Sowas wie Urlaub

Kkkkkkkkrrrrrrrchchchchchhhhhhhhhhhmmmmmmmmmmffffffffffff macht die Filterkaffeemaschine. Nach dem letzten „f“ geht sie aus. Meine in die Ferienwohnung nach Dahme an der Ostsee mitgereiste Freundin schlurft zum Sicherungskasten, der sich in ihrem kombüsenartigen Schiffskabinenzimmer mit Fensterluke befindet, in dem man sich kaum umdrehen kann. Kkkkkkkkrrrrrrrchchchchch!, setzt die Kaffeemaschine wieder ein. Der Mini-Ofen, dessentwegen die Stromversorgung ständig zusammenbricht, macht vor lauter Freude: Ping!, obwohl die blassen Brötchen darin noch gar nicht fertig sind. Unsere Vermieterin, nennen wir sie Frau Weinweber, hat die lange Zeit des Lockdown-Leerstands weder zum Instandsetzen noch zum Putzen ihrer Bude noch zu sonst irgendetwas genutzt, das dem motiviert zu Pfingsten aus dem Rheinland anreisenden Gespann aus drei Frauen, eine davon mit Mann und Kind, den Wiedereinstieg in sowas wie Urlaub kommod gestaltet hätte. 

Die Vorfreude ist groß! Wegfahren und dazu noch Übernachten ist schließlich Corona-Luxus, viele Monate ist es her, dass man außerhalb des privaten Rahmens irgendwo Quartier beziehen konnte. Meine letzte Reise war im Juli 2020 ins Kleinwalsertal. Das fühlt sich an, als hätte ich den Urlaub in einem vorigen Leben unternommen. Die Erinnerung daran ist im endlosen Dunkelgrau der Corona-Verbote, kombiniert mit einem gefühlt achtjährigen Winter, völlig verblasst. Würde mir jemand sagen, ich sei ins österreichische Talidyll selbstverständlich mit der Pferdekutsche angereist, ich würde es glauben. Die Fahrt an die Ostsee ist so gesehen die Rückkehr in das Raum-Zeit-Kontinuum, das mal mein Leben war. 

Nun kann man ja nicht einfach losfahren. Auch der Begriff der gesellschaftlichen Elite hat sich verkehrt. Impfen ist das neue Erbvermögen, der Impfpass das, was sonst ein von und zu war: das Ticket in ein besseres Leben. Wer keine zweifache Corona-Impfung hat, weil kerngesund und mit 4 vornedran und keinen Freundeskreis, zu dem großzügige Ärzte mit Ampullenresten zählen, und keine entfernte Großtante heranziehen kann, die einen zuletzt bei der Konfirmation gesehen hat, aber mit Pflegestufe lebt und deshalb als zu betreuende Person in Frage kommt, muss sich bis auf Weiteres in der Nase herumporkeln lassen. Jedes Mal habe ich das Gefühl, eine wichtige organische Versorgungsader zwischen Hirn und Auge werde durchtrennt. Am Anfang wollte ich die Tests nicht, aber ich habe aufgegeben im Sinne von: Ich lasse mich erpressen und jedes Mal ängstlich mit geschlossenen Augen in meiner Nase herumporkeln, weil ich ansonsten weiterhin alleine auf meiner Couch sitzen muss und das mittelfristig die größere Angst ist, wenn sich alle anderen auf diese Weise wieder ein bisschen mehr Leben zurückerobern.

Das Porkeln strukturiert den Ostsee-Kurztrip. Fürs Essengehen braucht man jeweils einen tagesaktuellen Test. Natürlich könnte man selber kochen! Aber: Der Herd in der Weinweber-Wohnung funktioniert auch nicht. Er zeigt eine Fehlermeldung: 16-3-79. Vielleicht auch ein kleiner Gag von Frau Weinweber, ihr Geburtsdatum. Wer weiß es schon! Ohnehin hätte ich nach den vielen Monaten unfreiwilligen Kochens oder alternativ Essens zusammengefallener, lappiger, lauwarmer To-Go-Matsche aus pappigen Deckelverpackungen keine Lust gehabt, im wiedereröffneten Dahme meine kulinarischen Erlebnisse so zu gestalten wie im achtjährigen Corona-Köln-Winter. Also geht es raus, in die große weite Welt der Promenaden-Restaurants. Einmal müssen wir, weil das Testzentrum sehr schleswig-holsteinisch-gründlich durchreguliert ist, gewissermaßen nordisch überorganisiert, zwei Stunden für unseren Test anstehen. Im Freien, unüberdacht. Es regnet. In der Zeit, die wir stehen und traurig unterm Schirm vorlugen, schwinden schon mindestens zwei Gelegenheiten, den Test einzusetzen. Für Umstehende müssen über meinem Kopf Gedankenblasen mit durchgestrichenen Kuchenstücken, Windbeuteln, Kaffeetassen und Apéritifs sichtbar sein. Aufs Ergebnis müssen wir dann, das ging richtig flott, nur eine zusätzliche halbe Stunde warten. Durchnässt, schlecht gelaunt, mit einer Wolke durchgestrichener Leckereien um mich herum, die so groß wie die tiefgraue Regendecke am Himmel sein muss, aber mit dem ersehnten Wisch in der Hand tätige ich die erste Bestellung an einem Restauranttisch seit Ende Oktober: einen Grog. Da ist so viel Rum drin, dass für den Rest des Abends sogar mir mal alles egal ist, wirklich alles: die Geröllheimer-Weinweber mit ihrem seufzenden und klingelnden Elektro-Inventar, das verordnete Naseporkeln, unser überregulierter, völlig unübersichtlich gewordener neuer Corona-Lebensmodus, sogar dass die bestellten Spaghetti Aglio Olio kein Mü Chili enthalten: ist mir total egal. Hauptsache, jemand stellt die Nudeln, die ich nicht selber gekocht habe, an einem Tisch, der nicht meiner ist, vor mich hin und ich kann einer Person, die nicht ich bin, sagen, dass ich gerne noch ein Glas Wein hätte.

Sonne, blauer Himmel, barfuß am Strand: Das gab es dann zum Glück doch auch noch. Hier in Grömitz. Da und auf Fehmarn, das ebenfalls besichtigt wurde, ist es schöner als in Dahme, egal bei welchem Wetter.
Frau Harmuth mit einem Lächeln und einer SHOPPINGTÜTE auf der Grömitzer Seebrücke. Ich hätte einfach bis circa Mitte 2022 dort stehen bleiben sollen. Freeze!