Die Legende von den drei irrenden Wanderern aus Köln

„Sind das Ihre Pferde?“ – „Nee. Ich bin nur der Tierarzt. Zum Besamen hier. Ziemlich unromantisch.“ Es ist Sonntag, ich stehe nach vielen Stunden des orientierungslosen Umherirrens mit zwei Menschen vom Wanderforum an einer Pferdekoppel im Siebengebirge. Wir sehen ungefähr so aus wie die drei lustigen Astheinis.

Der Pferdebesitzer hält ein paar Meter weiter die zu besamende Stute fest. Drum herum Fohlen. Sind die sein Geschäftsmodell? „Ja, wir verkaufen die Pferde.“ Ich denke an die dauerschwangeren Kühe, die mir meinen Käse-, Joghurt- und Milchverzehr ermöglichen und für ein chronisch schlechtes Gewissen sorgen, weil ich den Verzicht darauf nicht schaffe und so das Leid der Tiere unterstütze. Die dauerschwangeren Siebengebirgs-Stuten bedienen ein anderes Business, tun mir aber ebenso Leid.

Eine Stute stört, sie will der festgehaltenen Kollegin helfen, wiehert und rempelt von der Seite. „Kannste der nicht mal ´n Hormon spritzen, dass die nicht immer denkt, sie sei hier der Hengst?“, fragt Mr. Pferde den Veterinär. Aus mir bricht spontan die Äußerung heraus, dass sich das wohl die meisten Männer auch für Menschenfrauen wünschen würden, für alle Lebenslagen: Kannste der mal ein Hormon spritzen, dass sie nicht immer denkt, sie sei hier der Hengst. Besamen lassen, bitte still- und unbedingt die Klappe halten. Was wäre das für eine wunderbare, herrliche Welt für die Männer! Mein Ausbruch endet. Keiner sagt was.

Zur Wanderung kam es, weil ich mich nach langer Zeit – wir erinnern uns an Blabla-Gitte – erneut dazu durchgerungen habe, mich über ein Forum dazu zu verabreden. Um nicht immer allein unterwegs zu sein und um mal nicht selbst den ganzen Tag die Checkerei mit dem Track zu haben, sondern einfach hinterherlaufen zu können. Das sollte sich als böser Trugschluss herausstellen. Zunächst klang was Beschauliches im Siebengebirge nach genau dem Richtigen, locker Auslaufen nach einem der Harmuthschen 35-Kilometer-Gewaltmärsche wenige Tage zuvor.

Sagen wir so: Ich habe mich, als die gps-Tracks und technischen Gimmicks mitsamt dem Ex aus meinem Leben verschwanden, in die zunächst dornige Welt der Routen, Daten, Apps, leeren Akkus, unverständlichen Richtungsanzeigen auf dem Smartphone und vielem mehr gestürzt, um mir mein Hobby Wandern alleine zurückzuerobern. Es hat eine Weile gedauert, es hat mich reichlich Schweiß und Tränen gekostet. Irgendwann ging es, und auch der Kabelsalat zwischen Powerbank im Rucksack und Smartphone in der Seitentasche – Verheddern des Kabels mit einem Wanderstock, der Hutkordel, der Sonnenbrille – brachte mich nicht mehr aus dem Konzept.

Der Mensch, der die heutige Tour anbietet, ist leider jetzt da, wo ich damals war. Er hat zum ersten Mal einen gps-Track in die frisch installierte App gebastelt. Es klappt natürlich: nichts. Gar nichts. Niente. Der Track führt fast ausschließlich über Radwege, sonntags im Siebengebirge ultravoll, und weil der Kollege mit dem Pfeil, der Anzeige und der Richtung nicht klarkommt, drehen wir den lieben langen Tag lang um, gehen in die verkehrte Richtung, verlieren den Weg. Zum Glück kenne ich mich im Siebengebirge aus, gehe deshalb manchmal stur voraus, ohne auf den Track mitsamt dem sein Smartphone in die Luft haltenden Routenbeginner zu warten. Löwenburg und Ölberg, zwei der absoluten Top-Siebengebirge-Highlights, streifen wir nur, gehen dran vorbei und drum herum, weil der Track – Radwege halt – dran vorbei und drum herum geplant ist. Abstecher sind nicht erwünscht. Dafür ungezählte Verlaufer. Ich habe Sorge, die paar Kilometer niemals zu Ende zu bekommen und bis in die Unendlichkeit im Siebengebirge umherzuirren.

Im Laufe des Tages erfinde ich deshalb die Legende von den drei irrenden Wanderern aus Köln, die an einem heißen Tag im Juni mehrfach auf denselben Wegen in unterschiedlichen Richtungen gesichtet wurden und auf geheimnisvolle Weise verschwanden. Noch immer kann man in nebligen Novembernächten den Wind ihre Stimmen wispernd durch die Wälder tragen hören: „Welcher Abzweig? Rechts oder links? Müssen wir umkehren?“ Tragisch. Alle drei weg vom Fenster, und das am hellichten Tag im überfüllten Siebengebirge.

Als wir es mit einem unfassbar schlechten, geradezu erniedrigenden Stundenschnitt von kaum 3 km/h tatsächlich wieder fast zu unseren Autos zurückgeschafft haben und ich nicht weiß, ob ich darüber lachen oder weinen soll, treffen wir auf die Scheunenwirtschaft Siebengebirge. Davon hatte ich zu Recht noch niemals gehört.

An den lose besetzten Tischen der Scheune wird gegessen. Es sind noch Plätze frei. Wir sollen draußen warten. Wir warten. Wir werden eingelassen, unter der Bedingung, nichts zu essen zu bestellen, weil, Servicekraft Corona, Sie verstehen. Wir verstehen nur Bahnhof, denn es ist nix los und die Leute, die da sind, sind schon versorgt oder zahlen gerade. Wir sitzen mitten in einer Volière und werden von Tauben umflattert sowie von Wellensittichen bekreischt. Zu unseren Füßen ein paar vom Flattern und Kreischen traumatisierte oder taube Meerschweinchen, ist auf den ersten Blick nicht auszumachen. Wir wechseln an einen tierlosen Tisch. Die Ersatz-Servicekraft kehrt wieder. „Sie müssen draußen warten! Können Sie nicht lesen? Sie können sich hier nicht einfach hinsetzen.“ – „???!!! Sie haben uns gerade selbst reingelassen. Aber wir gehen jetzt einfach wieder.“ Weil ich am Abend zuvor ja bei den Fantastischen Vier gewesen war, fällt mir direkt ein passender Liedtext ein: „Du fragst dich, Was hab ich nur gemacht? Und warum? Warum war ich denn mein ganzes Leben verdammt noch mal so bieder? Tja, das ist nicht mein Problem, denn jetzt geh ich wieder!“

Man sucht beim Wandern die Ruhe und die Einsamkeit. Die Landschaft, den Blick in die Ferne oder das dichte Grün des Waldes, sofern er nicht schon hektarweise abgestorben und abgeholzt ist. Man findet aber den Menschen. Sich selbst. Und viele, viele andere.

Der Typ, der neulich mein allein auf weiter Flur parkendes Auto beschädigt hat, hat auch mich nachhaltig beschädigt. Sobald ich jetzt auf mein parkendes Auto zugehe, bekomme ich Panik. Am Siebengebirgsparkplatz wirft direkt neben meinem Auto ein dicker Jugendlicher mit einem ebenso dicken Ball. Hat der das im Griff? Hat das Dach eine Riesendelle? Bei der vorangegangenen Tour sehe ich schon von Weitem einen umgestürzten, sehr langen Maibaum quer über die Straße liegen und in ein schwarzes Autodach münden, auf der Höhe, auf der mein Auto parkt. Ich fange schon fast an zu weinen, um kurz vor Erreichen des Parkplatzes festzustellen, dass es das hinter mir stehende, ebenfalls schwarze Auto erwischt hat. Dessen Seite sieht exakt so aus, wie sich das Wort „patsch“ anhört.

„Patsch“, so fühle ich mich auch, am Ende dieses Tages im Siebengebirge voller Irrungen und Wirrungen. Kaum Kilometer, kaum Höhenmeter, aber völlig erledigt. Wahrscheinlich hat es mich zu viel Kraft gekostet, mich den ganzen Tag lang zusammenzureißen.

Die drei Verlorenen! Das Foto stammt zwar von einer anderen Tour, aber so stelle ich mir in der Legende von den drei irrenden Wanderern aus Köln die Gestalten vor. Ich die hintere Figur, die versucht, nicht zu verzweifeln und sich zusammenzureißen.