Die Schwimm-Hummel (Schwimmel)

Es wird gemeinhin gesagt, Hummeln könnten laut physikalischer Gesetze unmöglich fliegen. Sie fliegen aber. Vielleicht ist es mit den physikalischen Gesetzen des Menschen einfach nicht so weit her, wie der Mensch denkt, wenn die Hummel fliegt, obwohl es den menschlichen Berechnungen widerspricht. An das Fliegen der Hummel, das eigentlich nicht möglich ist, denke ich oft, wenn ich in einem anderen Element unterwegs bin: im Wasser in einem der Bäder in und um Köln beim Kraulen. Das fühlt sich auch nach einem halben Jahr noch so an, als sei es nicht möglich – ich bewege mich aber erfolgreich kilometerlang durchs Becken.

Dass Hummeln trotzdem fliegen, kann an den Luftverwirbelungen bzw. dem Auftrieb liegen und/oder an einem vor wenigen Jahren entdeckten kleinen Gelenk im Hummelflügelchen und/oder an beidem zusammen. Vielleicht findet man im Laufe der Zeit auch noch weitere Erklärungen, warum die possierlichen Brummer durch die Luft kreiseln und torkeln, obwohl man sich unter den Begriffen „schnittig“ und „aerodynamisch“ andere Beschaffenheiten des Insektenkörpers vorstellen könnte – und beispielsweise weitere gestreifte Luftsurrer wie Bienen oder Wespen ja auch viel geländegängiger aussehen und zielstrebiger umherschwirren.

Wenn die Schwimm-Hummel oder: Schwimmel Harmuth ins Becken steigt, ist es auch immer wieder aufs Neue überraschend für mich, dass sie geschmeidig, glatt und flink, ohne abzudriften und unterzugehen, am gegenüberliegenden Beckenrand ankommt und oft genug sogar mit der Kippwende viele Bahnen aneinanderreiht (Rollwende kann ich nicht, lerne ich vielleicht noch. Ich habe Angst, mit irgendeinem Körperteil, womöglich dem Becken, beim Purzelbaum gegen den Beckenrand zu schlagen und stelle mir das Ergebnis äußerst schmerzhaft vor).

Noch vor wenigen Monaten saß ich, weil ich beim Kraulen, vielmehr: beim Kraulen-Üben im Nichtschwimmerbecken, ständig unterging, weinend hinterm Wal. Jetzt schwimme ich drei Kilometer. Manchmal sind ein paar Züge dabei, die nicht so gut sitzen, oder ich erschrecke mich vor dem Hallenbad-Hai, oder es pflügt wieder ein 200-Kilo-Delfin-Beckenumwälzer mit komplizierten Hilfsgeräten tosend und Wellen schlagend an mir vorbei. Dann komme ich schon mal aus dem Takt, verschlucke Wasser oder drehe mich zu stark nach oben – der Moment, in dem ich an die Hummel denke, die unmöglich fliegen kann. Am Anfang bin ich dann wirklich manchmal komplett nach hinten weggekippt, einmal um die eigene Achse, wie eine echte Hummel, mittlerweile schaffe ich es immerhin, die Hüfte wieder in die Spur nach unten zu ziehen und nicht mehr ganz so hummelig-torkelig auszusehen.

Aber ganz weg ist das Hummelige nicht. Ich sollte mir zur Perfektion des Looks einen Biene-Maja-Badeanzug zulegen. In einer Stadt, in der ganzjährig Karneval herrscht, dürfte das eigentlich kein Problem darstellen.

Wenn ich an einem schönen Tag
Durch eins der Kölner Bäder geh
Und kleine Schwimmeln kraulen seh‘
Denk‘ ich an eine, die ich mag

Und diese Schwimmel, die ich meine, nennt sich Harmuth
Kleine, freche, schlaue Schwimmel Harmuth
Harmuth schwimmt durch ihre Welt
Zeigt uns das, was ihr gefällt
Wir treffen heute uns’re Freundin Schwimmel Harmuth

Schwimmel, erzähle uns von dir!

In Kürze steht die zum zweiten absolvierten Kraulkurs gehörende, diesen abschließende Einzelstunde an. Trainer Erik wird feststellen, dass die Kraul-Schönheitsfehler der Schwimmel Harmuth, nämlich „die aufliegende Hand“ (Arm zieht nicht direkt wieder durch, sondern bleibt ausgestreckt vor dem nächsten Zug einen Moment auf der Wasseroberfläche liegen) und die fehlende Geschwindigkeit, noch vorhanden sind. Die aufliegende Hand ist vielleicht mein zweiter persönlicher Hummel-Moment, die Millisekunde, in der sich die Schwimmel kurz Orientierung und Stabilität in der waagerechten Wasserlage verschafft. Ich habe mir beide Fehler irgendwann verziehen und hoffe, Erik macht das auch. Mit dem Kraulen bin ich immerhin schnell genug, um in den als „mittelschnell“ gekennzeichneten Bahnen zu schwimmen, ohne dass jemand von irgendwoher in mich reinrauscht, und die Bewegung, dieses glatte, schlanke Gleiten durchs Wasser, macht einfach viel, viel mehr Spaß als das vergleichsweise breite, schneepflugartige Brustschwimmen. Wenn Erik mir die Fehler nicht verzeiht, wird die Schwimmel an einer Schwachstelle gepackt, beim Ehrgeiz nämlich. Nächster Kraulkurs: Technik ist also eigentlich schon gebucht.

Huihuiuiuiuiui, entgegen aller physikalischen Gegebenheiten: Sie bewegt sich doch! Die Hummel in der Luft und die Schwimmel im Wasser!

4 Gedanken zu “Die Schwimm-Hummel (Schwimmel)”

  1. Ja, ich hatte überlegt, ob Schwimmel oder Schwummel. Beides passt auf die Fortbewegung der Frau Harmuth im Schwimmbecken. Die jetzt aber endlich offiziell vom Schwimmtrainer als Kraulen freigegeben ist. Hat ja auch echt lange genug gedauert.

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