Karnevalsverein Kurtscheid

„Nur wo du zu Fuß warst, bist du wirklich gewesen“ – dieses Bonmot wird dem großen Herrn von Goethe zugeschrieben. Damit schmücken sich gerne wandernde Menschen: „Schon der Goethe hat ja gesagt: …“. Ob der dem Alkohol sehr zusprechende Herr von Goethe damit vielleicht nur Ecken seiner Wohnstatt gemeint haben könnte, die er torkelnd gerade noch erreichte? Jedenfalls wäre ich niemals, ob mit oder ohne Bonmot, wenn nicht zu Fuß, nach Kurtscheid gelangt, auf den dortigen Aussichtsturm gestiegen und fast Mitglied des ortsansässigen Karnevalsvereins geworden.

Morgens um 9.41 Uhr witsche ich mit dem Auto gerade noch so durch die Straßensperre zwischen zwei Polizeifahrzeugen hindurch. Ab 9.45 Uhr ist das komplette Wiedtal verkehrstechnisch für motorisierte Fahrzeuge abgeriegelt, die Landstraßen sollen an diesem Tag den Radfahrenden gehören. So etwas bekommt man leider nicht mit, wenn man sich um 23.45 Uhr des Vorabends eine Wandertour fürs Wiedtal bei Outdooractive rauskramt. Der Vorteil wird sein, dass ich den ganzen Tag in herrlicher Ruhe verlatschen werde, wo man sonst dem Geratter, Geknatter und Gedröhne von Quads, Motorrädern, Oldtimern und sonstigem öligen Metallgedöns mit eher übergewichtigen älteren Herren drauf und drinnen ausgeliefert ist.

Hinter mir wird also die Sperre geschlossen, ich parke im Nirgendwo zwischen Campingplatz, Wiese und Wied, in der Hoffnung, das Auto dort am Abend wieder vorzufinden. Ich weiß jetzt, dass ich für die Wanderung des Tages sehr lang unterwegs sein werde und mir viele, viele Pausen gönnen werde, denn erst ab 18 Uhr ist der Autoverkehr wieder freigegeben. Bevor ich nachmittags im überhitzten Auto herumlungere oder Feuerwehr- oder Polizeikräfte becircen oder gar bestechen muss, um vorzeitig durchgelassen zu werden, hocke ich mich lieber unterwegs öfter hin.

Im Örtchen Kurtscheid, schon zum Ende der Tour hin hoch oben auf einem Hügel gelegen, will der Track mich unbedingt um den Friedhof herum führen, ein Umstandsbogen statt des schönen, sich direkt abzeichnenden Wegs. Ich verstehe das nicht so recht – liegen auf dem Kurtscheider Friedhof vielleicht ungeahnte Berühmtheiten begraben? – und frage eine mit dem Rollator herannahende Dame, ob sich hinter dem Friedhof etwas Sehenswertes verberge. „Aber natürlich! Unser Aussichtsturm!“ Also hin.

Der Aussichtsturm ist entweder frisch hingestellt oder frisch renoviert, regelrecht unberührt und unbestiegen sieht er aus mit seiner schicken Metalltreppe, die in eine großzügige Metall-Aussichtsplattform mündet. Ein Aushang hinterm Friedhof informiert darüber, dass bei schönem Wetter der Kiosk geöffnet habe. Also an diesem hochsommerlichen Maitag auf jeden Fall. Eine Schlange von Kindern, die Eis und Nogger-Muffins kaufen, vor mir. Der Anton am Kiosk, er stellt sich gleich als Anton vor, will wissen, wer ich sei und woher ich käme. „Ah, die Melanie aus Köln, toll!“ Fortan wird jeder nach mir ankommende Mensch darüber informiert, dass die Melanie aus Köln anwesend sei. Zwischenzeitlich verwickelt Anton mich in ein Gespräch über den Kurtscheider Karnevalsverein anno 1967, seine 87-jährige Mutter, ebenfalls am Tisch vor dem Kiosk sitzend, ebenso wie Markus und Holger, sportliche Mittfünziger aus dem Dorf, zugezogen, der Liebe wegen, Holger sogar schon Opa, berichten über vielfältigste Funktionen, die sie im Verein über die Jahre erfüllt haben. Die aktuelle Schriftführerin ist in Ungnade gefallen, sie hat in der Festschrift die Anneliese nicht erwähnt, und das geht ja mal gar nicht, bei allem, was die Anneliese für den Verein getan hat. „Was machst du beruflich? Was, du kannst schreiben?!“, das befeuert Antons Bemühungen, mich zum formlosen Beitritt in den Karnevalsverein von Kurtscheid zu bewegen („Ich finde die Formulare gerade nicht! Schreib einfach hier was auf den Zettel!“) ganz erheblich, wittert er doch die Chance auf eine neue Schriftführerin.

Antons Mutter errät treffsicher die Mütter der ununterbrochen Eis und Nogger-Muffins kaufenden Kinder („Dat is dat Gesicht von da Annika, ganz klar! – Eure Mutter is da Annika, oder? – Sach ich doch!“), Anton ist immer noch begeistert über die anwesende Melanie aus Köln, Holger berichtet über seinen erfolgreichen Gewichtsverlust – 20 Kilo, durch Sport und Ernährungsumstellung. „Ich ess keine Wurst mehr, außerdem frühstücke ich nur noch Porridge mit Blaubeeren.“ – „Was dat dann!“, will Antons Mutter wissen. „WAS? HAFERBREI? UND SONST NIX? NÄÄÄH!“ Ich bleibe einfach weiter sitzen. Ich hab ja Zeit, vor 17 Uhr brauche ich mich dem Örtchen Niederbreitbach, in dem das Auto steht und inmitten der Trilliarden von Drahteseln sicher weint, gar nicht erst zu nähern.

„Melanie, was ist jetzt! Karnevalssamstag ist immer Prunksitzung, biste dabei nächstes Jahr, als Vereinsmitglied, bei uns ist das alles auch viel netter und nicht so anonym wie im Kölner Karneval!“ Mutter Anton berichtet von Stofffahnen und Vereinsflaggen, die sie jahrzehntelang genäht habe. Ich schreibe dem Anton meine E-Mail-Adresse auf, er soll mir das ganze Beitrittszeug mal zumailen. Es gibt Schlimmeres, als den Karnevalsverein Kurtscheid finanziell zu supporten. Immerhin scheint die Dorfgemeinschaft zu funktionieren.

Kurtscheid aus der Ferne. Den Turm sieht man nicht!
Es war ganz schön windig auf dem Kurtscheider Aussichtsturm hinterm Friedhof! Im Hintergrund neben meinem Flatterhut sieht man das Siebengebirge.
Hinter Kurtscheid, auf dem Weg zurück ins abgeriegelte Niederbreitbach. Ginster ist einfach eine super Erfindung. Leider geht er auf dem Balkon immer ein.