666. Die 666 müssen wir finden. Das Tor zur Hölle oder: die Buslinie, die uns vom Pforzheimer Hauptbahnhof zum Kupferhammer, dem Einstieg des Fernwanderwegs Westweg von Pforzheim nach Basel, bringt. Meine Freundin und ich wollen die ersten fünf Etappen ab Pforzheim gehen und suchen jetzt erstmal den Bus.
Zum Glück ist man in der Hölle unpünktlich und auch an den Pforten dorthin hat man es nicht eilig, denn wir finden und erreichen den Bus nur, weil der verspätet losfährt. Er steht wirklich im allerhintersten, dunkelsten Winkel der Pforzheimer Bahnhofsumgebung, aber gut, das kann man sich bei einer Linie, die 666 heißt, auch denken. Die wird nicht im strahlenden Sonnenschein im güldenen Kranz des Pforzheimer Schmuckstadt-gemäß leuchtenden Haupteingangs des Hauptbahnhofs direkt an Steig 1 losfahren.
Das erste Stück des Westwegs direkt hinter dem golden verzierten und mit einem aus Metall nachgebildeten Routenverlauf des Westwegs versehenen Einstiegsportal am Gasthof Kupferhammer, der mal eine Schmiede war, ist ein schöner Waldpfad. Das Herz hüpft, wenn es schon so losgeht, dann werden das sehr schöne Wandertage und die Füße leiden nicht zu sehr, denn auf Waldboden geht es sich immer noch am besten. Leider ist dieses Glück nach wenigen hundert Metern vorbei und für den Rest des Tages, immerhin gut 25 Kilometer, gehen wir: über Asphalt, über Wirtschaftswege, über Fahrwege, durch Wohngebiete. Repeat. Das macht müde, das mögen die Füße nicht, das ist nicht abwechslungsreich und erschöpfend. Zum Glück ist der Weg so waldreich. Wir hoffen, dass nur die stadtnahe Einstiegsetappe wegemäßig so festgefahren ist und dass es an den folgenden Tagen besser wird mit den Wegen.
Der Schwarzwald ist jedenfalls immer noch sehr grün. Es wachsen hier viele verschiedene Bäume durcheinander, Mischwald, alle sind sehr alt. Die alten, sehr hohen Bäume werden nur überragt von neuen Windrädern. Auch wenn dem Schwarzwald eine Fichten-Monokultur nachgesagt wird – es schaut beim Durchlaufen deutlich anders aus, als das, was an Bruch, Mondlandschaft und Zerstörung über weite Strecken des Bergischen Landes und auch der Eifel an Bäumen oder der Erinnerung an sie noch übrig ist.
Schwierig gestaltet sich das Übereinbringen von Markierung, Track und Wanderkarte. Bei einem uralten Fernwanderweg, wie es der Westweg ist, hatte ich mir keine großen Sorgen gemacht. Schließlich wurde der millionenfach begangen und muss die Markierung eindeutig sein und mit allem, was es an Karten und Führern gibt, übereinstimmen. Die Freundin und ich werden eines Besseren belehrt. Der Track, wohlgemerkt der offizielle von der Westweg-Tourismus-Info-Website, beschreibt völlig andere Pfade und Abzweigungen als unsere druckfrische Karte aus 2023 als wiederum der Rother Wanderführer aus 2020. Das ist alles nicht besonders nachvollziehbar, denn die Neuführung des Weges fand bereits 2006 statt. Dennoch haben wir den Tag über mehrere Situationen, an denen wir zwischen drei Varianten wählen können: das, was der Track zeigt, das, was die Karte vorgibt und das, was der Wanderführer beschreibt. Wir wechseln nach Lust und Laune mal zum Einen, mal zum Anderen, und haben am Ende erstaunlicherweise das an Distanz und Höhenmetern auf der Uhr, was auch im Wanderführer steht. Vielleicht gelingt es uns, dieses Rätsel in den nächsten Tagen noch zu lösen.
Wenn man mit Rangerhut und Rucksack montags durch süddeutsche Käffer zieht, kommt man mit allerlei Menschen ins Gespräch. Dort, wo immer mal wieder die Markierung aussetzt, wenn wir uns gerade mal wieder dazu entschlossen haben, der Markierung zu folgen, lotsen uns einkaufende Frauen mit ihrem Fahrrad ein Stück des Wegs. Am Aussichtsturm an der Schwanner Warte, der eigentlich gesperrt ist, zu dem wir dann aber hintenrum doch einen Zugang finden, prahlt ein Mountainbikefahrer mit Heldengeschichten, 500, nein 400, nein, fast 300 Kilometer sei er in wenigen Stunden mit dem Fahrrad gefahren, bis zum Feldberg und zurück (der ist von Pforzheim dann doch ein gutes Stück entfernt), und drei Monate lang auf dem Jakobsweg ist er letztes Jahr auch durchgelaufen, er sei ein Kumpel von Reinhold Messner. Uff. Zum Glück kann man den friedlich umherstaksenden Störchen zuschauen, die sich hier niedergelassen haben, während man versucht, diesen anschlussfreudigen Menschen irgendwie wieder Teil der Strecke werden und damit zurücklassen zu können.
Das Ende der Etappe kurz vor Dobel führt auf dem Engelweg an künstlerisch gestalteten Tafeln mit Engelsbildern und -sprüchen von Martin Luther bis Heinrich Heine, Höhepunkt: der hölzerne Dobler Schutzengel, vorbei, und auch der Große Volzemer Stein liegt am Wegesrand. Den stellt man sich als Steilwand, Steinabbruch, Felskante wie in der Eifel vor und findet: eine flache Ansammlung von Steinen, die wie Würfel umherliegen. Man hat eine Infotafel aufgestellt für die Touristen, die die geologische Besonderheit des Flachen nicht erwarten, so wie die Freundin und ich. Dass diese Felswürfel eben nicht aus großer Höhe abbrechen, sondern fast ebenerdig, das ist hier das Naturschauspiel. Zum Glück gibt es die Tafel, die Enttäuschung wäre sonst maßlos gewesen, das hätten auch die Engel am Wegesrand nicht auffangen können. Geleitet von denen erreichen wir den Schluss dieser Etappe in Form einer Bushaltestelle. In der leider, völlig unerwartet, kein Engel sitzt. Ich hatte irgendwie damit gerechnet.






Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.