Verrucae. Ich werd verrückt

Vor ein paar Monaten fasste ich den Entschluss, eine sehr, sehr alte Warze, stolz residierend inmitten meiner linken Handinnenfläche, loszuwerden. Sie tat nicht weh, und wer sie nicht kannte, sah sie nicht. Sie machte nichts, außer unmerklich größer zu werden. Sie war einfach nur da. Sie war unauffällig hautfarben, wie Warzen so sind. Aber mich störte sie jetzt. Ich sah sie. Jeden Tag mehr.

Warzen sind ab sofort nichts mehr für mich und meine Hände, entschied ich. Außerdem, dieses eisbergmäßig im Verborgenen in die Tiefe wachsen, das ist doch unheimlich. Virenbedingtes Dauerverhornungsprogramm inmitten der stetig gecremten Hand. Das bräuchte ich eher für meine Seele, stetige Verhornung und Verpanzerung. Ein Freund sagte zum damals noch im Planungsstadium befindlichen Warzenbeseitigungsprojekt, seit dem Marco willst du alles Alte loswerden. (Marco ist mein Ex-Mann.) Das stimmt auch. Ich war etwas nachdenklich darüber, dass das Loswerdenwollen nicht nur für beispielsweise Möbel, sondern auch für Warzen gilt. Letztlich startete ich in Richtung postwarzische Ära, ausgestattet mit Tinkturen und Pflastern der Hautärztin, und jetzt habe ich: Frankensteins Hände. Die alte Warze ist nach wie vor da, ich habe weitere an beiden Händen, ich kann nicht sagen, ob ich die vorher nur nicht wahrgenommen habe. Oder ob die jetzt sozusagen wie Pilze aus den Fingern geschossen sind. Trotz Vorsicht und Einweghandschuhen. Ich bin kurz davor, zu einem Warzenbesprecher zu gehen.

Gut gemeint ist oft nicht gut gemacht, das gilt also auch für meinen Vorsatz, diese kreisrunde Handinnenflächenkönigin, die schon viel Schönes gehalten und getragen hat in meinem Leben, loszuwerden. Die Warze hat meine Diplomarbeit und jeden einzelnen Text in meinem Berufsleben mitgetippt, viele Drinks mitgehalten, früher auch einmal Zigaretten, viele künstlerische Darbietungen mit beklatscht. Für die Warze war es bestimmt schlimm, nach all den gemeinsam durchgestandenen Jahrzehnten, plötzlich mit Warzenpflaster und Warzentinktur konfrontiert zu sein. Im Innersten getroffen. WHAT? Melanie?! Echt jetzt! Du kannst doch nicht… Überleg doch mal… Pinsel, Tinktur, Schmerzen, Pflaster, Skalpell. Von vorn. Das hat sie mir auch ordentlich heimgezahlt. Schmerzen, Brennen, eine Hand, die aussieht wie nach einem Schwertangriff, gefolgt von einer Säurebombe, Loch in der Hand, Schmerzen. Beim Sport trage ich jetzt einen Verband, weil so ein Pflaster natürlich in dem Moment abfällt, in dem der Körper feststellt, dass er bewegt wird und sich leicht erwärmt. Und, liebe Leute, ihr wollt das abgestorbene, weiße Horror-Etwas, das sich unter dem Pflaster verbirgt, nicht sehen. Ihr würdet nie wieder ein Wort mit mir wechseln. Mir ist auch noch keine fancy Ausrede eingefallen, und so antworte ich auf jede Frage nach meiner Hand wahrheitsgemäß: „Ich versuche, eine Warze loszuwerden.“ Mittlerweile sind es so viele Pflaster an meinen Händen, da komme ich um den Plural nicht mehr herum. Eine Wunde habe ich, weil es sich an der Stelle offenbar nicht um eine Warze handelte – wie gesagt, ich sehe sie jetzt überall, demnächst wahrscheinlich auch auf Badfliesen und Geschenkpapier – und ich mir die Haut weggeätzt habe. Vermutlich wird mir da als Erinnerung an den Einstieg in die postwarzische Phase eine Narbe bleiben. Den Blicken auf meine vogelscheuchenartig von verschiedenen Pflastern zusammengehaltenen Händen nach zu urteilen dauert es nicht mehr lange, vielleicht noch eine Woche, bis endgültig niemand mehr mit mir spricht. Außer dem Warzenbesprecher, zu dem ich gehen werde. Aber der spricht dann ja auch nicht mit mir, sondern mit der Herrscherin meiner Handinnenfläche und ihren Fingersatelliten. Und Kolleginnen und Kollegen, die mich nur vom Telefon kennen und arglos meine Durchwahl wählen, die reden auch noch mit mir. Nach Feierabend werde ich mir, weinend ob meines weggebrochenen Soziallebens, weiterhin mit einem Skalpell fig. 15 die Handinnenfläche säubern. Und wenn sie nicht gestorben ist, so schabet und weinet sie noch heute.

Ich weiß gar nicht, ob es die anderen Verrucae vulgaris, wie sie diagnostiziert werden, vorher auch schon gab, das ist ziemlich wahrscheinlich, und sie sind mir einfach nicht aufgefallen. Aber jetzt mache ich, verängstigt und sensibilisiert durch die Überwarze, das Urviech, mit plötzlich geschultem Blick an jedem Fingergelenk diese verhornten weißlichen Plättchen aus und bekämpfe sie: alle. Gleichzeitig. Meine Hände sehen mittlerweile aus, als wäre ich psychisch sehr auffällig im Sinne von: Man ritzt hier, man schnitzt dort und sticht auch hier einmal hinein. Und dann schneidet man munter weiter herzwärts. Hand, Handgelenk, Arm. Pflaster, überall Pflaster. Fast das komplette dm-Sortiment an verschiedenen Pflasterarten befindet sich mittlerweile in meinem Besitz und in meiner Wohnung. Überall ist zu lesen, Vorsicht, die bösen Viren, einmal in ihrem trödelig-beschaulichen Unterhautverhornungs-Dasein von der Oberfläche her empfindlich gestört, sind darob empört, vermehren sich blitzartig und sofort hat man hydra-mäßig ganz viele neue Warzen.

Ich wurde panisch und dachte, ich hätte mir das nun alles kurzfristig selbst eingebrockt, aber ich habe sie wohl bislang einfach nicht als das wahrgenommen, was sie sind, diese blinden Passagiere unter der Haut. Sie lebten ganz gut damit, dass ich sie gar nicht erst bemerkt habe. Oder sind sie doch neu? Man hat durch Corona zwei Jahre lang oder länger niemandem die Hand gereicht. Jetzt gibt man sich die Hand wieder. Das Humane Papillomvirus sagt dann auch: Hallihallo, hallöchen! und singt: HPV-lein, HPV-lein, duhuuu muhusst wandern, von der ei-heinen Hand zur ander´n! Ach, was ist das schööön, aaaach, was ist das schöööön, jahrelang hat mich das Immunsystem hier nicht geseeeehn! Heppa! Schwupps! Warze!

Oder war es das Schwimmbad? Ein Jahr lang habe ich mich mehrmals die Woche der Filterblasen-externen Welt des Schwimmbads ausgesetzt und zu Wasser und an Land gegen alles Mögliche gekämpft, auch gegen mich selbst. Und vielleicht doch am Duschknauf, am Türgriff, am Schließfach, in der Umkleidekabine, am Schwimmbeckenrand außer diversen Pilzplantagen auch das HPV aufgesammelt. Ich weiß es nicht, und die Warzen an den Händen schweigen und erzählen es mir nicht, in Form welcher wo aufgesammelter Hautschüppchen sie wann Einzug in meinen Organismus gehalten haben. Vielleicht war es auch erst das Yoga-Studio, mit seinen Gurten, Blöcken, Griffen und dem ganzen anderen Zeugs, das nie irgendjemand desinfiziert und das von vielen, vielen Händen gegriffen und auf dem mit vielen Füßen gestanden wird. Raus aus dem Regal, rein ins Regal. Da freut sich das Hautschüppchen-HPV auch wie Bolle. Jedenfalls bin ich mittlerweile unfassbar froh, mir im Büro keine Tastaturen oder Computermäuse mit anderen Menschen im Desk-Sharing teilen zu müssen. Könnte man die so sauber desinfizieren, dass keine Hautschüppchen mehr HPV übertragen? Ist Tastaturen-Teilen am Ende vergleichbar mit Sandalen-Sharing? Auf die Idee käme doch auch keiner, man lässt die Sandälchen unterm Schreibtisch stehen, am nächsten Tag schlüppt jemand anderes rein.

Besuche bei verschiedenen Hautärzten auf der Suche nach jemandem, der meinem unwürdigen Pflaster-Ritzerdasein ein Ende setzt, verliefen erfolglos. Alle arbeiten mit denselben Tinkturen und Pflastern, von denen ich nun einen üppigen Vorrat verzeichne. Mein verzweifeltes Betteln danach, einfach alles tabula rasa weggelasert zu bekommen und dafür die ec-Karte zu zücken, wurde auch nicht erhört. Zu groß die Gefahr, Nervenbahnen in der Hand zu schädigen und schlecht heilende, tiefe Wunden zu verursachen, ohne die Gewissheit zu haben, dass die bis auf die andere Seite der Welt vorgedrungenen Virenbiester wirklich weg sind. Eine Freundin riet zu in Essig eingelegten Zwiebelstücken. Das ist zwar keine Chemie, vom Prinzip aber ebenso lästig und bepflasterungsintensiv wie die fertig abgemischte Pharmatinktur. Die brennt zwar wie die Hölle, stinkt aber wenigstens nicht.

Ich lasse sie besprechen, die Biester. Bevor es die ganzen Tinkturen und Pflaster gab, wurden Warzen besprochen. Man findet auch Texte dazu, dass es einen Zusammenhang zwischen Warzen und der psychischen Verfassung gibt. Seelenschmerz, manifestiert in den Fingergelenken? Die Seele wund, die Warzen rund. Das Besprechen wirkt bestimmt, denn ich bin eine Frau des Wortes, das wissen auch meine subkutanen Mitbewohner. Was wird den Warzen wohl vorgesprochen? Wird ihnen etwas vorgelesen? Gruselgeschichten? Wovor könnten Warzen Angst haben? Als Ernst, der Essig, mit der Susanne aus dem Hause der Schaurig-Saurigen sich einst vermählte und aus dieser gar fruchtbaren Beziehung die Salicylige Sabine, Zacharias der Zwieblige und … plopp! Schon fällt die erste Warze aus der Hand. So könnte es doch gehen!

Die Herrscherin der Handinnenfläche. Mindestens so stur wie ich und leider, ganz anders als ich, sehr standorttreu und heimatverbunden. Dass wir nicht mehr gemeinsam „Du gehörst zu mir wie mein Name an der Tür!“ trällern, macht ihr deshalb sehr zu schaffen.