Lost in Sauerland

Das letzte Mal, als ich im Sauerland war, übers Wochenende zu einem Geburtstag des Ex-Mannes war das, da lag ich nur im Bett. Jetzt nicht so, wie man denken könnte. Das wäre schön gewesen. Nein, der Ex-Mann und ich hatten uns beide ein Magen-Darm-Virus eingefangen und kotzten und schissen um unser Leben. Das Zimmer sah hinterher, nach drei solcher Tage mal zwei Menschen, sehr schlimm aus. Ich erbrach mich noch montags auf der Straße auf dem Weg zu einem niedergelassenen Arzt in den aus dem Hotelzimmer mitgenommenen Papierkorb. Nun war ich wieder im Sauerland. Das war in gewisser Hinsicht auch zum Kotzen, mindestens aber ein Einblick in eine Party-Parallelwelt. Auf den leeren Wanderwegen abseits des Willinger Wuseltrubels hingegen war es durchaus auch schön.

Im Januar war der Juni noch weit weg. Irgendwie herrschte dieses frische „Ach ja, dieses Jahr könnte man ja mal wieder…“-Gefühl. Also sagte ich zu, mit ein paar Wanderfrauen übers Brückentagswochenende im Juni nach Willingen zum Wandern zu fahren. Die naive Filterblasen-Harmuth raus in die raue Welt, dachte ich nach diesem Wochenende, in meinem Autochen auf dem Weg zurück nach Köln. Hinter mir lagen zu diesem Zeitpunkt durchaus unvorstellbare Begegnungen, Beglotzungen und zum Glück aber keine Begrapschungen. Schon lange nicht mehr oder wenn, so lange, dass ich es verdrängt habe, habe ich mich als Frau so dermaßen unwohl und unsicher gefühlt wie in diesem exzessiven Sauf-Party-Moloch Willingen. Eine Kollegin, die kürzlich auch dort war, hatte erzählt, dass, als sie mit ihren Freundinnen an der Bushaltestelle stand, ein Mann seinen nackten Arsch aus dem Autofenster eines vorbeifahrenden Fahrzeugs gehalten hat. Das klingt erstmal überraschend, wenn man das außerhalb Willingens erzählt bekommt. Steht man allerdings selbst mitten in Willingen, erwartet man eine solche Szene geradezu. Die Seilbahn hoch zu Siggis Hütte am Ettelsberg befördert schon vormittags bergauf und erst recht nachmittags bergab bierbedoste, alkoholisierte, schwer dünstende Männerrudel in Mottotrikots, da ist ein gegrölumtoster, nackter Hintern plötzlich naheliegend.

Sonntagabends bin ich, zurück in meiner Filterblasen-Zivilisation im Kölner Süden, in eines der Brauhäuser hier um die Ecke gewackelt. Mittelalte Frau, kurzer Rock, allein, Tisch, kein Problem, Bestellung, juckt keinen, belangloses Gespräch mit dem Nebentisch, Rechnung bitte. Vielleicht sollte ich einfach meinen Frieden mit diesem Status meines Lebens machen und ein für alle Mal in dieser Stadt und in dieser Umgebung meine Heimat finden. In Köln juckt einfach keinen irgendwas, ich habe den besten Nachbarn der Welt, den ich eh mitnehmen müsste, sollte ich umziehen, und hier könnte ich unbekleidet oder, wie ich jetzt von einem Kollegen erfuhr: Nude-Kleider trenden, also im Nude-Kleid über die Straßen spazieren oder blöd rumstehen und es würde: einfach keinen interessieren.

In Willingen ist es anders. Nämlich so, dass ich, in Outdoorklamotten, verschwitzt, staubig, nach der Wanderung, vor einem Schuhgeschäft stehe und im Schaufenster Glitzersandalen angucke. „SchöneFrauuuwwwwwelscheSchuuu-uuu-hewürdestdukaufen?“, fragt plötzlich, ich erschrecke, sehr nah neben mir ein vielleicht Zwanzigjähriger, schaukelnd, schwankend. „Alle!“, antworte ich. „KnnnProblem!“, sagt der Kumpel, der vielleicht sogar noch jünger ist als der andere. „Wir haben ganz viel Geld!“, er fängt an, in seiner Umhängetasche zu kramen, „wenn wir dir alle Schuhe kaufen – kommsudannmitaufsZimmer?“ Ich habe Mitleid mit den beiden. Und bin gleichzeitig fassungslos. Das könnten ganz locker meine zwei Jungs sein, vom Alter her und sie sehen gut aus, und jetzt wollen die mit der MILF, die ja aber keine Mother ist, was starten. Mein Gott. Meine Abtörnerantwort hat damit zu tun, dass sie mit dem Geld von Daddy mal ein bisschen besser umgehen sollen als irgendwelchen alten Frauen vor Schaufenstern Schuhe zu versprechen.

Aber es wird nicht besser. Wo man geht und steht, auch später am Tag, in geduschtem und ordentlich gekleidetem Zustand, ist das Sitzen in irgendeinem Lokal, das irgendwas mit Alm zu tun hat, man versucht hier die Berge zu imitieren, Hütten, Almen, Brauhäuser überall, und erst recht der Weg zur Toilette ein einziger Spießrutenlauf. Nur betrunkene Männerrudel aller Altersklassen um einen herum, schmierige Blicke, Cat Calling und blöde Sprüche. Was ist das für eine Welt, welche Menschen sind das, warum bekomme ich sonst weder im Job noch im öffentlichen Leben sowas mit? Filterblase. Ich sitze in Willingen und denke sehnsüchtig an Köln, die große Stadt, in der so viel mehr Menschen sind, ich aber nicht angeglotzt und angemacht werde. Da will ich hin. Ginge ich in Köln in die „Klapsmühle“, würde mir vielleicht Ähnliches Willingerisches widerfahren, aber da gehe ich ja nicht hin. Wieso noch gleich bin ich in Willingen? Ach ja, Januar, das Könntemalwieder-Ding.

Tja. Im Wald, egal wo, auch direkt neben Partyhütten, Seilbahnstationen und was es so gibt, ist niemand. Party überall, auf den Wegen dazwischen Einsamkeit. Durchbrochen von Mountainbikern, auch im Rudel. Schon morgens um halb zehn am Bahnhof ernst guckende Security-Leute am Bahnsteig, auf der Wanderstrecke in der Höhe dagegen Waldidylle und Vogelgezwitscher und herrliche Aussichten. Immerhin gibt es hier auch den höchsten Hügel Nordrhein-Westfalens, mit imposantem Gipfelkreuz, den Langenberg. Ich bin endlich mal auf dem Briloner Kammweg, den ich schon vor mehreren Menschenleben auf meine Wanderliste gesetzt habe, unterwegs. Die Bruchhausener Steine baue ich spontan, da ich davon ausgehe, nicht wiederzukehren, sehr zum Leidwesen meiner zum Dauerjammerlappen gewordenen Sehnen, auch noch in die Route ein. Das immerhin hat sich alles gelohnt. Auch wenn man sagt, aller guten Dinge sind drei, gehe ich nicht davon aus, ein drittes Mal einen Anlauf Richtung Sauerland zu nehmen.

Blick vom Briloner Kammweg
Die Bruchhausener Steine: von nah…
… und von fern.