Einen Spagat schaffe ich physisch nicht, also muss man den auch sprachlich nicht immer unbedingt hinbekommen. Wie etwa in der hiesigen Situation, dass man versucht, Thomas Gottschalk und Pablo Picasso im selben Blogbeitrag zu verarbeiten.
Am Wochenende war er nach zehn für ihn wettenlosen Jahren zurück: Tommy moderierte im für ihn typischen alterslos-schelmischen Stil eine „Wetten, dass…“-Sendung, mit inzwischen 71 Jahren. Es hat mich sehr beeindruckt, wie er das nach der Showpause einfach so wegmoderiert, als hätte er das jetzt durchgängig jedes Wochenende gemacht. Auch die blonden Locken sitzen noch. Wie macht der das? Als Thomas Gottschalk zwischendurch auf Pro 7 bei „Wer stiehlt mir die Show“ ebenjene Joko Winterscheidt durch seine Schlagfertigkeit, seine Allgemeinbildung und seinen Wortwitz jedes Mal mühelos abluchste, auch wenn er nicht immer gewann, fand ich das ebenso beeindruckend.
Der Gottschalk ist eine unfassbare Rampensau, eine richtig gute obendrein. Er polarisiert, aber das muss wohl so sein. Seine Sprüche sind manchmal deutlich zu schief unter der Gürtellinie angesetzt, aber ihm kann ich das verzeihen. Über seine Witze muss ich immer lachen. Ich habe „Herbstblond“, den ersten Teil seiner Biographie, laut gackernd gelesen, irgendwie ist das Buch leider bei einem meiner zahlreichen Umzüge abhanden gekommen. Ich muss wieder mehr laut gackern, das Buch muss wieder her. Schon das Eingangsstatement von „Wetten, dass…“: Ob er seine Moderation wohl gendern werde – klar doch: „Wetten der, wetten die, wetten das.“ Total flach, aber total gut. Ich hätte diesen flachen, entspannten Laberwitz auch gerne. Auf der anderen Seite dann im passenden Moment das Florett ausgepackt: Im Dialog mit dem achtjährigen Wettkandidat, der sich kopfüber durch Handschlaufen einer nachgebauten U-Bahn fußangelte, während den Eltern im Publikum jegliche Kontrolle über ihre Impulse und Emotionen entglitt, entfährt Tommy gegenüber dem Kind ein strenges „Wir reden hier in ganzen Sätzen“, und der bisher plaudrig-frech daherrotznasende Krähbengel hält sich dran. Viel beeindruckender als sein Durch-die-U-Bahn-Turnen fand ich an dem Jungen, dass er die Kopie seines Vaters war. Oder der Vater die Kopie des Jungen, das ließ sich nicht ausmachen. Lässt es sich in diesen durchgentrifizierten Hipness-Hoodie-Lastenrad-Familien von heute nie. Dieselben schulterlangen Haare, Stirnband, irgendwie habe ich mich immer noch nicht damit abgefunden, dass heutzutage alle zwischen fünf und 50 gleich aussehen, das Gleiche anhaben und die gleichen Frisuren tragen und wenn die Eltern dann auch noch versuchen so zu reden wie die Kids auch noch gleich reden.
Später äffte Tommy völlig ironiefrei die backstage tolle Insta-Sachen machenden Tiktok-Mädels Lisa und Lena nach: Diese kamen kurz auf die Bühne und warben für ihr crazy Programm mit den Stars der Show in der Garderobe, „Checkt doch einfach unsere Social Media-Accounts!“. Von Michelle Hunziker daraufhin gefragt, wie Social Media-affin er denn sei, antwortete Gottschalk ohne mit der Wimper zu zucken: „Sehr! Check doch einfach meine Social Media-Accounts!“ Ach, ich war zwischendurch doch auch sehr nostalgisch, bei allem Lachen. Diese Sendung hat so ein wohlig-warmes TV-Höhlen-Lagerfeuergefühl in mir entfacht und mich zurückgebeamt in die Samstagabende meiner Kindheit, als man – zwar noch nicht mit Tommy, aber mit Frank Elstner – mit Wetten unterhalten wurde. Frisch gebadet, so war das damals samstags, mit noch nassen Haaren, aber schon im flanelligen Sonne-Mond-und-Sterne-Schlafanzug, mit den Eltern und Erdnussflips auf der Couch. Das waren die 1980er Jahre! In späteren Jahren habe ich mir immer gewünscht, ich wäre in den 1980ern schon älter und mit David Bowie und sehr vielen Drogen in Berlin unterwegs gewesen, aber gut, man kann halt nicht alles haben in so einem Menschenleben. In diesem Durchgang waren die schwäbische Provinz und Samstagabend-Showunterhaltung für mich vorgesehen.
So, da ist er, der Spagat. Wie kommt man jetzt vom Sonne-Mond-und-Sterne-Schlafanzug rüber zu Pablo Picasso? Überhaupt nicht. Also schreibe ich einfach weiter. In Köln, im Museum Ludwig, läuft seit ein paar Wochen die Ausstellung „Der geteilte Picasso“. Es geht um die unterschiedliche Rezeption der Werke des Künstlers in Ost- und Westdeutschland und auch um die Zeit davor, die Weltkriege, sein künstlerisches Werden in Spanien und Frankreich. Schon vor der ersten Tafel, die Tafeln sind alle so baumarkt-pressspanplattenmäßig verbaut, sagt meine Freundin: „Die Reproduktion der Reproduktion der Reproduktion.“ Mit ebendieser Freundin war ich letztes Jahr in Düsseldorf in einer Joseph Beuys-Ausstellung, und da ging es uns ähnlich. Von Beuys war praktisch gar nichts da, nur Werke, die irgendwie (um zu verstehen, wie, musste man immer die sehr langen Erklärtexte studieren) mit ihm zusammenhingen. Meist in dem Sinne, dass er eine andere Künstlerin oder einen anderen Künstler inspiriert hatte. Oder mal einen Satz gesagt hatte, der jemand anderen zu einem Kunstwerk veranlasst hat. Oder der darüber nachdachte, ob ihn dieser Satz zu einem Kunstwerk inspirieren könnte, und dann hat aber jemand anderes dieses Zitat und den Gedanken aufgegriffen und ein Kunstwerk darüber gemacht. Das war schon ziemlich anstrengend, muss ich sagen. Und für so jemanden wie mich, die ich sehr gerne Bratkartoffeln ohne Speck mit drei Spiegeleiern und Salatgarnitur esse, ist das einfach auch oft nicht zu verstehen, was die Ausstellungsmacher und -innen mir da sagen wollen. Ich bin zu bratkartoffelig, die zu sehr in den Sternen.
Die Figur „Erika, das schlecht gelaunte Mädchen von nebenan“ von 1Live würde in ihrem langgezogenen Wiener Schmäh sagen: „Ich verstääääääääääh das Konzäääääääääpt von diesen Ausstellungäääääääään nicht! Ich bin nicht schläääääächt gelauuuuuuuuunt!“ Und ein bisschen so war es jetzt auch mit dem Pablo. Die Ausstellung insgesamt war zwar verständlich, auch für mich, chronologisch aufgebaut, dem Leben Picassos und den politischen und künstlerischen Entwicklungen in BRD und DDR folgend, aber halt unterm Strich wenig von dem physisch vorhanden, was der Pablo so geschaffen hat in seinem Leben. Über die Werke gab es viel zu lesen, so ironisch gemeinte DIN A3- oder größere Kopien von Zeitungsartikeln und dergleichen, auf Pressspan gehängt (ob sich 26-jährige Nachwuchs-Ausstellungsdesigner so die DDR vorstellen? Nein, Leute, echt! „Ich bin nicht schläääääächt gelauuuuuuuuunt!“), aber halt kaum die Werke selbst. Es kann jetzt auch doch wieder sein, dass ich in die Bratkartoffel-Falle getappt bin: Beim kundigen Ausstellungsbesucher des Museums Ludwig im Jahre 2021 wird vorausgesetzt, dass er oder sie das einfach alles kennt, dutzendfach in seinem gebildeten Metropolenbewohnerleben gesehen hat, sofort bei jedem Werkstitel weiß, „ahja klar, das war damals das dritte Motiv in der rosa Phase, kurz bevor das mit den Landschaften und dem Kubismus losging, mmmmhhh, hab ich vor Augen, ja sicher, muss man mir hier nicht mehr alles hinhängen. Bin jetzt nur nicht firm, ob er da grade in Spanien oder in Paris gelebt hat, der Pablo. Müsste ich nochmal bei der Gertrude Stein reinblättern.“
Inmitten all der hängenden und stehenden Plattenkonstruktionen (es muss einfach eine Baumarktphantasie gewordene Wortspielableitung aus dem „Plattenbau“ des Ostens sein, ich kann es mir anders nicht erklären, aber ich bin auch keine 26!) hängen und stehen dann aber, und das finde ich sehr, sehr schön: viele Eulen und viele Tauben. Als Zeichnung, als Gemälde, als Plastik. Ich wusste überhaupt nicht, dass der Pablo von diesen Viechern regelrecht besessen war und er jenseits des berühmten und vielfach recycelten Friedenstauben-Kongress-Motivs das Federvieh mit so viel Liebe ab- und nachgebildet hat. Ich kann echte Tauben überhaupt nicht leiden, aber die gemalten von Picasso mit ihren filigran fein fliegenden Federchen am Kopf und lieb guckend, die fand ich ganz toll. Dem Tommy würde jetzt irgendein verrutschter Schmierlappen-Witz einfallen, in dem was mit Täubchen vorkommt, mir aber nicht. Deshalb bin ich auch, anders als er, weder in die Radiomoderation noch ins große Samstagabendshowgeschäft eingestiegen. Ich schreib mich stattdessen hier um Kopf und Kragen, wenn aber auch, das wollen wir festhalten: ohne Spagat.

Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.
…..einfach nur Mega-Mellilli-
Melandertal-toll!!!!!!!!!
Danke!