Mit Rautenresten durch Ostwestfalen

Ein toter Dachs liegt kopfüber rücklings in der Böschung, direkt neben dem Ortsschild von Vörden. Ein Feldhase hoppelt allein auf weiter Flur oberhalb von Erwitzen in nur wenigen Metern Abstand um den Mann und mich herum. Ich finde eine Rotmilan-Feder. Menschliche Begegnungen sind dagegen eher selten auf dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Weg, der in Ostwestfalen von der Abtei Marienmünster über Erwitzen bis nach Herbram-Wald führt. 46 Kilometer sollten es laut der im Jahre 1997 erstellten Wegbeschreibung sein, aufgeteilt auf zwei Etappen, 58 sind es am Ende geworden. Dieses Jahr haben der Mann und ich schon so viele Hundert Wanderkilometer in den Beinen, Gott sei Dank, dass uns das nicht weiter stört. In anderen Jahren hätten wir wohl irgendwann ein Bein nicht mehr vors andere bekommen.

Seit ich vor einigen Jahren das Buch „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ von Karen Duve gelesen habe, habe ich ein Faible für Annette von Droste-Hülshoff. Nicht unbedingt ihrer Werke wegen, eher ihres unangepassten Lebens wegen. In der Gegend um Altenbeken lebte ein Zweig des Adelsgeschlechts mütterlicherseits, das Schloss Bökerhof in Bökendorf derer von Haxthausen steht noch heute. Auch daran führt der der Schriftstellerin gewidmete und vom Eggegebirgsverein erstellte Wanderweg vorbei, und der das Schloss umgebende, dicht und dunkel bewachsene Laubengang ist eine der schönsten Stellen der Wanderung. Auch die Gebrüder Grimm gingen auf Schloss Bökerhof ein und aus, dort gab es einen literarischen Treff: den „Bökendorfer Märchenkreis“. Welche Geschichten und Legenden sie wohl, durch den Laubengang schreitend, gesammelt und erdacht haben?

Am Wanderweg nagt an vielen Stellen der Zahn der Zeit, teils so erfolgreich, dass schon nichts mehr übrig ist. Etwa von den Markierungen, die verblichen, abgefallen oder ganz verschwunden sind. Eine weiße Raute auf schwarzem Grund markiert den Weg, oft finden der Mann und ich nur noch Rautenreste vor. Oder eben nichts, weswegen wir am ersten Tag sehr oft die große Wanderkarte vom Eggegebirgsverein auseinanderfalten müssen, die uns unser sehr netter, hilfsbereiter und selbst im Eggegebirgsverein aktiver Ferienwohnungsvermieter und Fahrer Herr Nolte mitgegeben hat. „Die werden Sie brauchen!“. So oft, dass sie am Ende, es war doch sehr windig und es gab sehr viele unmarkierte Weggabelungen, an ein paar Stellen eingerissen ist.

Für den ersten Teil der Wanderung gibt es keinen GPS-Track, und der Mann hatte das edle Ansinnen, der Outdooractive-Community diesen aufzuzeichnen und zur Verfügung zu stellen. Wir gehen, nachdem wir an der Abtei Marienmünster falsch losgelaufen sind, extra noch einmal zum Startpunkt zurück, um den Track fehlerfrei zu haben. Im Laufe des Tages verlaufen wir uns aber so oft, dass wir den Plan mit dem Track irgendwann aufgeben. Ein anderer Wanderweg, gut gepflegt und beschildert, begleitet uns ein Stück, wir lassen uns verleiten und folgen ihm an einer Weggabelung, an der die Alternative in hohes Gras führt, weiter. So landen wir auf dem sehr idyllischen Schmandberg, bei dem ich an Schmandkuchen mit Mandarinen denke und auf dem ein paar Büffel herumstehen. Nach einem Blick auf Herrn Noltes Karte müssen wir aber ernüchtert wieder bis zur Weggabelung zurück und ab ins hohe Gras. Den Schmandberg kennt noch nicht mal Herr Nolte.

Mit einem kleinen Abstecher an einer Kreisstraße entlang kommt man zum Droste-Stein. Den hat der Kreis Höxter seiner Dichterin in den 1960er Jahren aufgestellt. Es scheint, als habe man seither nicht allzu viel in seinen Erhalt investiert. Der Mann verpasst ihm den passenderen Titel: Annette-Kiesel. Die Inschrift ist ausgewaschen, der Tisch mit Bank daneben verwittert und verfallen. Das hätte der Annette bestimmt überhaupt nicht gefallen und sie wäre nach Anblick des Ensembles empört zurück in ihre Kutsche geklettert. Eine Infotafel neben dem Stein klärt darüber auf, dass dies die Stelle sei, die in der „Judenbuche“ – werden auch heute noch Schulklassen damit malträtiert? – eine zentrale Rolle spiele, dass dies fälschlicherweise aber gar nicht die entsprechende Stelle sei. Da hat sich die Annette, sich auf örtliche Vermutungen verlassend, vertan. Ich setze mich auf die zerbröselte Bank, lege Herrn Noltes Karte auf den vermoosten Tisch und falte, wie sich später herausstellen wird, bei Aufbruch ein dickes Insekt mit in die Karte ein, das dort einen hässlichen Fleck hinterlässt. Herr Nolte trägt es mit Fassung, dass ich seine Karte ruiniere, als Vereinsaktiver verfügt er über ausreichenden Ersatzbestand.

Vom „europäischen Muster-Touristikdorf Bellesen“ versprechen wir uns eine mustergültige, geradezu prospekthafte Wandereinkehr, werden diesbezüglich aber enttäuscht. Die Muster-Touristik scheint sich mehr auf gepflegte Fassaden und blankgefegte Fachwerkensembles zu beziehen als auf Kaltgetränke am Wegesrand. Die Einkehr am Ende der ersten Etappe, den Landgasthof Nolte (nicht verschwippschwägert mit unserem Herrn Nolte) gibt es aber noch, und ich belohne mich mit einer großen Portion Waffeln mit Kirschen und Vanilleeis. Auf Annette! Die zweite Etappe und damit die ganze Wanderung endet einkehrmäßig ernüchternder – in Herbram-Wald gingen irgendwann sämtliche Lichter aus, auch die vom Golfstübchen, in dem der Mann und ich gebührend die absolvierte Annette-Tour ausklingen lassen wollten. „Time to say goodbye“ steht am Golfstübchen, und: „zu verkaufen“. Außer uns steht ein altes Ehepaar vor der verschlossenen Tür, das uns mehr als eine halbe Stunde lang mit Erzählungen vom aus Erwitzen nach Shanghai ausgewanderten Sohn, Knie-Not-OPs und Spaziergängen in Corona-Zeiten trotz COPD die Wartezeit auf Herrn Nolte vertreibt.

Beim Italiener abends lernen wir die Geschichte der Nieheimer Käsetage kennen, die uns der „Nieheimer Käsewirt“ Giovanni – der eben jenen lokal produzierten Käse gegen Aufpreis auf seine Pizzen wirft – in schillerndsten Farben ausmalt. Alle zwei Jahre, dieses Jahr wäre es wieder so weit gewesen, aber selbstverständlich fällt das Käsespektakel im September aus, versammeln sich Käseproduzierende aus ganz Europa im überschaubauren Städtchen und bieten unter dem Logo einer von Käse umgebenen Maus ihre Ware feil. In Nieheim sind viele ins Käsebusiness verwickelt, auch Herr Nolte fährt Käse der ortsansässigen Schaukäserei in Gastronomiebetriebe der Gegend aus. Ein Sackmuseum ist eine weitere Attraktion in Nieheim, aber die Nieheimer Sacktage gibt es nun nicht.

Am Ende waren beim Annette von Droste-Hülshoff gewidmeten Wanderweg die Tiere und menschlichen Geschichten links und rechts des Weges fast interessanter als der Weg selbst. Lange Strecken über Asphalt, das viele Verlaufen und wahrscheinlich wieder heimlich von Jägern und Förstern entfernte und damit über lange Wegstrecken fehlende Sitzgelegenheiten haben die zweitägige Tour doch immer wieder recht mühsam werden lassen. Aber sie wird dazu gedient haben, einfach das Buch von Karen Duve über die Dichterin noch einmal zu lesen.

Schöne Flecken und Ecken gibt es in Ostwestfalen
Gleich zu Beginn hinter der Abtei Marienmünster geht es den Berg hinauf zum 26 Meter hohen Hungerturm
Oh, Markierung, Markierung! Eine Ecke später haben wir uns gleich wieder verlaufen.

Der Droste-Stein oder auch: Annette-Kiesel

Abtauchen ins Grün und umlaubt um die Ecke rum: der Laubengang von Schloss Bökerhof
Gegensätze: Das Kreuz ist allgegenwärtig am Wegesrand – die Windräder am Horizont sind es auch
Auch an diesen Anblick muss man sich wohl gewöhnen beim Wandern: über weite Flächen zerstörte Fichtenwälder
Schlusspunkt in Herbram-Wald: ein Kreuz, natürlich, aber leider keine Schlusseinkehr