Gruß vom Fuß

Hallihallohallöchen, ich bin´s, der rechte Fuß, der Nachbar vom linken Fuß, haha! Immer ganz vorn mit dabei, immer einen Schritt voraus, immer forsch voran. Als First Mover des ganzen Harmuthschen Körpers habe ich dem Klappergestell mal gezeigt, wo der Hammer hängt, der Bartel den Most holt und der Frosch die Locken hat. Ach, das ist doch für die Füße!, das wird leichtfertig oft so dahingesagt, aber, meine Damen und Herren, da kennen Sie uns Füße schlecht.

Auf großem Fuß kann man leben. Das ist jetzt bei mir und meinem linken Nachbar nicht der Fall, wir sind nicht so groß. Schaut man sich das leere Konto vom Klappergestell an, kann man schon zu anderen Schlüssen kommen. Aber das kann schlichtweg, das muss ich schon zugeben, meine Damen und Herren, auch mit den umfangreichen Anschaffungen, Spesen und Auslagen zu tun haben, die ich in den letzten Monaten großzügig beansprucht habe.

Auf Schusters Rappen, eine andere Formulierung, die ich füß finde, wir sagen natürlich füß, nicht süß, auf Schusters Rappen allerdings sind wir mit dem restlichen Klappergestell schon sehr lange unterwegs, intensiv und ausdauernd. Unvergessen die 3.000er-Besteigungen in den Dolomiten, in einer weltlosen lebensleeren Gottverlassenheit allein mit dem feschen Wandersmann Marco und dessen fitten Füßen, ach was war das schön, aber dem ist das Klappergestell ja davongelaufen. Mit meinem linken Nachbarn und mir. Haben wir bis heute nicht verstanden. Aber, das ist ja das Problem, wir werden ja auch nie gefragt.

Das Klappergestell jedenfalls hatte Druck, Stress, da war was los, meine Damen und Herren, da habe ich auch viel mitgemacht. So viel wie wir Füße wandern mussten, neinneinnein, 30 Kilometer hier, 35 dort, dann die Höhenmeter, also, ich dachte, das Klappergestell läuft noch in den Himmel hinein mit uns, meinem linken Nachbarn und mir. Da wollte ich nicht hin. Der linke Nachbar sah das nicht so eng, ach, mach dich locker, hat der gesagt, die kommt auch wieder runter. Von wegen. Kommt runter, mach dich locker. Nee, ich hab dicht gemacht. Abgeriegelt, zu, fertig, aus. Dann noch das ganze Spinning! Das Klappergestell saß ja praktisch immer, wenn es nicht draußen rumwanderte, auf seinem Schlafzimmer-Spinningrad. Zwei Stunden sind nix bei der Verrückten. Da hab ich einen Plan ausgeheckt, und der war ein voller Erfolg.

Einen schönen Sommertag hab ich mir ausgeguckt, nicht zu heiß, im Juli 2021, eine Wanderung an der Lahn, das Ahrtal war gerade untergegangen, hoch, runter, hin, her, Stock, Stein und – zack! Mein Auftritt. Da war Schluss! Meine Damen und Herren. Zehn Kilometer quälte sich mein Überbau noch bis zum Ende der Wanderung, schließlich hatte ich mir für die Ouvertüre der formvollendeten Sehnenscheidenentzündung nebst Reizung gleich zweier entzückender Sehnen, die prachtvoll durch mich hindurchlaufen und die Hauptverkehrsadern zu den Knotenpunkten Knie und Hüfte darstellen, die Wildnis ausgeguckt.

Dann war: Ruhe. Endlich. Ruhe. Gut, am anderen Ende des Körpers nicht, oben war viel Theater, hab ich mitbekommen, aber bei mir unten: Ruhe. Die Verrückte hat es zwar fertiggebracht, mich noch im Juli unter der täglichen Höchstdosis Ibuprofen mit Stöcken durchs Kleinwalsertal zu schubsen, aber Spaß hat der das genauso wenig gemacht wie mir. Das Pochen im Fuß, ich hab immer mal wieder angeklopft, nicht wahr, so bin ich, das wird die nie vergessen.

Spinning ist wenigstens noch immer Geschichte, das hat se sich noch nicht wieder getraut, meine Damen und Herren. Ich bin mal gespannt, wie das Klappergestell nach seinen bald sieben Monaten Pause die ersten Trainingseinheiten übersteht. Vielleicht fällt der Rest vom Körper einfach vom Rad. Mein linker Nachbar und ich nicht, wir haben ja unsere Klickis. Wurden jetzt auch angepasst. Bei der Sportberatung war das Klappergestell, die haben ihr gesagt, sie darf nicht so mit uns Füßen krallen beim Spinning, Gift für die Sehne, Gift für die Sehne, sag ich seit Jahren. Und der linke Nachbar sagt, mach dich locker. Auch so n Idiot. Nix locker! Zumachen! Und dann Gewebe fluten! Entzündung! So geht das!

Ich finde es ja aber schon ganz toll, dass sich jetzt seit ein paar Monaten alles um mich dreht. Allein ich gebe jetzt das Tempo und den Rhythmus des Lebens dieser Frau, die da an mir dranhängt, vor, der Frau, die seit Jahren immer nur Gas gibt und Gas gibt und Vollgas gibt. Ha! Jetzt ist Knallgas. Oder Fehlzündung. Oder halt gar nix. Füß, wenn da so eine ganze Frau dran verzweifelt, einfach füß.

Mein Konzept, endlich mal meine Ruhe zu haben, ging aber trotzdem nicht auf. Das Klappergestell will nicht in dem Modus bleiben, den ich gut finde. Jetzt bleib halt echt mal locker, sagt mein linker Nachbar schon wieder. Ich rech mich uff, meine Damen, meine Herren. Ich wurde zwar, jetzt stellen Sie sich das mal vor, über Wochen des Nächtens erst in Quark, später in Enelbin Paste eingewickelt, das ist vielleicht eine Sauerei, dann tagsüber dauernd dieses ekelhaft klebende Voltaren-Zeug, nicht auszuhalten. Und diese widerlichen Stoßwellen über Wochen! Hast du Töne! Da möchtest du an die Decke springen, ungelogen. Das hatte ich mir so nicht vorgestellt.

Dann fing das Klappergestell tatsächlich an, auch noch ins Wasser zu gehen. Mir blieb ja regelrecht die Luft weg. Aquajogging, Brustschwimmen, so ging es los, dann kam der Wahnsinn mit den Kraulkursen, da stecke ich immernoch mittendrin. Jetzt macht die schon den zweiten! Ein paar Mal die Woche schlappe ich jetzt also in der Badelatsche zum Beckenrand und muss dann in dieses arschkalte Wasser. Das heißt nicht umsonst arschkalt, feine Füße haben da einfach nix drin verloren! Eingeschlafene Füße sind mir da wirklich deutlich lieber. Wochenlang habe ich mit penetrantem Fußpilzbefall standhaft gegen diese Schwimmbadfolter angearbeitet, es hat nichts gebracht. Es hat keinen interessiert, noch nicht mal meinen linken Nachbarn. Also hab ich irgendwann aufgegeben mit dem Widerstand gegen den Wasserwiderstand. Das Klappergestell zieht durch, wenn auch immer noch im Brustmodus, beim Kraulen kriegt se keine Luft. Vier Züge, Feierabend. Der aktuelle Trainer hat gesagt, 500 Meter muss man am Stück schaffen, vorher kann man´s nicht. Ja, Prost Mahlzeit, sag ich da, Grüße an die Kollegen vom Mittelbau Block Arm und Hüfte. Habt ihr noch n bisschen was zu tun, ha. Ob der Restkörper das mit dem Kraulen noch hinbekommt? Fußhaltung ist jedenfalls super, daran liegt´s natürlich nicht. Dafür muss ich ab und zu, und das wäre schon wieder ein Fall für die UN-Fußrechtskonvention, andere treten, zum Beispiel wenn die zweimal seitlich oder von hinten auf meinen Restkörper draufgeschwommen sind.

Ich kann mir jetzt für alles maßgeschneiderte Einlagen vom Klappergestell bezahlen lassen, ich bekomme spezielle Nahrungsergänzungsmittel für Sehnen verabreicht, ich habe ein eigenes Faszienbällchen und werde zweimal täglich damit gerollert, selten habe ich für meine Tätigkeit des Körpertransports diese Wertschätzung erfahren. Aktuell gibt es die oben erwähnte Sportberatung für den Spinning-Wiedereinstieg. Da schauen wir mal, meine Damen und Herren, haha! Auch von Osteopathie hab ich das ganz obere Stockwerk reden hören. Wollen wir doch mal sehen, was wir noch so rausholen können. Ordentlich verspannt sind wir ja immer noch, ab und zu gibt´s mal ein dezentes Signal hinten den Körper hoch, ach, immer wieder herrlich, bis zur Schulter bin ich schon damit durchgekommen. Weil ich wieder Pilates machen muss. Aber ich sitz ja mit meinem schönen Sehnenstrang sowas von an der Quelle! Der linke Nachbar findet das gar nicht gut, dabei profitiert der ja von meinem sachorientierten Verhalten, der hat schließlich auch Einlagen und alles jetzt. Nein, wir haben noch lange nicht alles geschafft, das Klappergestell und ich. Wir sind noch nicht fertig. Auch wenn ich dann doch nach Weihnachten mal so gnädig war, beim Ultraschall keinerlei Wasser oder Entzündung mehr vorzuweisen und mit einem schönen, fröhlichen, erfrischenden Normalbefund aus der Orthopädiepraxis stiefelte, nicht wahr, meine Damen, meine Herren.

Schuhe mit Absatz trägt das Klappergestell trotzdem nicht, sondern brav meine Einlagen. Nur für mich. So soll es sein, so ist es recht. So kommen wir forsch voran.

Der Fuß mit seinem Faszienbällchen