Abenteuer Ahr 2000

Als Flachlandtiroler-Trainingsstrecke für Bergwanderungen hat der Alpenverein vor fast 20 Jahren die Ahr 2000 ausgerufen. Auf fast 60 Kilometern geht es munter mit mehr als 2000 Höhenmetern in großen Schleifen durch die stillen Seitentäler des Ahrtals immer wieder steil hoch und runter. Das ausgerissene Höhenprofil aus einem Alpenvereinsheftchen stimmt in Strecke und Abschnitten nicht mit dem Outdooractive-Track überein und der wiederum nicht mit dem Weg, den der Mann und ich an einigen Stellen vorfinden bzw. eben gerade nicht mehr vorfinden. Also alles wie immer bei unseren Wanderungen, aber wir haben´s trotzdem geschafft. Als wir 58 Kilometer und mehr als 2100 Höhenmeter angesammelt haben, machen wir nen Strich drunter und latschen schnurstracks in den Zielort Altenahr und einen dortigen Biergarten hinein, statt wie vorgesehen nochmal in Bögen und dem Langfigtal zu verschwinden und erst ein paar Kilometer später wieder in Altenahr anzukommen. Die Beine sind schwer genug.

Die Ahr 2000 will mit der Ahr gar nicht so recht etwas zu tun haben. Der weit überwiegende Teil der Strecke leitet die Wandernden nicht an den Hauptschlagadern des Ahrtourismus entlang wie es oft auch der Ahrsteig tut, sondern weit davon weg; weitläufige Bögen führen über Hügel und durch Hintertäler, über teils geradezu märchenhafte Wege. So kommt man außer an Schrock, Steinerberg und Teufelsley, wo jeweils mehr Verkehr herrscht, auch an einsamen Ecken wie dem Koppen oder einem ehemaligen Exekutionsplatz oberhalb von Ahrbrück, auf dem heute eine stattliche Grillhütte steht, vorbei. Die Wege sind oft verschüttet, überwachsen, manchmal nicht mehr vorhanden. Die Folgen der Winterstürme sorgen auch hier für die eine oder andere baumbedingte Improvisation. Wir stapfen oft durch hohes Gras. Trotz AntiBrumm, das meines Erachtens eher ProBrumm oder HalloBrumm heißen müsste, werden der Mann und ich ordentlich gestochen. Die Insekten freut´s mindestens so wie uns, dass wir durch Landstriche wandern, in denen sonst nicht so viele Zweibeiner anzutreffen sind.

Los geht´s in Walporzheim, gleich hinterm Dorf links den Hang steil hinauf, oben belohnt ein Aussichtsturm, wir treffen auf den Ahr-Urft-Weg (kann man sich auch mal merken), weiter unten auf eine malerische Kapelle, aber immer auf wenige Menschen. Mehrmals fährt ein dicker, silberner SUV mit einem Mann und zwei kleinen Kindern drin an uns vorbei und wir fragen uns warum. Die Vermutung nach dem sechsten Mal und dem zwischendurch geparkten Fahrzeug: Papa gondelt für seine Kids mit dem Auto auf Waldwegen Geocaching-Stationen ab. Obersportlich!

Ich frage mich nach der ersten großen Kurve von mehr als 12 Kilometern und einem langen Abstieg, an welchem Ort wir denn wohl jetzt wieder rauskommen werden unten im Ahrtal, und es ist: Walporzheim. Zurück im Tal und an der Ahr, weist das dort angebrachte Schild 1,2 Kilometer zu unserem Startpunkt aus. Wenige hundert Meter weiter geht es dann den nächsten steilen Serpentinenhang hinauf, zum Krausberg. Da ist ordentlich was los, die Rastbänke sind belagert von Spaßtrupps, einer Wandergruppe etwa, die T-Shirts in grellen Farben mit dem Aufdruck „Wir sind weingeil“ trägt und standesgemäß mittags mit geöffneten Weinflaschen in der Hand herumsteht und -sitzt. Gröl, polter, schnatter.

Um Rech herum bleibt es lebhaft, der Weg führt eine Weile über den Ahrsteig und zweigt dann in ein gottverlassenes Seitental hinter Rech. Auf dem lange nicht begangenen Wegstück watschelt ein Dachs gemächlich und geräuschvoll raschelnd durch die Talsenke. Nachdem ich neulich bei der Annette-Wanderung einen toten Artgenossen gesehen habe, freue ich mich umso mehr, hier auf ein quicklebendiges Exemplar zu treffen. Am nächsten Tag schlängelt sich eine Ringelnatter über den Wanderweg, hinter einer Kreuzung bei der Teufelsley, die ich von vielen anderen Wanderungen kenne, dann aber immer in die entgegengesetzte Richtung abgebogen bin. Diesmal also andersherum, und schon trifft man jenseits des ausgetrampelten Pfades auf eine züngelnde Natter.

Der Outdooractive-Track baut eine zusätzliche Schleife ein, die die Ursprungsroute nicht enthält: von der Teufelsley nicht Richtung Altenahr, sondern runter ins Tal nach Laach, von dort hoch zum schönen Ümerich, wieder runter nach Reimerzhoven – quälend lang zieht sich dort der Weg in Schlangenlinien durch die Weinberge am Hang abwärts. Wir kürzen schnurstracks durch die Rebenreihen ab. Zurück im Tal an der Ahr entlang erreichen wir Altenahr und beenden unsere Tour.

Ich habe gelesen, dass diese Tour vom Alpenverein an einem einzigen Tag gegangen wird. Bergsteigerlegende? Oder schaffen die 10 km/h? Trailrunner? Verläuft die Route doch gänzlich anders als das, was uns als Track zur Verfügung stand? Mir jedenfalls ist es ein Rätsel. Der Mann und ich haben die Tour in zwei Etappen aufgeteilt mit Übernachtung in Mayschoß/Laach. Die Strecken von 31 und 27 Kilometern mit den sportlichen Anstiegen und Höhenmetern auf der Uhr haben dicke gereicht. Mir fehlt die Phantasie, wie man das an einem einzigen Tag schafft. Aber ich bin halt auch eine echte Flachlandtirolerin!

Erste Etappe geschafft! Vor der Saffenburg oberhalb von Mayschoß. Nach dem letzten Abstieg des ersten Tages gab es unten im Gasthaus erstmal nen Schnaps auf die Tagesleistung.

Ruine Saffenburg, mit sehr viel Rittersporn drum herum, sehr passend. Wo sonst soll der wachsen?
So viel Fingerhut wie dieses Jahr habe ich noch nie gesehen. Regelrechte Fingerhut-Felder gibt es immer wieder am Wegesrand.

Ich habe nachgelesen: Der Fingerhut wächst gern auf gerodeten Waldflächen. Klimawandelgewinner, ganz klar.
Beim Abstieg hinter dem Koppen. Mit einem Klimawandelverlierer.

Die Teufelsley, ein richtig schöner, „echter“ Berggipfel. Dort oben zu stehen und in alle Richtungen tief ins Tal hinabzuschauen, die Ahrschleife zu Füßen, ist immer wieder schön.
Irgendwo hinter und über Rech