in der Lahn schaukelnden Boote hinterher: „Tschö mit ö, tschüs mit üs, au revoir, auf Wiedersehen und servus!“ Ich erwidere: „Tschau mit v.“ Es folgt ein unbezahlbarer Moment des verdutzten Schweigens, in dem man förmlich hören und spüren kann, wie „häääääh?! Da ist doch gar kein V drin….!“ gedacht wird. Ich grinse unter meiner Schokomaske vor mich hin.
Bei der Übernachtung an jenem Wochenende in Braubach ist die Wirtin ein bisschen außer und steht neben sich, weil ihr Mann einen Schlaganfall hatte und nach einem Besuch in der Klinik feststeht, dass der nicht mehr der Alte, sondern eher ein Kind sein wird. Sie bittet mich, ihr beim Gießen der brasilianischer-Amazonas-mäßigen Bepflanzung, die sich großzügig zwischen mehreren Gebäuden durch den Innenhof rankt, zu helfen. Ich bin ja in einem Leben gelandet, in dem ich nichts mehr vorhabe, auch samstagabends in Braubach nicht, und so greife ich zum Schlauch. Nicht weit entfernt ist die Welt im Wasser untergegangen, und ich helfe beim Blumengießen.
Ansonsten kann man auf Aussichtstürmen in der Vulkan- und Südeifel Menschen kennenlernen. Zwei Männer, die ihre Wanderungen immer danach planen, welche Aussichtstürme und -punkte sie jeweils in ihrem Fernglas von einem ebensolchen aus erspähen. Dann stehen sie bei der nächsten Wanderung dort und gucken durchs Fernglas auf den Punkt zurück, von dem aus sie die Stelle entdeckt haben, an der sie jetzt sind. Sie sind geradezu fassungslos, dass man ohne Fernglas unterwegs sein kann. Ich verweise auf das Gewicht, das dann auch noch zu schleppen wäre, zusätzlich zu meinem eh immer prall mit Regenzeug, Jacken, Medikamenten und Erste-Hilfe-Tasche, literweise Wasser und Futter in Plastikdosen gefüllten Rucksack. Vor Corona hatte ich nicht so viel Proviant dabei, seither packe ich für alle Fälle immer ordentlich was ein. Verhängnisvolle Touren, bei denen ich mich mit einem ebenso mageren wie matschigen Müsliriegel durchbringen musste, weil sich die Hoffnung auf „irgendwas unterwegs wird schon to-go offen haben“ jäh zerschlug, haben mich vorsichtig werden lassen. Ich habe mir jetzt einen größeren Rucksack gekauft. Andere würden damit eine 34-tägige Alpenüberquerung durch vier Länder bestreiten oder eine Südamerika-Durchwanderung, ich eine Tageswanderung im Mittelgebirge.
Dass Vertretungsbauer ein Beruf ist, habe ich auch auf einem dieser Aussichtstürme gelernt. Wer einen Hof zu versorgen hat und erkrankt, bucht für die Zeit des Ausfalls den sportlichen Mountainbiker neben mir. Ich werde zum Glück in solchen Situationen nie danach gefragt, was ich mache. Geschichten sammeln und aufschreiben entweder für 1.800 Leute, die im selben Laden arbeiten wie ich, oder für einen privaten Blog. Vermutlich würde ich angeschaut wie eine Kuh kurz vorm Kalben mit absehbar kompliziert verheddertem Nachwuchs, der einen äußerst aufwendigen Geburtsvorgang mit viel Blut mit sich bringen würde. Manchmal fühlt sich der Beruf aber tatsächlich genau so an. Harmuth lenkt das Gespräch lieber weg vom Beruflichen, ist in der Freizeit eh besser. Den nächsten Vertretungsbauer frage ich, ober er mir nicht kurz den Fuß wieder zurechtrenken kann, zwei Handgriffe, Knacken, Nachjustieren, fertig. Wahrscheinlich muss ich noch nicht mal den Wanderstiefel dafür ausziehen.







Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.