Mufflurche und Madagaskar-Pinguine

Neulich wollte ein Bekannter mich mitnehmen zu einer Party, bei der, wie soll man es unter Wahrung des Anstands formulieren, es eindeutig um die Anbahnung körperlicher Kontakte geht. Ich hatte mir schon im Second-Hand-Laden ein Outfit gekauft, ein wehendes Party-Flitter-Fähnchen, für meine Begriffe noch angezogen genug, um sowas mal auszuprobieren. Für Profi-Begriffe wahrscheinlich viel zu angezogen.

Ein völlig unerwarteter Körperteil hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht: das Ohr. Statt Cocktails an der Bar schlürfend endete der Abend kontaktlos auf der Couch, mit Wärme auf dem Ohr. Vom Ohr aus dem Verkehr gezogen. Als Ursache für die fiesen Ohrenschmerzen stellte die HNO-Ärztin Stress fest. Ob der jetzt von dem geplanten Abenteuer herrührte oder von verwickelten Angelegenheiten auf der Arbeit, lässt sich nicht ausmachen.

Mit einigen Freundinnen sprach ich im Vorfeld über den möglichen Schritt in neues Terrain. Die meisten fanden die Idee, sich als Frau ohne festen Partner einem solchen Setting auszusetzen, nicht so gut. Auch ein Bekannter schüttelte den Kopf. „Tz, tz. Guck dich mal an. Du wirst den ganzen Abend keine Ruhe haben. Einfach nur Cocktails trinken? Ja, genau. Lass et.“ Nun muss man dazu sagen, dass das allesamt Urteile von Menschen sind, mich eingeschlossen, die selbst noch nicht auf einer solchen Veranstaltung waren. Allerdings dauert meine Skepsis an, aktuell aufgefrischt durch Solo-Saunabesuche, vielleicht weiß mein Ohr einfach mehr als ich. Oder es ist die wörtliche innere Stimme, die mit stechendem Schmerz und nicht mit Worten spricht.

Sauna macht die Frau Harmuth jetzt wieder alleine, wie alles andere im Leben auch. Solange ich gemeinsam mit dem Mann – von dem ich nach wie vor „vorläufig geschieden“ bin, mal sehen, ob ich den Status der rechtskräftigen Scheidung in diesem irdischen Dasein mit der Gnade des Amtsgerichts noch erleben darf, ich habe eigentlich kaum noch Hoffnung, aber eine Rechnung kommt bestimmt noch – solange ich jedenfalls gemeinsam mit dem Mann in Saunen unterwegs war, wurde nicht so viel geglotzt. Jetzt ist das anders. Auftritt Einzelfrau in Sauna! Heißt für die meisten dort befindlichen Männer: Scheinwerfer an! Starren! Und zwar am besten mit unverbauter Sicht. Hockt oder legt der Harmuckel sich in der Sauna hin und klappt alles zusammen und legt alles übereinander, was sich zusammenklappen und übereinanderlegen lässt, viel ist das ja nicht, werden dennoch kurz danach daneben, drunter oder drüber Handtücher von männlichen Zeitgenossen ausgebreitet. Ist wahrscheinlich ein bisschen wie Youporn oder xHamster, nur dass keiner heimlich filmen und irgendwas in tief verzweigte, kriminelle russische Servergeflechte hochladen muss. Liegt einfach so da.

„Mufflurche!“, denke ich, mit geschlossenen Augen und schon wieder vor Stress festgebissenem Kiefer. Kein Wunder tut das Ohr ständig weh. Und das in der Sauna, wo man eigentlich entspannen soll. Mufflurche. Lurche, weil sie so gucken, und Muff, weil es im Umfeld der jeweiligen Herrschaft oft nicht so gut riecht. Entweder die Herrschaft selbst, ihr Saunatuch oder beides, das olfaktorisch eher an eine antike Grabbeigabe erinnert oder an einen modernden Hund. Ob der gemeine Mufflurch nun Sexpartys besucht, weiß ich nicht, vielleicht würde er sich das nicht trauen (so wie ich). Vielleicht aber gerade doch, und das, meine Damen und Herren, wäre der Horror: in unbekannter Umwelt umgeben von Mufflurchen. Kein breitschultriger Kerl, der sich dann mal kurz in die Sonne stellt und mit einer Handbewegung die Lage klärt. Stattdessen: Mufflurch-Massenstarren. Immerhin wäre ich dort wenigstens noch angezogen, zumindest solange ich an der Cocktailbar festklebe.

Völlig anders hingegen geht es bei einer anderen körperlichen Aktivität, bei der man ebenfalls so gut wie nackt ist, zu: beim Schwimmen. Da habe ich zwar auch Stress, weil die Bahnen zu eng sind für die vielen Schwimmenden und zu voll und nicht alle Rücksicht nehmen. Um mein Ohr ein wenig zu entlasten, trete ich jetzt ab und zu auch mal zu. Ich muss sagen, im Schwimmbecken verroht man ein bisschen, da ist die gute Kinderstube schnell dahin. Jedenfalls sind beim Schwimmen alles und alle körperlos, der Blick geht über alles Körperliche hinweg. Das ist richtig angenehm, ein Freiraum. Es glotzt einfach keiner, auf dem Weg von der Umkleide zum Bad nicht, am Beckenrand nicht, im Becken nicht. Gut, es sehen auch alle schlecht mit den trotz aller Spuck- und Spültricks stets beschlagenen Schwimmbrillen.

Gerade habe ich einen Kraulkurs angefangen, um nicht immer der lahmste Karpfen im Teich zu sein, wie dies beim Brustschwimmen der Fall ist, inmitten der wild rudernden, rücksichtslosen Hechte. Der Kraulkurs wird von einem Entertainer geleitet, der einen Spruch nach dem anderen bringt, so dass ich mich zwischendurch schon ein bisschen verschlucken muss vor Lachen. Das kam dann nicht so gut an beim Entertainer aka Schwimmtrainer, ich soll mich schließlich auf die Übungen mit dem Schwimmbrett, Kopf auf die Seite und Beine an die Wasseroberfläche und so weiter konzentrieren (selten habe ich mich so sehr wie ein Felsklotz im Sinken gefühlt wie bei dieser ersten Kraulübungsstunde). Das geht aber bei lustigen Entertainer-Sprüchen bei mir schlecht. Eine der Bedingungen dieses Witzbomben-Wassertrainers ist, dass alle Kursteilnehmenden, wenn er etwas erklärt und vorgeführt hat, zur Demonstration, dass wir es verstanden haben, lächeln, nicken und vielleicht sogar winken wie die Pinguine im Film „Madagaskar“. Bei sowas mache ich natürlich sofort begeistert mit, lächle, nicke und winke aus Prinzip, auch wenn nur maximal 47 Prozent des Gesagten durch Badekappe und Hallenatmo zu mir durchgedrungen sind. Sehen tu ich eh schon wieder nix, beidseitig beschlagen. Ich ahne, das wird noch schlimme Folgen haben, wenn der Entertainer eines Tages in nicht allzu ferner Zukunft dahinterkommen wird, dass ich trotz massiven Lächel-Nicken-Winkens nicht die Bohne verstanden habe. Memo an mich: Niemals die Erste sein, die irgendwas nachmachen muss. Der Trainer hat übrigens den größten Bauch der Welt und liegt trotzdem besser im Wasser als ich. Er zieht an meinen Füßen und an der Hüfte herum. Das fühlt sich eher an wie ein mechanischer Justierungsprozess an einer Autofelge als etwas Körperliches. Diese lockere, sportliche Atmo, die im Schwimmbecken herrscht, bei der Körperteile ausschließlich unter Antriebs-, keinesfalls unter Triebaspekten eine Rolle spielen, die würde ich mir in andere Lebensbereiche hineinwünschen. Der Saunabesuch – Madagaskar-Pinguinlächeln statt Mufflurch-Gucken – wäre ein erster kleiner Schritt dahin.