Swimming vs. Spinning

Zehn Jahre lang bin ich wie eine Besessene auf dem Spinningrad in die Pedale getreten. Mehrmals die Woche, morgens, abends, auf mehrstündigen oder gar ganztägigen Events am Wochenende. Nie ging es mir so gut wie mit geschlossenen Augen in den treibenden Beats, weiter, weiter, immer nur weiter – treten, schwitzen, keuchen, eine Grenze nach der anderen überwinden und stundenlang den Rausch der Endorphine genießen.

Dann kam: der Fuß. Vielmehr war der Fuß ja schon immer da. Aber er kam plötzlich groß raus, in Form von Schmerzen und eines darob stillstehenden Spinningrads. Das steht nach wie vor als schickes Leihrad neben meinem Bett, verstaubt aber seit drei Monaten. Der Fuß geht jetzt mit mir ins Wasser. Schwimmen. Ich gehe baden, in jeder Hinsicht. Physisch, weil die Muskeln mittlerweile schön in Fett umgewandelt sind. Psychisch, weil mir das megaknalloberharte Kaputttreten als Ausgleich fehlt. Beim Wandern geht mir jetzt am Berg ruckzuck die Puste aus. So geht das nicht weiter. Aber wie es weitergeht, weiß ich auch nicht.

Deshalb muss jetzt erstmal eine Liste her: Swimming vs. Spinning.

SwimmingSpinning
Erste Assoziation: kalt. Unter die Dusche, abschrecken wie ein hart gekochtes Ei, damit der Temperaturschock im Becken nicht so schwer ist. Unter der Dusche und im Becken ist es: kalt. Ich schwimme eine Stunde oder anderthalb. Dann ist mir so kalt, dass ich kurz vor Schockfrosten das Wasser verlassen muss.Erste Assoziation: heiß. Schon nach wenigen Minuten ist der Körper auf 200 Grad Umluft, problemlos ließe sich ein Kuchen auf der Haut backen. Es wird immer heißer, die körpereigene Kühlung kommt kaum hinterher. Egal wie viel Wasser man nachkippt, es verdunstet sofort und ist immer zu wenig. Nach einer Stunde ist man überhaupt erst so richtig drin.
Struktur: Chaos. Wie ein Löwe streiche ich am Beckenrand entlang und versuche einen günstigen Einstieg zu finden. Es ist viel zu voll, nirgends scheine ich dazwischen zu passen. Alle kämpfen um ihren Platz und schaufeln die anderen beiseite, mal mehr, mal weniger aggressiv. Es wird ins Wasser gerotzt und gepinkelt.Struktur: Ordnung. Säuberlich aufgereihte Spinningräder. Vorne macht einer oder eine die Ansagen. Alle anderen folgen brav und treten auf ihrem Sportgerät masochistisch triefend vor sich hin. Keiner lässt laufen, abgesehen von literweise Schweiß, der sich als Pfütze unter so manchem Rad ansammelt.
Vereinzelung. Bahnen ziehen und den eigenen Platz in Bahn und Becken verteidigen. Jeder schwimmt stumm und schweigend wie ein Fisch vor sich hin. Ab und zu ein hasserfüllter Blick für mich lahme Brustente (ich hoffe, ich werde noch zur flotten Kraulkatze) oder tatsächlich auch mal ein nettes Lächeln. Vielleicht aus Mitleid?Gemeinsamkeit. In der Gruppe ist so viel Power, geballte Endorphincocktails pushen alle zusammen in Sphären jenseits des Schmerzes und der Krämpfe. Die Krachermusik tut ihr übriges. Tanzen, Feiern, Jubeln auf dem Rad. Alle ziehen´s zusammen durch.
Einmal alles mit scharf, bitte. Das Schwimmbecken ist ein Schmelztiegel der Gesellschaft. Die Frau aus ihrem biodynamischen, durchgentrifizierten melandertal kann sich mal ganz schön umgucken inmitten der sozialen Vielfalt, die da um sie herum baggerschaufelt und wenig Respect für die mittelalte Braut im Badeanzug bringt. Guck, wo du bleibst, oder sauf ab, Schwester.Ahhhhhh, fast alles Akademiker hier. Im sortenreinen Filterblasenfitnessstudio erlebt man wenig Schockierendes im Spinningraum. Nach einiger Zeit zur festen Community eingeschworen, die manchmal anschließend in der Sauna zusammen weiterschwitzt, ist und bleibt man unter sich. Neue werden dennoch freudestrahlend empfangen und in Bike, Technik, Trainer-Typologie eingeweiht. Die, die bleiben, bleiben für immer.
Schwimmen macht müde. 60, 70 Bahnen, Wasserwiderstand, Kälte, Körperspannung, Arm- und Beinbewegungen, die sich seltsam unnatürlich anfühlen. Chlor. Im Ergebnis macht sich Schwere, Müdigkeit breit. Nach der Gott sei Dank jetzt heißen Dusche und der Gott sei Dank Sitzheizung im Autochen die Befürchtung, mit dieser Müdigkeit irgendwann am Steuer einzuschlafen.Spinning macht high. Wer braucht Aufputschmittel, wenn er sich in den totalen Rausch treten kann. Das pure Glück, die absolute Leichtigkeit, unerschöpfliche Kräfte, Augen zu und mit der Musik treiben, die Seele frisch wie der Wald nach einem Sommerregen. Dieses High trägt einen unfassbar gut durchs Leben und praktischerweise hat man derart stabile Beinmuskeln und krasse Kondition, dass man aus dem Stand jeden Berg besteigen kann.
Was schwimmt denn da? Eine unfassbar breite Vielfalt an menschlichen Absonderungen treibt durchs Wasser und damit verbunden alle möglichen Pilze und Bakterien. Mein Immunsystem ist überfordert. Pasten, Salben, Cremes, Tropfen, im Badezimmer sieht es mittlerweile aus wie im Kassenbereich einer Apotheke.WIE BITTE? Spinning, über lange Jahre ohne Ohrstöpsel betrieben, macht schwerhörig. Die Musik ist einfach zu laut. Aber mit leiser Musik geht´s halt nicht, es muss brettern und dröhnen, sonst schafft man´s nicht. Und Ohrstöpsel fallen raus, weil man so schwitzt.
Typische Accessoires: Badekappe und Schwimmbrille. Ohne die habe ich noch keine Sekunde in der Bäderbrühe verbracht, andernfalls hätte ich eventuell in der Zwischenzeit alle Haare oder das Augenlicht oder beides verloren. Sieht oberscheiße aus, wie ein Insekt ohne Fühler, aber mich hassen im Wasser ja eh alle, da kommt es da auch nicht mehr drauf an. Mittlerweile verstehe ich meine Badekappenaufschrift JUST DO IT als todesmutige Provokation meinerseits den Aggro-Schauflern gegenüber.Typische Accessoires: Polsterpopo und Klacker-Klicki-Schuhe. Sieht putzig aus, hört sich lustig an, wenn die Spinning-Kolonie von der Umkleide Richtung Spinningraum oder nach dem Training in die Gegenrichtung zieht. Da dann aber alle mit hochrotem Kopf noch vor sich hin triefen und vor allem die Männer mit ihren schweißnassen Schuhen Spuren quer durchs Studio hinterlassen, würde nie jemand auch nur schief gucken. Respekt ist hier überhaupt kein Problem.
So stilvoll wie hier auf Bali war leider das Stopp-Signal meines blöden Fußes nicht.
Katzenkraulen: check. Kann ich schon immer, und überall kommen Katzen angelaufen und auf mich zugesprungen. Hier vor ein paar Jahren auf Mallorca. Aber ob das mit der Kraulkatze was wird? Ich weiß es nicht.