Im Schwimmbad Köln-Chorweiler gibt es einen Wal. Mitten im Nichtschwimmerbecken, groß, blau, lächelnd. Ich mochte den Wal direkt, als ich das erste Mal vor dem Becken stand, und wenn es sich während des Kraulkurses ergab, hockte ich mich auf seine schöne Flosse. Natürlich ergab es sich nicht so oft, denn man soll ja nicht hocken, sondern kraulen im Kraulkurs.
Mittlerweile weiß ich, dass mein hochmotiviert im Jahr 2021 begonnenes Vorhaben, mal schnell das Kraulen zu lernen, nicht in die Realität umzusetzen ist. Es dauert. Dauert. Dauert. Lange. Bis man. Das kann. Ich bin gerade, mitten im laufenden zweiten Kraulkurs, dabei, das zu akzeptieren. Trainer Erik sagt, halbes Jahr üben, am besten zweimal die Woche, dann hat´s der Körper irgendwann raus und es läuft. Bevor man nicht 500 Meter am Stück schafft, kann man´s nicht. Ich schaffe mit Glück eine halbe Bahn, also 12,5 Meter.
Viele, viele Geschichten habe ich über die Monate gehört, vor allem von Menschen, die für Triathlons trainieren oder trainiert haben, die sich monatelang mit dem Kraulenlernen gequält haben. Irgendwann macht´s klick und der Körper hat den Ablauf drauf. Die meisten Menschen, die mir also nach wie vor Brustschneckenschwimmender im Becken begegnen, das allerdings hatte ich ja schon früher erkannt, können´s Kraulen auch nicht und rudern einfach wild vor sich hin. Mit dem an sich sehr schmalen und eleganten Gleiten durchs Wasser beim Kraulen hat das in den allermeisten Fällen überhaupt nichts zu tun. Da will ich ja nun aber hin.
Es ist kein besonders passendes sprachliches Bild, davon zu reden, dass der Weg durchs Wasser ein steiniger ist. Es ist schwer, den Vortrieb zu schaffen, genug Power in die Bein- und Armbewegung zu bringen, um sich gegen das Wasser fortzubewegen. Ich habe ja schon akzeptiert, dass ich trotz der komfortablen Wasserauflage auch beim Brustschwimmen nicht vom Fleck komme, auch da bin ich über die Monate nicht viel schneller geworden. In der Waagerechten und von Wasser umgeben bin ich offenbar sehr langsam, in der Senkrechten und von Luft umgeben nicht – bei der Ganganalyse, die der Fuß neulich fürs Wandern bestellt hatte, kam heraus, dass 5 km/h meine normale, entspannte Fortbewegungsgeschwindigkeit sind.
Bei mir schaut das Kraulen zwar gut aus, sagt Erik, aber weil ich zu langsam bin und die Arme zu wenig Wasser wegdrücken, gehe ich unter. Das dann auch wie ein Stein. Dass ich untergehe, hatte ich natürlich über die ganzen letzten Wochen auch schon bemerkt. Aber wie schneller werden? Trainer Erik stand also wieder neben mir, dem gerade japsend wieder aufgetauchten Stein, und sagte, Melanie, mehr Kraft, mehr Geschwindigkeit. Du musst schneller werden. Das ist dein Thema.
Und da, da ist es passiert. Der ganze Frust, seit Monaten tapfer jede Woche beim Kraulkurs unterzugehen und trotzdem in jedem Sinne wieder aufzutauchen, erst in Bonn, jetzt in Köln-Chorweiler, die ungezählten Brustschwimm-Stunden im Becken seit August, die Anstrengung, das Kraulen schaffen zu wollen, es können zu wollen, einfach was Neues zu lernen – die Tränen kullern. „Ich schaffe es einfach nicht, ich lasse es sein, ich höre auf.“ Schniefend schiebe ich mir die olle Schwimmbrille auf den Kopf und verkrieche mich weinend hinterm Wal. Da sitze ich dann im niedrigen Wasser an den Wal gelehnt, weine weiter, und der Wal lächelt auf mich herab.
Das beruhigt auch schon ein bisschen, so ein lächelnder Wal im Nichtschwimmerbecken. Die haben den wahrscheinlich nicht für 45-jährige geschiedene Frauen da reingestellt, sondern für fünfjährige Seepferdchenanwärterinnen, aber Walschmunzeln funktioniert generationenübergreifend. Dann kommt erst eine meiner Mitlernerinnen angepirscht, wir sind im Kurs vier Frauen und ein Mann, alle in den 40ern, und wir kämpfen alle (allerdings nur ich mit den Tränen), und spricht tröstende Worte. Wenig später steht Trainer Erik zu mir heruntergebeugt vor mir und sagt mit sehr zarter Stimme – er hat bestimmt sehr oft mit weinenden Kindern zu tun, nicht unbedingt so oft mit weinenden Frauen, die an Walen lehnen: Melanie, möchtest du vielleicht wieder zur Gruppe dazukommen? Du musst auch gar nicht mitmachen, du kannst einfach nur zuhören und zuschauen. Du kannst aber auch hier beim Wal bleiben, wenn du das möchtest. Er sagt das so lieb und einfühlsam, dass ich direkt wieder anfange zu heulen, aber ich gehe mit ihm mit. Erik ist ein sehr guter Trainer.
Nächste Woche sehe ich sie alle wieder, die vier anderen, den Wal und Trainer Erik. Ich gebe nicht auf. Erik hat zum Abschied gesagt, wenn es mir hilft, kann ich auch wieder weinen.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.
….Melli, Erik und der Wal! Du musst raus in die Welt mit Deinem Blog, sooo klasse!!!!!!!!
Da würde ich mit den Außerirdischen in Galaxy Quest einstimmen: Niemals aufgeben, niemals kapitulieren! :-))
Ich schließe mich Henning an und stelle fest: Melli Rebelli läßt sich nicht unterkriegen! 🙂