Erinnert sich noch jemand an BlaBla-Gitte? Dieser Typ Frau hat 2021 trotz Trennung meinen Entschluss bestärkt, lieber alleine durch Wälder, Wiesen und über Wege zu ziehen als in einer Gruppe. Jetzt bin ich wieder auf ein solches Exemplar getroffen und erwäge, aus dem Alpenverein auszutreten.
Freitagabend, Vortragsveranstaltung vom Alpenverein über die Dolomiten am anderen Ende der Stadt. Dank BlaBla-Gitte wurde – zweiter Effekt – 2021 auch ein Auto angeschafft, deshalb ist der Weg in eigenartige Stadtteile mit abgelegenen Berufsschulgeländen und deren Aulen, in denen solche Veranstaltungen stattfinden, kein Problem mehr.
Vor der Tür steht ein Mensch, den ich letztes Jahr, passenderweise bei einem Seminar, wie mit Trennungen umzugehen ist und über Verzeihen wieder Frieden im Leben zu finden ist, kennengelernt habe. Wir unterhalten uns ein wenig, der Mensch sagt, er sei verabredet mit einer Person, die er beim Wandern in der Alpenvereingruppe kennengelernt habe. Ob ich denn zwischenzeitlich auch mit einer Gruppe unterwegs sei. Nee.
„HalllooooooooodaswaraberschwierigmitdenParkplätzenhier!GottseiDankhabichsjetztnochgefundenhahahahaha!“, kommt ein rotes Mäntelchen von rechts angerauscht. „AhhhastduschonneueBekanntschaftengemachthahahahaha!“ Ich stehe stumm wie vom Donner gerührt. Die Wiedergängerin von BlaBla-Gitte. Die Seminarbekanntschaft und Rotmäntelchen rauschen erstmal ab und ich habe Zeit, mich zu sammeln und mir nach umständlicher Corona-Kontrolle ein Getränk zu holen sowie Bekanntschaft mit Motte zu machen, dem netten Hund des Abends, der mit dem heute vortragenden Paar quer durch Südtirol gewandert ist und ganz viel Gepäck in seinen Hundepacktäschchen getragen hat. An Stellen im Film, in denen der Regen aufs Zelt prasselt oder lokale Blasmusikkapellen aufspielen, jault der Hund lauthals durch den Saal. Ich glaube, Motte hat ein Südtiroltrauma.
In der Aula werde ich herangewunken, man hat einen Platz für mich freigehalten. „MitwelcherGruppebistdudennunterwegs?InmeinerWandergruppejedenfallsnichthahahahahadannhätteichdichjaschonmalgesehen!“ – „Mit keiner. Seit ich mich von meinem Mann getrennt habe, wandere ich wieder alleine.“ – „DaskannichjaüberhauptnichtdasistüberhauptnichtsfürmichdeshalbkamichalsdieKinderdanngrößerwarendemJuniorhabichvorhinnochEssenindenKühlschrankgestelltaufdieIdee…. ….. ….“. Ich breche innerlich zusammen. Das Rotmäntelchen richtet eine Frage an mich. Ich war im BlaBla-Gitte-Tunnel und habe nicht so gut aufgepasst. Ich weiß nicht, ob ich nach Kindern oder nach dem Wandern gefragt wurde. Ich versuche es mit dem Wandern. „Ich bin sehr gerne alleine unterwegs. Ich werde die ganze Woche über vollgequatscht, ich bin froh, wenn ich einfach mal meine Ruhe habe, nicht zuhören und nicht reden muss.“ Das Rotmäntelchen wechselt das Thema.
„DuhastjaaaucheinenAkzentdubistsichernichtvonhier?“ – Mir tun wirklich alle Menschen pauschal Leid, die eine andere Hautfarbe haben als Weiß und in Deutschland leben müssen. Die sich also womöglich nicht nur anders anhören als der jeweils im Lokalkolorit gesprochene Spracheinschlag, sondern die auch noch anders aussehen. Wie oft ich in den jetzt 25 Jahren, die ich in anderen Bundesländern als in meinem Geburts-Bundesland Baden-Württemberg gelebt habe, auf meine wahnsinnig exotische Herkunft angesprochen wurde, ist ungezählt. Entweder mache ich jetzt doch noch ein Sprechtraining oder ich denke mir künftig Geschichten aus. Statt meiner Pauschalantwort „Ich bin Schwäbin, aber nach dem Abi aus dem Schwabenländle weggezogen“ könnte ich künftig erzählen, in Südafrika oder Südamerika als abgeschirmte Expat-Tochter mit ganz komischem Mischmaschakzent aus Landessprache und rudimentärem Deutsch groß geworden zu sein. Und total stolz drauf zu sein, dass ich ausgerechnet im Kölschen Kaugummi-Kauderwelsch von Sprache das Deutsche wieder mühsam zusammengefügt habe und das so gut, dass ich sogar in einem Kommunikationsberuf arbeiten kann.
In einer Wandergruppe jedenfalls werde ich diese Geschichten nicht zum Besten geben, weil ich mich keiner anschließen werde. Die Vorstellung, mit einem ganzen Dutzend BlaBla-Gittes und Rotmäntelchen am kostbaren Wochenende unterwegs zu sein und in der ansonsten von Vogelgezwitscher oder Stille geprägten Umgebung, nur gestört von der lärmenden Verkehrs-Infrastruktur, durch Dauerbeschallung mit völlig uninteressanten und irrelevanten Individualdetails einen Hirninfarkt zu erleiden – leider nein, leider gar nicht. Aber vielleicht muss ich dann auch keine Mitgliedsbeiträge mehr an die Alpenvereins-Sektion überweisen.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.
LoL :-))