Die Wanderung setzt mir zu – das liegt an den hohen Gräsern. Das Stück auf dem Rheinsteig zwischen Osterspai und Kamp-Bornhofen, das heute Teil meiner Wanderstrecke ist, bin ich wohl schon 100.000 Mal gegangen – aber noch nie durch so dichten, hohen Graswuchs über so lange Abschnitte. Wer hat das sonst gemäht? Ist der Wegewart verstorben? Nase, Augen, alles läuft, und die Beine, die in einer kurzen Hose stecken, sehen aus wie Streuselkuchen, rot-weiß. Irgendwo im Rucksack muss Cetirizin sein, aber ich finde es nicht. Also wie weiter?, frage ich mich, als ich vor dem nächsten mit Gras zugewachsenen Abschnitt bergauf stehe.
Ich kämpfe mich durch, weil weiter oben ein grasfreies Stück Waldpfad zu sehen ist. Dort angekommen, bleibe ich erstmal stehen, suche die verstreuselten Beine nach Zecken ab, und dann nimmt mir Henrietta vom Walde die Entscheidung ab, wie es weitergeht.
Es ist still. Überhaupt wenig los, ich treffe kaum Menschen, dabei hatte ich mich schon auf den Pfingstmontagsrun auf den Rheinsteig eingestellt, verlängertes Wochenende, Mittelrheintal, Wanderautobahn, voll. Nur manchmal tauchen wie bei einer Safari plötzlich in der Gegenrichtung durch den Gräserdschungel kämpfende Gestalten auf. Vielleicht wissen andere auch, dass man hier derzeit über Kilometer auf Grasexpedition in der Botanik verschwindet und sind woanders auf dem Rheinsteig. Oder auf Mallorca. Oder in Zeeland.
In der Stille raschelt es dicht zu meinen Füßen. Ich rechne mit einer Maus oder einer Amsel und schaue hin. Und sehe: eine Schildkröte! Äh. Moment. Können Allergien zu Halluzinationen führen? Bin ich high vom Nobite-Einnebeln gegen Zecken? Nein. Da kriecht wirklich eine Schildkröte auf mich zu und guckt mich neugierig an. Sie verschwindet nicht in ihrem Panzer, sie richtet sich auf und guckt. Vielleicht ist das wie mit Katzen und sie checkt die Fütterungslage? Hat die Tante Leckerlis dabei oder lohnt sich das Warten nicht?
Ich fange erstmal an zu googeln, ob es heimische Schildkröten gibt. Gibt es tatsächlich, die Sumpfschildkröte. Aber was sollte die so weit oben im Wald, unterhalb vom Aussichtspunkt Jakobstempel? Hat die sich in ihrem Sumpf gesagt, ich will mal vom Jakobstempel runtergucken auf meinen Sumpf? YOLO! Ich kriech mal los, Leute, in zwei Jahren bin ich zurück! Ciao! Ich gleiche die Schildkröte zu meinen Füßen mit den Fotos der Sumpfschildkröte ab. Sie ist es nicht.
In der Zwischenzeit hat Henrietta vom Walde entschieden, dass an Leckerlis nix zu holen ist und kriecht von mir weg hangaufwärts. Hm, etwa doch die Sache mit dem Aussichtspunkt? Einfach im Wald ihrem Schicksal überlassen will ich sie nicht und durchkreuze ihre Pläne. Ich fange an zu telefonieren. Die Feuerwehr. Eine begeisterte Frau am anderen Ende der Leitung, aber, ach, Bad Kreuznach hat Dienst, ist zu weit, andere Rheinseite, andere Zuständigkeit. Doch, sie hätten schon alle möglichen Tiere eingesammelt und im Tierheim oder beim Tierschutz vorbeigebracht. Bei der Polizei frage ich mich durch zur zuständigen Dienststelle. Dort erhalte ich die Kontaktdaten von „Tierhoffnung Blaues Ländchen“. Und tatsächlich, die Familie, die sich dahinter verbirgt, hat Zeit und kann mich eine halbe Stunde später treffen. Das ist der kürzeste Weg runter, praktischerweise hat Henrietta vom Walde unser Kennenlernen oberhalb vom Schlusspunkt der Tour arrangiert, an dem auch das Auto wartet. Ich muss also nur runter. Schildkröte in Wanderzeug einwickeln und in den Rucksack packen wird als Transportmethode telefonisch freigegeben.
So eine Schildkröte, man macht sich kein Bild, hat Kraft. Das merke ich schon, als ich versuche, sie einzuwickeln. Sie hat so viel Kraft in ihren Beinchen, da kann ich mit meinen Fingerchen nicht mithalten. Ich wickle sie also so lala ein, Rucksack, vorsichtig, Kopf nach oben, bisschen offen lassen. Sie macht überhaupt keine Anstalten, sich in ihren Panzer zurückzuziehen, das macht es nicht einfacher. Sie schiebt den Reißverschluss auf von innen. Zum Glück ist es nicht weit. Unten angekommen, trifft das Blaue Ländchen mit einer Transportbox an meinem Auto ein. Beim Umpacken der Schildkröte: Ah, Kacka und Pipi im Rucksack, das leider nicht ganz im Halstuch und der Wanderjacke hängen geblieben ist. Mittlerweile trage ich ja wirklich eine mobile Apotheke durch die Gegend, deshalb ist der Rucksack mit Feuchttüchern und Desinfektionsspray schnell wieder hergestellt, der leider in Mitleidenschaft gezogene Proviant weggeworfen. Das Cetirizin taucht auch jetzt nicht auf.
Die Tochter bzw. Enkelin der Tierretterinnen – drei Frauen, drei Generationen – sagt: „Das ist Henrietta!“ Gut, ein Name wäre also auch gefunden. Ich lerne, dass es sich um eine Griechische Landschildkröte handelt, die alle registriert sind, jede Einzelne, und so individuell wie bei uns Menschen der Fingerabdruck ist bei Schildkröten das Muster. Anhand von Fotos von Bauch und Rücken werden sie deshalb eindeutig identifiziert. „Müssen wir nachher noch Fotos von dir machen, Henrietta“, sagt die Älteste der drei Frauen in die Transportbox.
PS: Im Jakobstempel saßen vor zwei Jahren vier ältere Herren in Wanderhemden, als ich mit knapp werdenden Wasservorräten in der dunstigen Juli-Hitze vorbeikam. Ein paar Kilometer weiter war im Ahrtal gerade die Welt untergegangen. Jedenfalls wurde ich von einem der vier mit Wasserflaschen aus seinem Auto versorgt und konnte weiterwandern. Hätte ich besser nicht gemacht, denn genau an diesem Wochenende ging dann mein Fuß kaputt. Der Jakobstempel scheint ein Ort für besondere Begegnungen und Begebenheiten.




Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.