Pizza Moderna

Booster-Impfung in der Pizzeria. Klar. Treten wir einen Schritt zurück, schließen wir die Augen und stellen wir uns kurz vor, ich hätte im Dezember 2019 erzählt, dass ich mich sonntags in einer Pizzeria am Kölner Chlodwigplatz impfen lasse. Besorgte Freundinnen und betroffene Kollegen hätten daraufhin bestimmt ein paar Tonlagen tiefer sehr langsam beruhigend auf mich eingeredet. Im Dezember 2021 wundert das niemanden, überhaupt nicht, vielmehr werden Parallelangebote in der Ubierschänke ein paar Schritte weiter aufgetan.

In der Pizzeria-Sprizzeria war ich mit meinem jetzt Ex-Mann sehr oft. Seither, für fast anderthalb Jahre, war ich nicht mehr dort – und nun kehre ich wieder, weil ein Arzt aus Leverkusen am Wochenende inmitten des rustikalen Holzmobiliars unweit des Steinofens den Anti-Corona-Stoff Moderna verimpft. Ich bin zur Mittagszeit angemeldet, um den Piks Nummer drei wenigstens mit der Zufuhr einer soliden Pizza zu verbinden. Pizza Moderna. Was dann auch prima funktioniert. Man sitzt ja eh 15 Minuten wartend herum, in der Zeit kann auch eine Pizza im Steinofen schmurgeln.

Für das Restaurant ist das Impfangebot am Wochenende auch ein Booster. Es herrscht reger Betrieb, durchgängig stehen vier, fünf Menschen in der Schlange, und alle bestellen wenigstens was zu trinken. Meine Pizza animiert andere, gleich aus der Warteschlange heraus, ebenfalls was zum Essen oder zum Mitnehmen zu ordern.

Impfung rustico: Es ist schon immer wieder erstaunlich bis befremdlich, was in Deutschland einerseits geht, andererseits nicht. Bis vor Kurzem durfte im Innenraum von Apotheken nicht geimpft werden, nur in Zelten davor. Andererseits war es noch nie ein Problem, in Stadien, Arenen, Eckkneipen oder sonstwo Spritzen zu setzen, und ich rede nicht von den illegalen. Nur halt ausgerechnet nicht in der Apotheke, die das gute Anti-Corona-Zeug ja direkt geliefert bekommt. War wahrscheinlich zu einfach.

Impfung im Restaurant hat mit einer medizinischen Handlung erfrischend wenig zu tun. Irgendwie ist es viel angenehmer, viel entspannter. Das Steril-Medizinische fällt weg, es duftet nach Espresso, der Steinofen knistert, es herrscht locker-entspannte Sonntagsatmosphäre. Für die Impfung setzt man sich nicht mal hin, Arm raus, Spritze rein im Stehen, zack, fertig. Da mein Gehirn ja die unmöglichsten Verbindungen herstellt, muss ich stehend geimpft an diese unsäglichen Verrichtungsboxen denken, so wurden die glaube ich genannt, die es in Dortmund mal gab. Oder immer noch gibt? Hoffentlich nicht. Rein in die Box, im Stehen mieser Quickie, wieder raus. Nach der Impfung gibt´s noch nicht mal ein Pflästerchen. „Braucht kein Mensch“, sagt der pragmatische Pizza-Doc. Weh tut der Arm so oder so, mit oder ohne Pflaster, er fängt sogleich wieder damit an, noch während ich meine Pizza säbele.

Außerdem habe ich die Gelegenheit genutzt, den Arzt zu Dienstleistungen in seinem Kerngeschäft zu befragen: Er macht auch ästhetisch-plastische Operationen. Ich bin Videokonferenz-Opfer. Sehr oft hat man in diesem Jahr von Menschen gelesen, die durch den konstanten Anblick ihrer selbst auf Screens in Scharen zur Kosmetikerin, zum Bleaching, zur professionellen Zahnreinigung oder unters Skalpell getrieben wurden. Ich bin auch anfällig. Mir war bis zu den vielen Videokonferenzen nicht klar, dass mein linkes Lid schon derart weit herabhängt. In drei Jahren werde ich Karl-Dall-Dimensionen erreicht haben. Seither muss ich immerzu draufgucken auf das Dall-Lid. Der Arzt sagt: „Mhm. Hängt schon deutlich unter der Linie.“ (Ich im Ganzen übrigens auch, mit Corona hänge ich jetzt schon seit fast zwei Jahren deutlich unter der Linie, aber da kann auch er nicht helfen.) Der Eingriff kostet viel Geld. „Oh, da muss ich erstmal sparen, das wird kurzfristig nichts“, sage ich. Aber er merkt natürlich, ganz Profi, dass ich angefixt bin, nicht nur von dem Zeug in meinem Arm. „Machen Sie doch einfach mal nen Termin, das Beratungsgespräch ist kostenlos!“ Vielleicht sollte das auch einfach in der Pizzeria stattfinden, locker übern Teigrand hinweg mögliche Komplikationen klären und dann einen Limoncello aufs Lid. Salute!

Impfstoff und Pizza – eine sehr gute Kombi. Das Foto hat ein Kollege beigesteuert, der selbst aber ganz ordentlich und vornehm in einer Arztpraxis geboostert wurde.

Ein Gedanke zu “Pizza Moderna”

  1. ….herrlich!!! Salute!
    Ungekrönt für mich Mellilli, Pizza mit Nebenwirkungen…frei Haus! Ohne Beipackzettel!

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