Wandern wäre das Programm der Wahl gewesen. Doch die Eisheiligen machten ihrem Namen alle Ehre und so war der diesjährige Geburtstag eine weitere Corona-Improvisation. Die geplante große Sause am darauffolgenden Wochenende war eh schon seit Wochen abgesagt, also was soll´s, frischauf mit dem Mann in die vorsichtig wiedereröffnete Kölner Innenstadt und geguckt, was so geht.
Zuerst fällt auf: Jeder Shop hat seine eigenen Regeln. Apple misst sogar die Temperatur der Menschen, bevor sie in den Apple-Tempel eintreten. Das hält aber niemanden davon ab, in einer langen Schlange anzustehen. Andere Läden arbeiten mit Aufpassern – man darf nicht unbegleitet rein und durch die Reihen, sondern muss sich am Eingang von einem persönlichen Begleiter abholen lassen. Wohlgemerkt nicht in einem Juwelier- oder High-Fashion-Shop, sondern in einem stinknormalen Outdoorladen. In dem Store, den ich zum Kauf einer Fußcreme betrete, werde ich angehalten, eine Tasche zu nehmen. Nehme ich. Bei der Fußcreme angekommen, was wegen der komplizierten Wegeführung durch den Laden nicht so einfach ist, zumal ich wegen dem Stofffetzen in meinem Gesicht nicht so genau sehe, ob ich nicht an einer Ecke links oder rechts was umschmeiße, werde ich dann darauf hingewiesen, dass die Stofftasche in meiner Hand fünf Euro koste. Irgendein handgeklöppeltes Ding aus einem indischen Sozialprojekt mit Kartoffeldruck oder sowas. Fail! Ich hätte eine Papiertasche nehmen sollen, direkt daneben hängend. Im Moment, also seit circa zwei Monaten, habe ich eine sehr schlechte Impulskontrolle und ich unterdrücke akut sehr stark die Handlung, der Kosmetikladentante mit ihren Puppenwimpern die Fußcreme nicht vor die Füße, sondern an den Kopf zu werfen. Ich schaffe es, ohne Übergriffe und immerhin – dank sehr lauten Maskengenuschels mit dem Kosmetik-Wimpernmädchen – auch ohne die bescheuerte Fünf-Euro-Tasche, wieder auf die Straße zu treten.
Das trubelige Bäckerei-Café, in dem man sonst sein eigenes Wort nicht versteht und in dem es normalerweise zugeht wie in einem dieser gigantischen Ameisenhügel im Wald, wirkt wie eine großzügig angelegte Design-Ausstellungshalle. Raum und Stille. Hier ein Tisch, dort ganz dezent auch einer, alles kahl, Grabesruhe. Ein sehr verspannter Kellner versucht, alles richtig zu machen und hat Angst, irgendetwas falsch zu machen. Der Mann und ich schaffen es nicht, ihm zu vermitteln, dass er keine Sorge haben muss. Als er versehentlich die ec-Karte des Mannes aus dem Gerät zieht und ihm reicht, wie er das sonst eben macht, erleidet er innere Schmerzen und entschuldigt sich viele Male. Wir können ihn nicht beruhigen. Auch hier bin ich sehr erleichtert, mir fällt geradezu ein Stein vom Herzen, als wir wieder draußen auf der Straße sind.
Das ist im Grunde die Zusammenfassung des Problems: Sonst geht man in Gebäude h i n e i n, um eine Form von Entspannung oder Freude oder Bedürfnisbefriedigung zu erhalten. Wenn man drinnen ist, geht es einem sonst besser, und mit Corona ist es genau andersherum. Erstmal muss man sich schon konzentrieren, um nicht zu vergessen, den Stofffetzen ins Gesicht zu schnallen, dann muss man gucken, wie viele Personen überhaupt reindürfen, sodann mit einem Quickcheck scannen, wie viele gerade drin sind, überlegen, ob der Mann und ich mit +2 da jetzt noch dazupassen. Bei positiver Analyse: Hände desinfizieren. Tasche oder Korb oder irgendwas greifen. (Nicht auf Verkaufstricks mit indischen Klöppeltaschen hereinfallen.) Nicht einfach irgendwo hingehen. Sehr fokussiert den aufgemalten Pfeilen folgen. In stiller Verrichtung und mit panischen Blicken, ob man jetzt nicht wieder jemandem aus Versehen zu nahe kommt, einsammeln, wenn man weiß, was man einsammeln möchte, und wieder verschwinden. Oft weiß man ja aber nicht, was man einsammeln möchte, sondern geht einfach mal rein. Das ist im Moment ausgeschlossen. Nee, überzeugt alles nicht. Nach wenigen Stunden in sehr wenigen Shops ist das Nervenkostüm restlos aufgebraucht. Am viel- und erfolgversprechendsten war da noch der Besuch im pfuschneuen Peloton-Flagship-Store, um sich über die Konditionen dieser neuen Spinningräder zu informieren. Außer uns keiner drin, viel Platz und genug Raum, um den sehr hohen Preis auf mich wirken zu lassen. Vielleicht wird genau das aber mein nachträgliches Geburtstagsgeschenk an mich selbst. Auch wenn zu befürchten steht, dass der Mann sagen wird: das Peloton-Spinning-Rad oder ich! Denn auch ein Crosstrainer ist schon in unser Wohnzimmer eingezogen.
![]() |
| Hey, wanna party with me? – Ja, klar, mit Corona wird´s echt n Bringer! |
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.
