Das Beste kommt zum Schluss! Das gilt für dieses Kölnpfad-Wegstück von Schlebusch nach Bensberg. Die letzten Kilometer sind typisch Bergisches Land, wellige Wiesen, ein Pestkapellchen – aktueller denn je in diesen Corona-Tagen – und am Ende krönt das prächtige Schloss Bensberg den Wandertag. „Die Königstour des Kölnpfads“ steht bei Outdooractive dazu.
Zwischen Schlebusch und Thielenbruch passiert wegemäßig: nichts. Im munteren Zickzack geht es durch den Stadtwald, links herum, rechts herum, ein 11 Kilometer langer Spaziergang. Ab Thielenbruch wird es dann wieder interessanter, die Wege abwechslungsreicher. Immer wieder passiert man stark befahrene Straßen oder geht ein Stück daran entlang. Besonders laut ist es in Refrath rund um die Golfplatzstraße. Die namensgebende Sportstätte wird von großen, geräuschintensiven Fahrzeugen angesteuert, es röhrt und brummt. Noch lauter sind nur die völlig durchgedrehten Nilgänse, die an einem golfplatznahen Weiher einen Höllenlärm veranstalten. Der Porsche-Auspuff: nix dagegen! Wie dezent ist dagegen die gute alte deutsche Schnatterente, nicht so riesig, nicht so penetrant und nicht so laut. Aber man sieht sie kaum noch, die neurotischen Nilgänse haben sie verdrängt. Kreisch! Kreisch! Kreisch!
Außer den Gänsen sind vereinzelte Exemplare männlicher Zweibeiner etwas anstrengend an diesem Tag. Auf einem Wegstück bin ich verunsichert, weil ein alter, nicht gut riechender Zeitgenosse in Jogginghose und mit Schrumpel-Plastiktüte auf dem Gepäckträger insgesamt viermal an mir vorbeiradelt, zweimal von hinten und zweimal von vorn. Als er mich auf dem Waldweg erblickt, ändert er mit seinem Fahrrad die Richtung, und dann werde ich ihn nicht mehr los. Ja, ihr Männer, das ist das mit dem Sexismus und der Belästigung, das ihr immer für so abwegig, erfunden und unvorstellbar haltet, oft abtut und leugnet. Es ist aber die Realität. Auch eine nicht mehr knackfrische fast 45-Jährige in Wanderleggings reicht offenbar aus als Wichsvorlage für alleinstehende bzw. alleinradelnde ältere, ungepflegte Herrschaften. Ich werde sauer, aber was machen? Den Typen anraunzen? Aber wofür? „Ey, du alter Sack, änder mal wieder die Richtung und radel gefälligst nicht mehr an mir vorbei!“ Wie soll ich den dafür anpflaumen, dass er vorbeistrampelt und stiert? Ich verlasse die Route, gehe eine Schleife, dann bin ich ihn los und sehr erleichtert.
Später lässt ein in Ballonseide gekleideter Gleichaltriger, mit Hund und seiner sehr alten, sehr gehbehinderten Mutter am Rollator unterwegs, nachdem er mich im Vorbeigehen von oben bis unten taxiert hat, sich mit seinem osteuropäischen Akzent lautstark über meine physiognomische Beschaffenheit aus. Die Mutter ist wohl taub oder dement oder beides, sonst könnte er das wohl nicht unbescholten tun. Ich bin sauer auf die Männer, vor allem auf die asozialen, auf die Welt, außerdem auf die Scheiß-Nilgänse und gehe schneller. Ganz andere Wirkung habe ich auf einen Hund: Er bleibt wie angewurzelt stehen, als er mich erblickt, und stürzt anschließend davon, als ginge es um sein Leben. Sein Herrchen hat davon erstmal nichts mitbekommen und rennt kurz darauf, als er den getürmten Hund bemerkt, an mir vorbei. Hund mitsamt Leine ist weg. Ich bleibe stehen, damit der Hund nicht noch weiter weg rennt, und warte, bis sein Herrchen ihn eingefangen hat. „Das versteh ich jetzt nicht, dass der sich ausgerechnet bei Ihnen so erschrocken hat!“ sagt er, als er mir wieder, diesmal mit Hund an der Leine, entgegenkommt. Der Hund ist so verängstigt, er knurrt nicht einmal, er zittert. Was ist dem armen Wesen wohl passiert?
Hinter Schloss Lerbach geht es sanft den Hügel hinauf, unterwegs lädt eine Bank im schönsten Sonnenschein mit sensationeller Aussicht zur Rast ein – es ist immer wieder erstaunlich, von woher man im Umland die Doppelspitze des Kölner Doms hinter Wipfeln am Horizont erspähen kann. So auch von hier. Von der schönen Bank kann ich mich kaum lösen, sehr zum Leidwesen einiger anderer Spaziergänger und Wanderer, die augenscheinlich auf ein Päuschen auf genau dieser herrlichen Aussichtsbank spekuliert hatten. Weiter den Hügel hinan, bis zur Pestkapelle, im 17. Jahrhundert erbaut und dem Heiligen Rochus gewidmet. Ich frage mich, ob der Pestheiler und -heilige eventuell auch in Coronazeiten eine gute Adresse zum Anrufen wäre? Auf einem stark befahrenen Straßenstück direkt hinter der Kapelle radeln drei Mountainbiker an mir vorbei. Auf der nächsten Anhöhe im Wald angekommen – eine ungezählte, traurige, geschlossene Einkehrmöglichkeit mehr – treffe ich sie wieder. „Sachma, wir sind doch gerade erst an dir vorbeigefahren, wie kommst du denn jetzt schon hierhin?“ – „Ha, ich habe ja auch einen Stundenschnitt, nicht nur ihr!“ Über die Jahre haben der Noch-Mann und ich ohnehin festgestellt, dass man mit motorlosem Mountainbike bergaufwärts je nach Steigung und Weg nicht viel schneller vorankommt als mit flottem Bergziegenfuß. So offenbar auch auf diesem Stück im Bergischen.
Was ich den Jungs natürlich nicht erzähle, ist, dass ich mir meinen Stundenschnitt regelmäßig durch meine ausartenden Pausen zunichte mache. Es ist aber auch einfach zu schön, an einem lauschigen Flecken die Nase in die Sonne zu halten, die Aussicht, ob mit oder ohne Kölner Dom, zu genießen, in einkehrlosen Zeiten ein schwitziges Käsebrot zu essen und an nichts zu denken.
Den Schlusspunkt der Wanderung setzt Schloss Bensberg. Ohne den Hotel- und Gastronomiebetrieb wirkt es regelrecht gespenstisch. Es ist so ein schöner Ort, dieses Schloss, ganz oben am Berg, und Corona raubt ihm die Atmosphäre. Ich hatte auf einen Coffee-to-go auf der Aussichtsterrasse spekuliert, aber leider nein, leider gar nicht, auch hier niente, tote Hose bis auf ein paar verhuschte Damen mit Maske im Gesicht und schreckgeweiteten Augen, weil ich keine trage. Ich stapfe den Schlossberg hinab, zur Straßenbahnhaltestelle und jückele mit der Linie 1 dem Dom entgegen, den ich vorhin lange so malerisch am Horizont gesehen habe.
![]() |
| Die Pest- oder Coronakapelle. Rochus, mach was! Schick Impfstoff vom Himmel! |
![]() |
| Blick vom lauschigen Pausenbänkchen |
![]() |
| Das sehr schöne und sehr ausgestorbene Schloss Bensberg |
![]() |
| Hier fährt wohl der Zug nach Nirgendwo ab. |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.





Ich lese immer gerne deine Zeilen und denke an die alte Heimat.