Von Rimbach hat niemand je gehört. Außer den Erdenbewohnenden vielleicht, die wie ich zu Gast im ortsansässigen Hotel in dem kleinen Ort im Bayerischen Wald oder vielmehr: der Oberpfalz waren. Fast hätte ich Opferpfalz geschrieben. Hinter dem Hotel liegt der Hohenbogen, erreichbar über beschauliche Waldwirtschaftswegschleifen, die dem genervten Fuß nicht allzusehr zusetzen. Dafür wegen Ödnis der ebenfalls genervten Fußbesitzerin. Oben sitzt man im „Schönblick“ und genießt ebendiese Aussicht, kann anschließend mit einem sehr alten Sessellift hinabgondeln ins Tal auf der anderen Seite (von wo man vermutlich mit acht verschiedenen Buslinien in nur drei Tagen wieder zum Ausgangspunkt zurückkommt) oder den entzündeten Fuß provozieren, indem man dann doch noch über Fels, Wurzel, Stock und Stein weiter über den Hohenbogenrücken und wieder zurück ins verschlafene Dorf wandert. Darauf einen Apérol.
Der Bayerische Wald also. Großer Arber, Arbersee, Bodenmais. Leise klingen Erinnerungen aus der Kindheit an, vor Ort kann ich mich tatsächlich an nichts davon erinnern. Gut, dann erleben wir eben alles noch einmal neu, der Fuß und ich. Ich habe einen Deal mit ihm geschlossen: Wir sind fünf Tage vor Ort. Fünf Tage Sonnenschein und blauer Himmel. Normalerweise würde ich also fünf Tage lang von morgens bis abends irgendwo draußen herumlatschen und sonst nix von der Welt wissen wollen. Auch nicht vom Fuß. Das ist jetzt anders. Ich reduziere das Wanderprogramm auf zwei Tage, ansonsten wird zu Glasbläsereien gefahren, im Schwimmbad geschwommen, viel Apérol getrunken und auf der Massageliege im Hotel herumgelegen. Die Großzeh-Strecksehne, falls jemand so etwas schon einmal bei sich entdeckt haben sollte, hoffentlich ohne zugrundeliegende Schmerzen, greift der Masseur gleich ganz beherzt zu Beginn, nachdem ich ihm gesagt hatte, er möge den beleidigten Fuß bitte aussparen. Konfrontationsbehandlungen kennt man aus der Psychotherapie. Ob die auch bei entzündeten, eingeschnappten Extremitäten in der Physiotherapie angeraten sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich bin jedenfalls dankbar, dass durch das Herumdrücken nicht alles noch schlimmer wird, schwimme extralange und trinke sicherheitshalber einen Apérol mehr.
Das Highlight der Woche ist der Goldsteig, ein alter Fernwanderweg, auf dem ich ein Stück gehen will, bis zum Tagesziel Großer Arber. Weil ich nun ja meine Wandertage so erheblich einkürzen musste, wird die Tagestour entsprechend ausgeweitet und ich bastele mir ein längeres Etappenstück zusammen als in der Einteilung vorgesehen. Am Ende werde ich auf sehr vielen Hügeln des Bayerischen Waldes gestanden haben, die allesamt mit einem stattlichen Gipfelkreuz versehen sind, euphemistisch als die „Acht-Tausender-Tour“ beschrieben, aber den Sahnehäubchen-Schlusspunkt, nämlich den Großen Arber und die geplante Abfahrt mit der Gondel, werde ich verpassen. Wenige hundert Meter vor dem Ziel, kurz nach dem Kleinen Arber, muss ich umplanen, weil in diesem Moment die letzte Gondel die Bergstation Großer Arber verlässt. Zu Fuß hinab in den nächsten Ort sind es einige Kilometer – ich muss noch nicht einmal mehr in mich hineinhorchen, um herauszufinden, dass ich das aktuell nicht mehr schaffe. Der Fuß brüllt: DENK NOCH NICHT MAL DRAN! DEN GANZEN TAG WURZELN, FELSEN, HOCH UND RUNTER, 1400 HÖHENMETER, ICH BIN ENTZÜNDET! HALLO? PLUS DIE GROSSZEHENSTRECKSEHNENDINGS-MASSAGE! GEHT´S NOCH? ALSO, ICH HÄTTE JA DAS ANGEBOT MIT SECHS WOCHEN GIPS GERN ANGENOMMEN! MICH FRAGT JA HIER KEINER! PFFFFFFFFFFFF! Jaja, mei, is scho recht. Passt scho. Bleibst ruhig, und ich bleib stehn. So stehe ich dann also. Im Wald, vor einer herannahenden schwarzen Regenwand, am Fahrtweg von der Bergstation und setze darauf, dass nach Abfahrt der letzten Gondel motorisierte Menschen zurück ins Tal aufbrechen. Es dauert nicht lange, und ein weißer Handwerkerbus hält an.
„Wo wuist hi?“ – „Äh, Rimbach.“ – „Wos?!“ – „Wo fahrt ihr denn hin?“ So komme ich nach Bodenmais, wo es in der sehr strukturschwachen, der strukturschwächsten Region Bayerns überhaupt, der Opfer-, äh, Oberpfalz, immerhin zahlreiche Busverbindungen gibt. Die sehr freundliche Dame in der Touri-Info, vor der mich die netten Handwerker absetzen, die den ganzen Tag über Wanderbeschilderungen am Großen Arber erneuert haben („I hoff bloß, mir hom do koans verkehrtrum higstellt! Hahaha!“), faltet einen sehr großen Busplan auseinander, verschwindet dahinter und ich höre sie murmeln. Sie taucht kurz darauf wieder auf, mit der ermittelten letztmöglichen Busverbindung des Tages, die wenigstens einigermaßen in meine Rimbach-Richtung geht. Immerhin leisten hier noch Menschen aus Fleisch und Blut in vergleichbarer Geschwindigkeit das, was sonst Algorithmen machen, die aber garantiert Hinweise wie „S – fährt nur an Schultagen“ oder „*verkehrt nur an Sonn- und Feiertagen“ außer Acht gelassen hätten, und ich wäre noch immer in Bodenmais. Den Rest des Weges übernimmt das Taxi. Nach mir schließt die Touri-Info, die sehr freundliche Dame nimmt zwei Touristinnen mit, die zufällig in ihrem Heimatort Quartier bezogen haben und dort mit dem Bus an diesem Tag auch nicht mehr hinkommen. Es ist 17 Uhr. Nicht 23. Die Regenwand ist jetzt auch in Bodenmais angekommen. Ich habe noch Zeit für einen Apérol und fahre dem Regen eine Stunde später mit dem letzten Bus in die Abendsonne davon.
Auf dem Großen Arber war ich dann doch noch. Ich habe es nicht ausgehalten, dass die ganzen Mühen des Tages und das Geschrei des Fußes um den eigentlichen, sprichwörtlichen Gipfel gebracht wurden. Am darauffolgenden Tag bin ich also von Rimbach nach Bayerisch Eisenstein gefahren, habe am Seilbahnparkplatz geparkt, bin mit der Seilbahn hinauf- und wieder hinuntergegondelt, um mit dem Auto noch ein Stück weiterzufahren und am Arbersee einen Apfelstrudel zu essen. Wäre ich dort nicht so furchtbar abgelenkt gewesen von einem Notarzteinsatz, hätte ich vielleicht auf den See mit seinen dahintreibenden Tretbooten starrend einen Erfolgsschlager getextet: „Apfelstrudel am Arbersee, ob ich dich jemals wiederseh, du meine große Liiiieeebe? Wir trafen und verliebten uns, dein Blick so tief wie Wassers Grund, und nun ziehst du dahin….“




Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.