Kaltkalt. Kaltkaltkaltkalt. Warum um alles in der Welt ist Wasser so kalt? Weil der Mensch da nicht reingehört? Aber wo gehört er schon hin? In die Lüfte? A propos: Einatmen. Überhaupt atmen. Einatmen. Ausatmen. Luft holen – und los! Der schönste Moment: unter Wasser abstoßen vom Beckenrand und laaaaaaange gleiten. Dann geht das Bahnengerangel los.
Neuerdings bin ich im Wasser. Da war ich 30 Jahre lang nicht. Als Teenie bin ich viel und gerne geschwommen. Dann kamen: das Fitnessstudio, das Wandern, das Spinning, das Rennradfahren (wieder aufgegeben). Spinning geht gerade gar nicht, Wandern nur ein bisschen, irgendwas muss die stillgelegte 45-Jährige aber machen, also geht sie schwimmen.
Am besten klappt es, wenn nur wenig los ist im Becken und im Bad, wenn das Wasser nicht schwappt und wogt, kein Rutschen-Kreischen und Sprungturm-Geschrei durch die furchtbare Akustik schallt. Dann finde ich Ruhe, in die gleichmäßige Bewegung und Atmung. Meistens ist zu viel los, Überholen, Ausweichen, Kinder machen Tauchübungen und ploppen vor einem aus dem Wasser, ringsum alles voller Menschen, darunter der irgendwas brüllende Vater der Tauchkinder. Ständig verheddern sich treibende Haare anderer Leute zwischen den Fingern oder am Schließfach-Armband und es gibt diese Momente, in denen man sich zwingen muss, nicht darüber nachzudenken, welche oder wessen Sekrete oder Pflaster das sein könnten, die da gerade hübsch ausgeleuchtet an einem vorbeiziehen. Viele Beckenbevölkerer bewegen sich mit Windmühlen- oder Baggerschaufel-Kraulen voran, brauchen zu viel Platz dafür und bringen mich aus dem Konzept, in dem Fall: aus der Atmung und aus der Bahn. Hust, urps, Pause. Augen zu. Atmen. Abstoßen. Neuer Versuch.
Wie war das mit der Beinbewegung? Einatmen, ausatmen. Gegenverkehr ausblenden, auf die Beine konzentrieren. „Entenfüße! Dann Karate Kid!“, sagt die Schwimmtrainerin, die jetzt auch schon eine feste innere Stimme in meinem Kopf zugewiesen bekommen hat. Ich versuch´s. „En-ten-füüü-ße, Karate Kid!“ Geht so. Linkes Bein macht wieder was anderes. „Nicht immer so nach außen schlagen!“, sagt streng die innere Stimme. Einatmen. Ausatmen. Von hinten schwimmt was auf mich drauf. Ich erschrecke mich so dermaßen über die Baggerschaufel-Kraul-Attacke von hinten, dass ich erstmal mit völlig durcheinander geratenem Schnaufen auf der Stelle im Wasser tretend festhänge. Gut, Aquajogging mache ich jetzt mittwochs ja auch, kann man das hier mitten auf der Bahn auch mal anwenden.
Diese Kälte. Vielleicht härtet die ja auch ab mit der Zeit. Die Schwimmbrille ist auch schon wieder beschlagen. Nicht zu lange am Beckenrand abhängen, wird nur kälter, außerdem kommt schon wieder einer baggerangeschaufelt, also Umdrehen, Einatmen, Ausatmen – Gleiten. Auf meinem Badeanzug steht „Speedo“. Ich fürchte, ich enttäusche da die Erwartungen. Durch die Jogi-Löw-mäßige „höggschde Konzentration“ leidet glaube ich die Geschwindigkeitsperformance. Was soll´s. Hauptsache keine Nackenschmerzen, auch wenn „Slomo“ der passendere Badeanzug-Badge wäre. „1a Wasserlage! Super Schwimmhaltung!“, sagt außerdem ausnahmsweise mal als was Nettes die innere Stimme.
In drei verschiedenen Bädern mache ich Schwimmexperimente. In einem sind die Bahnen sehr eng abgehängt, man kann nicht aneinander vorbeischwimmen, ohne die jeweilige Bewegung einzustellen. Stress. Denn es ist ja: voll. Im zweiten Bad gibt es eine Kante am Beckenboden, den Übergang vom nicht ganz so tiefen in den tiefen Bereich. Der nicht ganz so tiefe Bereich ist hell gekachelt, der tiefe nachtfinster. Man schwimmt im Tiefen ins Dunkle. Das ist mir unheimlich. Ich versuche den Übergang immer mit geschlossenen Augen zu überschwimmen, weil sonst gleich die Kopfkino-Filmrolle losläuft: dunkler See, undefinierbares glitschiges Zeug an den Füßen und Waden, Wassergetier, das von unten guckt – und ich bin doch nur im gechlorten Kachelbecken mitten in der Stadt. Es schwimmt schon wieder etwas Undefinierbar-Wattenfadiges an mir vorbei. Das dritte Bad ist das, in dem ich quasi runterzählen kann, bis irgendwo am Körper ein Hautpilz hallo sagt, aber erstaunlicherweise bin ich da trotzdem am entspanntesten. Auf den Bahnen kommt man unbehelligt aneinander vorbei, es sind nicht so viele heißblütige Windmühler und Baggerschaufler unterwegs, durch die riesige Glasfront glitzert die Sonne und spiegelt sich im Wasser. Es schimmert fast ein bisschen wie im Urlaub.
Daran halte ich gedanklich fest – und an meiner Motivations-Badekappe: „Just do it“ steht darauf, ruft sie mir beim Einpacken zu Hause und beim Aufsetzen in der Umkleidekabine entgegen. Jawohl. I´ll just do it. Zwischen Badelatschen, Beckenrand und Baggerschauflern weiter die Nerven bewahren, den Fuß schonen und einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. „Entenfüße, Karate Kid!“

Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.
Wunderbar. Uurrrgghh Details. Komisch. Ich stehe dazu: ich hasse schwimmen 😉 Bewunderung für dich!
Just do it, Melanie! Mehr davon…