Was kostet die Koryphäe?

Manche Geschichten kann wirklich und ausschließlich nur das Leben schreiben. So wie diese über Begegnungen im Blumenladen in der Mittagspause.

Mit meiner Kollegin will ich für einen anstehenden Filmdreh die Deko bestellen. Der Laden ist überfüllt mit älteren Damen, alle äußerst geschäftig im Adventskranz- und Adventsgesteck-Modus. Schauen hier, Messen da, Vergleichen dort. Stirnrunzeln, Diskussionen. Für unterschiedliche Stellen im Domizil (wir befinden uns im Kölner Süden, nicht weit vom Villenviertel, das wird einem in solchen Situationen immer sehr bewusst) werden verschieden große adventliche Anfertigungen bestellt. Ganz professionell: „rote Kerzen, vierziger Durchmesser, dann noch siebziger Durchmesser, andere Farbe“. In der Auslage ebensolche Produkte, bei den Preisetiketten verschlucke ich mich fast: 295 Euro hier, 320 Euro da. Was haben die Floristinnen gemacht? Gold reingeflochten? Sind das Bitcoin-Kränze für Boss Bitches? Impressive.

Und es ist nicht nur beeindruckend, es dauert auch. Die Kollegin und ich quatschen, während wir warten. Dann: Ladentür schwingt auf, Auftritt Tannengrün. Ein Büschel von Ästen und Zweigen, ein menschliches Wesen ist hinter dem riesigen Zwei-Arm-voll-Bündel nicht auszumachen, wankt durch die Tür, wippt zielstrebig an uns vorbei und wirft den halben Wald auf die Kassentheke, verbunden mit stakkato ebenso hingeworfenen Fragen und Bestellungen. „Wassinddasdenn? SinddasKoryphäen? WaskostendenndieKoryphäen? Wiemachtmandasdennmitdenen? Kannichdanochwasdazukaufen?“

Die Kollegin murmelt: „Koniferen! Koniferen!“ So herum habe ich die Verwechslung noch nie gehört, andersherum schon. Wenn im Job angegeben werden soll, ist schon mal versehentlich und in der Aufregung auf irgendwelchen Bühnen von „Koniferen ihres Fachgebiets“ die Rede. Jetzt haben wir es mit Koryphäen im Blumenladen zu tun. Gut, das mögen die Damen hinter der Theke sein, bei so teuren Adventsgeflechten, aber definitiv nicht das, was das Tannengrünchen drauf geschmissen hat.

Bevor das jetzt entgrünte und gestrüpplose Wichtelfrauchen seine Fragenbatterie beantwortet bekommen kann und wir dann unsinnigerweise noch länger warten müssten, erinnere ich die atemlose Dame daran, dass die Kollegin und ich lange vor ihr im Laden waren und dementsprechend auch vor ihr dran sind. „Ach, woher soll ich das denn wissen! Ich dachte, Sie unterhalten sich hier nur.“ – „Ja, das machen wir öfters, wir stellen uns zum Reden hier einfach so mitten in den Blumenladen.“ – „Ja, bitte, gut, ich lasse Ihnen gern den Vortritt, ich habe Zeit.“ – „Sie lassen uns nicht den Vortritt, Sie sind einfach nach uns dran!“ – „Also! Das ist ja! Also! Ts! Meine Güte!“ Bevor die Lage weiter eskalieren kann und womöglich als Nächstes die Koryphäen im hohen Bogen durch das Geschäft fliegen oder meine Kollegin und ich damit verdroschen werden, entzerrt die Ladenbesitzerin die Lage und manövriert das Proletariat, also die Kollegin und mich, in Richtung der teuren Kränze.

Sowohl die Kollegin als auch ich haben in unseren weit voneinander entfernt liegenden Wohnungen jeweils eine Amsel vor dem Balkon, die ganzjährig einen unglaublichen Terror veranstalten. Sie hat sie „Schimpfsel“ getauft. So ähnlich klingt jetzt auch das Wichtelgrünchen vor der Blumentheke.

Die Schimpfsel zetert herum, während wir endlich über den Naturanteil vom Gesteck, petrolfarbene Kugeln, türkis eingefärbte Tannenzapfen und die Höhe des Werks fachsimpeln. Nur die Kollegin und ich werden wissen, wenn dieses Gesteck in der Unschärfe im Video zu sehen sein wird, was es wieder für eine Anstrengung war, dass es überhaupt da liegt.

Definitiv keine Konifere. Aber vielleicht eine Koryphäe, eine Kaktus-Koryphäe nämlich!

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