Etwas Grün-Blondes lässt sich sonntagabends mir gegenüber auf den Sitz in der Straßenbahn plumpsen. Am Barbarossaplatz erklimmt das junge weibliche Wesen mühsam die steilen Stufen der Uralt-Jückelbahn (Barrierefreiheit braucht man in Kölle nicht; et hätt noch emmer jot jejange), fällt erschöpft auf den Plastiksitz, schließt die Augen und macht „Sssssssssss“.
Sie trägt eine sehr schöne Uniform, froschgrün, fulminanten Federschmuck auf dem Kopf und bunte Punkte im Gesicht. Aber keine Maske. Sie fummelt an ihrer Kragenschluppe und versucht sich die vor die Nase zu halten. „Brauchen Sie ne Maske?“, fragt der junge Mann mit riesigem Musikinstrumentenkoffer hinter mir und reicht, ohne eine Antwort abzuwarten, eine an mich zum Weitergeben durch.
Die Karnevalistin sagt „Sssssssssss“ und versucht sich mühsam die Maskenschlaufen hinter die Ohren zu nesteln. Rechts klappt´s. Links gibt sie auf. Mit halber Maske im Gesicht ruft sie an der nächsten Haltestelle „Sssssswa!“ und versucht mit wild umherkullernden Pupillen die Haltestelle zu entziffern. Ich sage: „Das ist erst die Eifelstraße, Sie sind erst eine Station gefahren. Wo müssen Sie denn hin?“ – „Ffflümmmsssssssshhhmmmmsssssss“. Ratlosigkeit. „Nochmal: Wo müssen Sie hin?“ – „Ffflümmmsssssssshhhmmmmsssssss“.
Eine Mutter mit zwei kleinen Töchtern ist an der Eifelstraße eingestiegen. Die beiden sind fasziniert, stehen vor der Karnevalistin und schauen sie begeistert an, ohne sich zu rühren. „Setzt euch, Charlotte, bitte, hinsetzen“, sagt die Mutter. Die Mädchen bewegen sich nicht. „HHHAAAAAAASISCHATZI, stzdchchhnnnnn!“, bricht es laut aus der Grün-Blonden heraus. „Schschschlotte, Hase, Hasemausssss, hnnnnnnstztztnnnnnn!“
„Das ist ja ein ganz tolles Kostüm!“, sagt eines der Kinder, immer noch stehend. An der nächsten Haltestelle springt die Karnevalistin abrupt auf und schwankt die steilen Stufen der Straßenbahn hinunter. „Sssssssssss“. Dank des engagierten Einsatzes eines Mannes wird sie nicht von der sich schließenden Tür eingeklemmt. Sie steht kopfschüttelnd draußen vor dem Haltestellenschild.
„Haben Sie verstanden, wo sie hinwollte?“, frage ich den Mann mit dem riesigen Musikinstrumentenkoffer. „Nee, keine Ahnung, das hätte alles und nichts heißen können.“ – „Sie wollte bestimmt nicht hier raus“, sage ich. „Das ist Karneval“, sagt die Mutter. „Du weißt nie, wo du rauskommst und wo du am nächsten Tag aufwachst. Ich bin mal vor dem Posttower in Bonn aufgewacht. Keine Ahnung, wie ich da hingekommen bin.“ Zu ihren Töchtern gewandt: „Das ist sehr weit weg.“ Die sitzen zwischenzeitlich und sind immer noch ganz gebannt.
Ich hoffe, die grün-blonde Karnevalistin hat ein Taxi gefunden, das sie nach „Ffflümmmsssssssshhhmmmmsssssss“ bringen konnte.

Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.