Zwölf Jahre gemeinsam, dann ein Jahr in Vereinzelung und am Ende: ein stickiger, staubiger, enger, braun-beiger Raum im Amtsgericht Köln. Schwere Vorhänge, im gefilterten Sonnenlicht wirbeln Staubpartikel. Anwesend: die Richterin, der Anwalt, der Mann (er ist immer noch der Mann, es gibt noch eine Widerspruchsfrist) und ich. Programmpunkt: Scheidung.
Mit der Justiz hat man gemeinhin nicht so viel zu tun. Seit ich im letzten Jahr sehr viel mit ihr zu tun hatte, allein aufgrund der Tatsache, dass ich entschieden hatte, dass ein Leben allein besser für mich sei als weiterhin an der Seite des Mannes, wünsche ich mir für den Rest meines Lebens keinen Kontakt mehr mit der Justiz. Memo an mich: Die Sache mit dem Drogen- und Menschenhandel als mögliche Jobalternative nochmal durchdenken.
Vor dem Justizgebäude herrscht Andrang. Stau bei der Sicherheitskontrolle, lange Schlange. Die Anstehenden werden nach „Strafsache“ und „Zivil“ separiert und müssen hierfür durch unterschiedliche Passagen. Ich werde nur angeguckt. „Zivil, oder?“ Ja. Ich bin irgendwie erleichtert, dass ich nicht nach einer Straftat aussehe. Wobei ich es mit meinem Fahrradhelm unterm Arm und dem grünen Schleifenkleidchen ja auch faustdick hinter den Ohren haben und in sowas wie den Wirecard-Skandal verwickelt sein könnte. Oder in einen Missbrauchsfall. Die Mutter, die immer weggeguckt hat und die Täter gewähren ließ.
Das Paar, das vor uns in Raum 149 geschieden wird, ist sich dann doch nicht einig. Wie bei Vorhängen im Theater geht zweimal die Tür auf, es wird herausgewuselt, sich in unterschiedlichen Ecken nochmal beraten, wieder hineingestürmt. Zerknirschte Gesichter am Ende. Tür bleibt offen, wir sind dran.
Eine gut gelaunte, sympathische, junge Richterin empfängt uns. Der Anwalt hat vorher, während hinter uns das Theater-Tür-Vorhang-Spektakel dargeboten wurde, nochmal stakkatomäßig runtergespult, was gleich gefragt werde. Dass ich gefragt würde, weil ich die anwaltliche Vertretung und die Scheidung eingereicht habe. So ist es denn auch. Die Richterin will wissen, wie das mit den Trennungsschritten war und wer wann wie ausgezogen ist. Das war tatsächlich nicht ganz so übersichtlich. Harmuth raus, Mann erstmal weiter drin, dann Mann raus, für seinen Neuanfang am anderen Ende der Stadt, Harmuth zurück, dann Harmuth raus, für ihren Neuanfang ein Haus weiter. Viele Umzüge und viele Adressen, eine davon fast identisch, weil ich nun eben nur ein Haus weiter wohne als vorher mit Mann in der „ehelichen Wohnung“. Ich versuche unser Umzugsgeflatter möglichst kompakt darzubieten, bringe dann aber die Hausnummern durcheinander. „Äh, dann wohnen Sie jetzt ja noch in der ehelichen Wohnung?“ fragt die Richterin nach. „Äh, NEE!“ Mich ereilt ein Gedankenblitz, wie man sich auf diese Art und Weise in einem Strafverfahren um Kopf und Kragen und in die Schuld hineinreden könnte. Weil man eine Hausnummer verwechselt.
Weil es zum Versorgungsausgleich auch nichts zu berechnen und zu regeln gibt, bleibt als Gesprächsthema für den Scheidungstermin nur noch die Kostenfestsetzung. Das habe ich in meinem Justizjahr als das bleibendste, beeindruckendste Element wahrgenommen: die Kosten. Was habe ich Rechnungen bekommen und bezahlt, Gott sei Dank immer nur die Hälfte, vom Anwalt, vom Notar, vom Gericht. Es geht in die Tausende. Die wunderbarsten Fernreisen hätte man für dieses Geld unternehmen können. Wir haben bezahlt, bezahlt, bezahlt, dafür, dass wir uns einig waren. Es gab keinen Streit um Kinder, Immobilien, Haustiere, Antiquitäten, Erbsummen, Rentenpunkte. Nichts. Wir haben unsere Trennungsvereinbarung erstellen und beglaubigen lassen, die Richterin hat sie beim Scheidungstermin nochmal durchgeblättert, die ganze Chose hat ein Jahr gedauert und wir haben ein Schweinegeld dafür bezahlt. Ich will nicht wissen, wie viele Paare in Deutschland verheiratet sind, weil sie sich eine Scheidung nicht leisten können.
Warum der Staat bei der Trennung so genau hinschaut und bei der Heirat gar nicht, verstehe ich auch nicht. Die Hochzeit betrachtet er als Privatangelegenheit, die Scheidung nicht. Da findet man sich im Labyrinth des Rechtssystems mit seinen eigenartigen Prozessen und verschwurbelten Formulierungen wieder.
Dass das Amtsgericht diese verschwurbelten Formulierungen im Jahr 2021 noch nicht einmal als Formularvorlage oder Check-box-Muster für eine 0/8/15-fünf-Minuten-Scheidung, wie unsere eine ist, digital verfügbar hat, ist das Nächste, das mich entsetzt. Die Richterin diktiert inklusive „Komma“, „Punkt“, „neuer Absatz“, in ihr Diktiergerät parallel das Schreiben, das die Scheidung dokumentieren und uns zugehen wird. Es gibt also im Amtsgericht 2021 noch ein Schreibbüro, das für jeden einzelnen Vorgang nach Diktat abtippt. Wo Beschäftigte in anderen Behörden Boxen in Formularen anklicken. Weshalb die dann auch nicht zwei Wochen brauchen, um so ein Standard-Scheidungs-Schreiben zu verschicken. Mir bleibt im eh schon staubigen Amtsschimmelraum echt die Spucke weg über dieses völlig verkrustete, veraltete System, das der Staat seinen Bürgerinnen und Bürgern da zumutet.
Weil wir so flott durchgeschieden sind, holen wir ordentlich Zeit von unseren verspäteten Flügeltüren-Vorgängern wieder heraus für die Richterin, vor der eine gigantisch dicke Papierakte wartet. „Unterhaltssache!“, seufzt sie, als sie den Packen vor sich hin wuchtet.
Der Mann und ich verlassen das schreckliche Gebäude, erst nach zwei Sekt an der frischen Luft unter der strahlenden Sonne habe ich die ganze durchdringende Amtsschimmelmuffstubenstaubigkeit einigermaßen kompensiert. Zweite Memo an mich: auch nicht mehr unbedingt heiraten.

Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.
Besser kann frau einen derart blöden Termin nicht beschreiben….ich mag Dich wirklich gerne lesen ☺️
…Melli, mit Dir die Dinge des Lebens erleben, es ist ein Erlebnis-im wahrsten Sinne des Wortes!!! Ich mag Dich auch sooo gern lesen!!
Und unter den Talaren der Muff von tausend Jahren… 😉