Blabla-Gitte und ein Entschluss fürs Leben

Seit ich dem Mann davongelaufen bin, ist es schwer, jemanden für den Gleichschritt beim Wandern zu finden. Das verwundert nicht – das hat uns am meisten verbunden, regelrecht zusammengeschweißt über die Jahre: Seite an Seite durchs Mittelgebirge und durch die Alpen zu stapfen, immer im stillschweigenden Wissen darum, wann eine Pause einzulegen ist, wann der oder die andere in Führung geht, wann Zeit für konzentrierte Stille oder für ausgelassenes Plaudern ist. Auch dieser Blog ist vollgestopft mit den vielen Wanderungen und Erinnerungen, dem Bergauf und Bergab, dem tiefen Verständnis ohne Worte. 

Damit ist also seit geraumer Zeit Schluss. Oft bin ich in den letzten Monaten alleine losgezogen. Bei den ersten Touren begegnete den mir Entgegenkommenden ein tränenüberströmtes Etwas, ein Waldwanderwimmerlein auf zwei Beinen. Mittlerweile gebe ich mir für das Aushalten des Alleinseins beim Wandern die Schulnote Drei. Tränen kullern immernoch, bevorzugt an Orten, an denen wir zusammen waren. Das sind praktisch alle von Köln aus in einem Umkreis von 150 Kilometer erreichbaren Wandergebiete. Auch wenn es besonders schön ist oder ich mich über die absolvierte Anstrengung freue, und das dann mit keinem teilen kann, wird es schon mal traurig.

Naheliegend, mir zu sagen: Nimm doch jemanden mit! Du bist doch im Alpenverein! Du hast doch Freunde und Bekannte! Das stimmt. Doch muss einiges zusammenkommen und übereinstimmen: das Tempo, die Distanz, die Höhenmeter, die Kondition, die man dafür braucht, das Bedürfnis an Rast oder Bewegung und nicht zuletzt der Charakter – um es den ganzen lieben langen Tag lang nebeneinander her latschend miteinander auszuhalten. An Ostern, am arschkalten, bleigrauen Karfreitag, war ich mit einer mir bis dato unbekannten Pensionierten vom Alpenverein unterwegs, nennen wir sie Gitte. Gitte nahm mich von Köln mit dem Auto mit zur Route im Bergischen Land. Noch bevor ich mich ganz auf den Beifahrersitz gehievt und die Autotür geschlossen hatte, fing sie an, mich zuzutexten, und hörte erst neun Stunden später, als sie mich wieder in Köln absetzte, damit auf. Die Wanderung war überhaupt nicht anstrengend, Blabla-Gitte hingegen enorm. Ich war mit den Nerven runter, der Kopf dröhnte, die Ohren sausten, im Ergebnis hatte ich unfreiwillig das Gegenteil der gesuchten Erholung an still schwappenden Talsperrenwassern im Bergischen gefunden.

Immerhin hat Quasselgitte eine einschneidende Entscheidung befördert: die, mittels eines eigenen Pkw fürderhin unabhängig von anderen zu sein, um zu Wanderstartpunkten zu gelangen, und auch vom ÖPNV, mit dem man zwar an viele Orte kommt, aber nicht an abgelegene und oft auch gar nicht mal so abgelegene Wanderrouten in der Eifel oder im Bergischen Land. Für automobile Routiniers mag das jetzt keine große Sache sein, für mich ist es das schon – ich hatte nur mit Anfang 20, während des Studiums, mal für wenige Monate ein Auto: die sehr gepflegte Familienkutsche, einen beigefarbenen VW Jetta. Ich ignorierte die Öllampe so lange, bis die Zündkerzen hin waren und damit auch mein fahrbarer Untersatz. Jetzt, gut 20 Jahre später, will ich also mitten im Wald beherzt sagen können: „Weißt du was, ist mir zu laut, ich drehe um/ich gehe allein weiter/ich fahre woanders hin! Viel Spaß noch! Ich bin dann mal weg – tschööööö!“ Wer mich jetzt für eine verwöhnte Metropolen-Zippe hält, die schließlich auch mit dem Bus angereist solcherlei Verhaltensweisen und Vorträge an den Tag legen könne, dem erwidere ich: Finde eine Verbindung am Karfreitag von Köln zum Parkplatz an der Talsperre – fail. Mit Engelsgeduld habe ich meine Wanderrouten an Bus und Bahn angepasst und zwei Stunden pro Strecke für die An- und Abreise investiert, die mit dem Auto in weniger als der Hälfte zu schaffen sind. In die Situation, sich mit pensionierten Blabla-Gittes einzulassen, muss man ja überhaupt erstmal kommen.

Plus, deutlicher Vorteil für meine soziale Umwelt: Künftig bleiben völlig unbehelligte Mitmenschen, bislang zufällig mit der Metropolen-Zippe in irgendeiner Regionalbahn oder der Kölner Straßenbahnlinie 16 unterwegs, von stinkenden Wanderstiefeln, in die nicht minder müffelnde Wandersocken gestopft sind, während die den ganzen Schlamassel verursachenden Füße in bequemen Sandalen stecken und auch nicht viel besser riechen, olfaktorisch verschont. Auch eine mit Sonnenmilch und Minifliegen zugeklebte Visage, notdürftig verdeckt von einer verschmierten Sonnenbrille – bekommt keiner mehr zu Gesicht! Vermutlich war das trotz Abstand und Maske eine schlimme Zumutung. Also, Freunde des ÖPNV: Ihr könnt auf- und durchatmen! Die verschwitzte Wanderursel verpestet nur noch ihr eigenes isoliertes kleines automobiles Universum auf vier Rädern.

Mal sehen, vielleicht finde ich ja doch noch jemanden, den ich zu den Touren mitnehmen kann – und dann werde ich mein wehr- und hilfloses Opfer gnadenlos zuquasseln, bis es aus beiden Ohren blutet und sich die Sohlen von den Wanderschuhen lösen. Tür auf! „HallihallogutenMorgen! IchbinsdieMelli! Hab ich dir schonerzähltwieichzudiesemAutogekommenbin? LustigeGeschichtelangweiligerzählt, haha,alsodieGitte,najaalsodieheißteigentlichgarnichtGitte,hahaha…….“ Und schon an diesem Punkt wünscht sich Person X, niemals bei mir eingestiegen zu sein, genau so, wie ich es mit Quasselgitte erleben durfte. Challenge accepted!

3 Gedanken zu “Blabla-Gitte und ein Entschluss fürs Leben”

Die Kommentare sind geschlossen.