Ich glaub, ich steh im Schrank

Logistiksachen sind schwierig. Immer schon gewesen. Amazon kann´s, alle anderen können es nach wie vor nicht. Auch der Otto und der Hermes können es nicht. Ein defekter Kleiderschrank und die Corona-Pandemie verbinden sich so monatelang zu einer Übermacht in meinem Schlafzimmer, gegen die ich nicht ankomme.

Im Dezember bin ich umgezogen. Gerade noch so, bevor mal wieder alles zugemacht wurde. Mittlerweile, drei Monate später, gibt es so viele verschiedene graduelle Stufen des Schließens, partiellen Wiedereröffnens, doch lieber wieder ganz Zumachens und dann fast ganz Zubleibens, dass niemand sich mehr dran erinnern kann, was jetzt genau der Dezember-Lockdown gewesen ist. Jedenfalls ohne Glühweinbuden, ohne Weihnachtsfeiern und mit einem Quäntchen Glück für mich, da am letztmöglichen Montageservice-Tag mein neuer Kleiderschrank geliefert und aufgebaut wurde. Die zwei Jungs vom Logistikunternehmen nehmen mich nicht ernst. Frau, die alleine umzieht, ohne Kopftuch, dafür mit Falten um die Augen und mit Männern um sie herum, denen sie sagt, was wo hingestellt werden soll, ist Teufelswerk. Also reden sie nicht mit mir und wollen auch keine Unterschrift von mir haben, sondern von meinem Bruder, meinem Kumpel oder den anderen Umzugshelfern, die dann sagen: „Musste die Chefin fragen.“ Die Jungs zermatschen bei Aufbau leider den schönen Schrank der Chefin an drei Kanten, streiten sich mit ihr wegen der Lampe, die sie bei der Gelegenheit auch noch von der Decke geholt haben, zeigen ihr Reklamationsformular und brausen davon. Weg sind sie. Da ich im Eifer des Gefechts leider vergessen habe, einen Durchschlag der Reklamation zu behalten, mache ich Fotos vom Schrankschaden und sage dem Otto lieber selber Bescheid. Das bewährt sich, denn die Jungs haben den Schaden niemals selbst angegeben, weder bei ihrem Arbeitgeber noch bei Otto. Das Formular flatterte vermutlich sehr schnell aus dem Fenster, nachdem sie die Gefahrenzone verlassen hatten, und ward vom Winde verweht.

Der Otto will sodann in zahlreichen Telefonaten und E-Mails Teilenummern von mir wissen. Die von blinden chinesischen Fußmalern bei Vollmond erstellte Aufbauanleitung erschließt sich mir nicht ausreichend, um von den ungefähr drei Milliarden Zahlen in dem Faltblättchen, da jede Schraube und jeder Dübel eine hat, jeweils 27-stellig, die richtigen zu benennen, die für den Austausch der sehr großen Schrankteile außen und vorne benötigt werden. Der Schrank ist neben der Küche das einzige Stauraum-Objekt in der neuen, kleinen Wieder-Single-Wohnung, entsprechend großzügig sind seine Bestandteile bemessen. 

Nach viel Korrespondenz findet der Otto alleine die zu bestellenden Teile und will sie austauschen lassen vom Montageservice. Weil zwischenzeitlich wieder verschiedene Teilöffnungs- und Leider-doch-wieder-Lockdown-Corona-Phasen durchgelaufen sind, baut Hermes erstmal nichts mehr in Wohnungen auf. Wochenlang telefoniere und schreibe ich dagegen an, dass mir die Teile einfach vor die Tür gestellt werden. Ende Februar ein Lichtblick: neuer Montagetermin. Wirklich Montage? Nicht nur Lieferung? Bei Anruf Frust: Doch nur Lieferung. Montage geht erst ab Mitte März. Also neuer Termin Mitte März. Ich feiere im Stillen Dreimonatiges mit meinem beschädigten Schrank. Nehme mir frei, räume morgens um 7 den Kleiderschrank aus. Um 11 kommen zwei Männer. Ohne Werkzeug. Ich werde stutzig. „Nix Werkzeug! Keine Montage! Nur Lieferung!“ Mir fällt fast mein Schlüssel aus der Hand. Und nichts mehr ein. Ich will den Schrank nicht mehr haben, ich hasse diesen Schrank, ich unterdrücke Impulse, nachdem die Lieferjungs mitsamt den Ersatzteilen wieder gefahren sind, die große Spiegelfront szenisch beeindruckend mit der blanken Faust oder der glatten Stirn oder beidem zu zerstören. Die Splitter in einem blutverschmierten, mit krakeliger Schrift adressierten Umschlag an den Otto zu schicken. Ich gebe mich den Phantasien eine Weile hin. Dann räume ich den Kleiderschrank wieder ein.

Den Otto habe ich sehr oft gefragt, ober er nicht was vom Preis nachlassen kann, und ich behalte den Schrank mit Macken. Ich habe schließlich auch Macken, da passen wir doch eigentlich gut zusammen, aber halt zu einem anderen Preis. Der Otto bietet mir dann immer 100 Euro an, das ist, als würde er mir 10 Euro anbieten. Also kämpfe ich weiter mit dem Logistiker um einen Liefertermin. Der wird bestätigt, verschoben, nochmal verschoben.

Was mache ich, wenn beim jetzt bestätigten Termin wieder keine Monteure kommen? Ich weiß es nicht. Greife ich mit Spiegelsplittern unschuldige Passanten auf der Straße an? „Bluttat in Bayenthal – Mittvierzigerin im Schrankwahn!“ Es wäre ein Leichtes für den Lokalreporter, einen Bezug dazu herzustellen, dass ich letztes Jahr meinen Mann verlassen habe. Die beiden Jungs vom Schrank-Auftakt im Dezember würden´s irgendwo lesen und der eine würde zum anderen sagen: „Ey, Alter, das is die, wo die Typen ganze Zeit gesagt haben, musstu Chefin fragen. Bruder, hab isch gleich gesagt, is nich korrekt! Jetzt die hat wegen Schrank kaputt Leute kaputt gemacht. Krass, Alter, ey!“

Wenn die Götter, zu denen der Götterbote Hermes ja auch gehört, ein Einsehen haben, muss es soweit nicht kommen.

2 Gedanken zu “Ich glaub, ich steh im Schrank”

  1. Hi. Mellie. Liest sich wie immer höchst amüsant. Was so privat am Rande durchscheint tut mir leid, auch wenn ich natürlich den Hintergrund nicht kenne. Geht ja auch niemanden etwas an.

  2. Lieber Henning, danke für die netten Worte. Trennungen sind Scheiße, kann ich sagen. Und zum Schrank: Die waren heute hier – und die Austauschteile waren noch kaputter als die bereits kaputten am Schrank. Vielleicht mach ich sicherheitshalber schon mal nen Platz in einer Psychoklinik klar. Liebe Grüße Melanie

Die Kommentare sind geschlossen.