„Ihr fragt euch, warum ihr hier seid? – Weil ihr es verdient habt!“, „Na, tun die Beine Scheiße-weh? Richtig so!“, „Maschiiiiiiiiiine!“, „Katja, ein Raster mehr rein, sonst fährt noch dein lahmer Bruder an dir vorbei“, „Widerstand!!!! Sehr geeeeiiiiillllll!“. Was das ist? Das ist Spinning. Und es hat mich wieder. Gott sei Dank, möchte ich sagen. Ich danke selbstverständlich auch meinem rechten Fuß. Noch viel mehr als dem Gott. Denn was passiert, wenn der rechte Fuß beleidigt ist, das wissen wir jetzt ja alle. Totalausfall, Frust, alle möglichen Schuhe mit Absatz wegschmeißen, flache Schuhe mit Einlagen tragen, aber auch: neue Sportart Schwimmen erlernen. Immerhin. Damit hatte der Fuß nicht gerechnet, deshalb gibt er jetzt auf dem Spinningrad wieder Ruhe.
Mit frisch eingestellten Klickis, polstermöbelähnlichen Spezialeinlagen für die Spinningschuhe (so Perwoll-Kuschelbär-weich können diese Brettsohlen-Klacker-Schuhe also auch sein) und dem Vorsatz, es nicht zu übertreiben (was bei mir maßloser Person schwierig ist), steige ich jetzt also wieder auf mein Schlafzimmer-Spinningrad. Man gewöhnt sich einfach an alles in dieser Corona-Pandemie. An die Corona-Pandemie, aber eben auch an einen alten, treuen Laptop, der wacklig auf der Wäschebox steht, vor dem Schlafzimmer-Spinningrad, und der Trainer plärrt einem von dort in die In-Ear-Stöpsel, von denen der rechte nicht richtig sitzt und bei erster auftretender Ohrtranspiration davonrutscht. Ich suche und finde ihn meistens unter dem Bett. Eine mögliche nächste Anschaffung könnte so ein Bluetooth-Soundwürfel sein. Ich bin ja bei sowas immer fünf Jahre hinterher, mittlerweile hat man wahrscheinlich schon wieder ganz andere fancy Devices, aber ich kann jetzt einen total unmodischen Soundwürfel gebrauchen. Um mich beim Heimspinning besser anbrüllen lassen zu können, ohne Sachen aus den Ohren zu verlieren. Und die Nachbarn sollen auch was davon haben, schließlich höre ich mir Tag und Nacht das Getrappel und Gepolter über mir an.
Vorgenommen habe ich mir, mehr zu schwimmen als Spinning zu machen, jetzt, wo all die erfolglosen Versuche, das Kraulen zu lernen, endlich in Erfolg gemündet sind und ich mich über viele, viele Bahnen, die Kippwende mal mehr, mal weniger gelungen, kraulend durchs Becken bewege. Herrlich. Anders als beim Brustschwimmen, kommt man beim Kraulen in einen Flow. Der wird nur leider nach wie vor durch die zahlreichen anderen Menschen in der Bahn unterbrochen und gestört, wenn auch jetzt keiner mehr in mich reinschwimmt.
Wenn man regelmäßig zu bestimmten Zeiten in bestimmten Bädern ist, trifft man natürlich die gleichen Menschen. Es gibt samstags im Zollstockbad den älteren Herrn, der die 25 Meter einfach durchtaucht, hin und her. Neulich begegnete mir an der Wasseroberfläche eine erschrockene Brustschwimmerin, die ihr Schließfachband im Wasser verloren hatte. Beim nächsten Beckenrandstopp habe ich den Taucher abgefangen, er hat es unterwegs aufgesammelt und der Frau eine sehr große Freude damit gemacht. Sonntagabends im Lentpark sind die beiden Kampfbienen. Triathlon-Badekappen, Haufen Equipment, schwimmen in alles rein, durch alles durch, über alles drüber, was ihrer Bahnenzeit im Wege ist. Also alle anderen Menschen in der Bahn. Auch vor Haien oder Kriegsschiffen würden sie nicht zurückschrecken. Die Kampfbienen sind wirklich das Krasseste, was mir bislang im Schwimmbecken begegnet ist. Da sind selbst die Jungs, die von vorne oder hinten in mich reingekrault sind, harmlos, denn die haben sich immerhin meist selbst erschrocken und entschuldigt oder haben´s nach einmal kraftvoll Zutreten sein gelassen. Die Kampfbienen ziehen durch. Ich wechsle die Bahn, sobald die beiden mit ihrem zirkusturnierartig bunten Equipment-Park am Beckenrand auftauchen und gestresst anfangen, ihre Handgelenksmessgeräte zu konfigurieren.
Beim Schwimmen gibt es schwache Momente. Immer dann, wenn das Gehirn registriert, dass man sich in Unmengen Wasser befindet. Da hilft es, auf den gekachelten, beruhigend türkisfarbenen Boden zu gucken. In einem See wäre ich wohl mental verloren. Deshalb schwimme ich auch nicht so gern in Bädern, die eine dunkle Blechwanne als Boden haben. Das ist schon zu seeig vom Feeling fürs Gehirn. Hektisch wird das Hirn auch, wenn sehr viele Menschen in den Bahnen unterwegs sind, zum Beispiel wenn drei von fünf Bahnen wieder von einem Verein der Verrückten belegt werden, der mit gefühlt 100 Vereinsmitgliedern auf drei Bahnen mit einem Gebrüll der peinvollsten Höllenschlünde Delphinschwimmen trainiert und damit die gefühlten 30 um ihr Leben Paddelnden in den beiden verbleibenden Bahnen an den Rand des Absaufens und des Ertaubens bringt. Ein Wellengang herrscht dann in einem solchen Hallenbad, dass in meinem kopfkinobegabten Hirn sofort Havarieszenen auftauchen, in denen blutrünstige Hallenbadhaie oder qualvoller Tod durch Ertrinken oder beides eine Rolle spielen. Keine Ahnung, wo sowas angelegt ist, um dann in solch unpassenden Momenten von einer schussligen Synapse abgerufen zu werden. Denn nur ein Moment der Schwäche, ein Verschlucker, ein Aussetzer, schon ist alles dahin, Pause am Beckenrand nötig und man kann kaum wieder in die dichte Perlenkette der auf zwei verstopften Bahnen verbissen Kämpfenden einfädeln. Da ist es, so verrückt das klingt, auf dem Spinningrad deutlich entspannter.
Stöpsel rein, Augen zu, lostreten. Und das eine Stunde, zwei Stunden, ganz egal, eine Flasche Wasser nach der anderen wird absorbiert, begleitet von Technobeats, „Schwach angefangen, aber stark nachgelassen“, „Halloooooo, Krabbelgruppe, halloooo, jemand zu Hause, fährt hier auch jemand außer mir Gelb?!“ Ach, es hat mir so gefehlt. Fuß, halte durch.

Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.