Zusammen groß, zusammen alt – danke, Fanta 4

„Auch wenn sie´s nicht im Radio spielen, werden wir damit die Stadien füllen“ – damit hatten sie Recht, die Fantastischen Vier, wie im Laufe ihrer mehr als 30 Jahre währenden Karriere schon so oft. Mit zwei Jahren Corona-Verspätung fand endlich das Konzert im Kölner Rheinenergie-Stadion statt, mit den Fans in den Rängen, auch wenn die Kölner Verkehrsbetriebe sich wieder alle erdenkliche Mühe gaben, bei 37 Grad Außentemperatur und 9-Euro-Ticket die Menschen möglichst nicht ans Ziel zu bringen.

Es ist gar nicht zu sagen, wer mehr gefeiert hat – die ewig jungen Jungs mit Hoodie und Cap auf der Bühne oder die Fans. Sie haben sich einfach gegenseitig gefeiert, und das sehr emotional und aufrichtig. Thomas D und Michi Beck waren sichtlich gerührt, immer wieder, aufgrund des Tobens der Massen, der mitgesungenen Texte, der Wahnsinnsstimmung, die sie durch den Abend trug. Sogar And.Ypsilon zeigte sich am Ende des Abends regelrecht ergriffen – und zwischendurch trug er sogar selbst eine Liedzeile bei, wofür er begeistertes Brausen, Toben und Lärmen erntete.

Die Menschen im Stadion feierten einfach, weil in Köln immer alles gefeiert wird, weil man endlich wieder auf ein Konzert gehen kann, ohne Geburtsurkunde, Impfbüchlein und Grundschulzeugnis mit sich zu führen. Schwitzend und Schulter an Schulter mit anderen, die mit dem eigenen Haushalt und nachverfolgbaren Kontaktpersonen nicht das Geringste zu tun haben, und auch dass es brütend heiß war im ollen Kölner Stadionkasten ohne jegliche Luftbewegung, tat der Laune keinen Abbruch. Mit „Aller Anfang ist Yeah“ stiegen die Vier auch gleich mit einem Haufen Feelgood ein.

Es hat einfach viel zu viel gefehlt in diesen Jahren. Und mit der Erfahrung dieser zwei Jahre mit gedrückter Pausetaste war es fast schon ergreifend, was die Fantas für ihr letztes Album „Captain Fantastic“ Jahre vor Corona und durchdrehenden Russen so zusammengedichtet hatten.

Siehste, siehste, das haste davon
Krise, Krise haste bekomm’n
Düster, düster ist alles geworden
Nur Wüste, Wüste aus Stahl und Beton
Ach was, ah ratter ratter, batta batta peng
Hol den Bagger, Motherfucker, denn es wird langsam eng
Nimm das Dach ab, mach Krach, bis dass die Wände zerspreng’n
Denn es brennen bald schon ganze Kontinente

Tja. Dem „Tunnel“-Text ist 2022 nicht allzu viel hinzuzufügen. Der Sound im Stadion hat zwar den ganzen Abend über leider das Meiste des Textes verschluckt, Hip-Hop und Fußballlautsprecher scheinen sich grundsätzlich nicht so gut füreinander zu eignen, aber noch nicht einmal das hat gestört. Manches grölte die Menge sowieso allein, brüllte ganze Songs mit, vor allem die ganz, ganz alten, von vor wirklich erschreckend langen 30 Jahren. Auf diese Zeitreise nahmen auch den ganzen Abend über laufende Einspieler von alten TV-Mitschnitten und Konzertauftritten der sehr jungen Fantas mit. Damals war ich auch sehr jung, 16, und fand die Jungs aus „Stuggi-Town“ super, heute gehe ich mit ein paar Dekaden Leben, verlorenen Freundschaften und einer zerbrochenen Ehe dazwischen, immer noch zu ihrem Konzert, wenn auch nicht in einer Kaschemme in Ludwigsburg, sondern im Kölner Stadion.

Sie leben noch, sie feiern noch, sie treten noch als Band auf – auch wenn sie außerhalb ihrer Tourneen und Alben schon lange nicht mehr viel miteinander zu tun haben. Ob Smudo und Thomas D sich wenigstens ab und an sehen, wenn Smudo das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring fährt, immerhin wohnt Thomas D schon Ewigkeiten in der Eifel? Meine Hoffnung, bei irgendeiner meiner drölfzig Millionen Wanderungen mal zufällig an Thomas Ds Kommune vorbeizukommen, hat sich bislang nicht erfüllt. Aber das ist auch nicht so schlimm. Ich bin 46, und die Jungs sind immer noch da. „Du hattest gute Zeiten, wir waren mit dabei, wir werden dich begleiten, wir bleiben troy. Du hattest schlechte Zeiten, und wir war´n auch dabei, wir werden dich begleiten, wir bleiben troy, so troy.“ Ja, wie wahr.

In der Reihe „Kurzstrecke“ ist Pierre M. Krause mal mit Smudo von Hamburg nach Karlsruhe geflogen (oder war es Baden-Baden?), zu einer TV-Aufzeichnung. Smudo fährt nicht nur Rennen, er fliegt auch. „Ich kann es manchmal selbst nicht glauben“, sagt er darin, „dass ich heute mein eigenes Flugzeug fliege, weil ich als junger Kerl mit ein paar Kumpels übers Kiffen und Mädchen gerappt habe.“

Im Hier und Heute leidet unter den wahnsinnigen Temperaturen und der Hüpfbelastung auch meine Badelatsche, die das Gegenteil von troy ist: Flapsch, reißt das Flipflopgummiband. Ich hüpfe erstmal barfuß weiter und verlasse mich darauf, nach dem Konzert an einen Stadionmenschen mit Gaffatape zu geraten. Das klappt nicht, weil ich nach Konzertende nicht mehr in den Innenraum reindarf und die Securitys zwar dürfen, aber nicht wollen. Ein älterer Ordner schnappt sich die Latsche und versucht das Gummiding mit dem Feuerzeug zusammenzuflemmen, ich befürchte schon eine Brandverletzung. „Ach was, ich bin Industriemechaniker“, winkt er ab. Aber die Latsche bringt er nicht ans Laufen. Ich sattele um auf Erste Hilfe, die haben schließlich Pflaster, und werde am Rettungswagen vom Deutschen Roten Kreuz fündig. Fachmännisch wird der Flipflop mit Leukoplast am Fuß festgeklebt und ich muss mir keine Sorgen über Glasscherben, Zigarettenkippen und sonstige Straßenwidrigkeiten für den Fuß auf dem Nachhauseweg mehr machen. Immerhin macht der Fuß nach einem Jahr Sehnentheater jetzt wieder so einiges mit, auch einen ganzen Tag in Flipflops, da soll man ihn pfleglich behandeln.

In der vollgestopften Straßenbahn, immer noch so heiß wie auf der Hinfahrt, geht es bei bester Stimmung zurück, ich verstricke einen sehr gut aussehenden André aus Münster neben mir in eine Diskussion darüber, von wann das „Fanta“-Logo ist (das vom Getränk), das auf seinem T-Shirt prangt und wie viele Jahre vor „Sie ist weg“ das jetzt war, mir wird zum hundertsten Mal an diesem Abend bewusst, wie alt ich schon geworden bin, wie viel Leben schon gelebt ist, und als André und ich gerade bei „Bevor wir fallen, fall´n wir lieber auf – Emeffgeee“ angekommen sind, kämpft sich seine eifersüchtige bessere Hälfte (wirklich die bessere?) zu uns durch. Schade. „Es könnte alles so einfach sein. Isses aaaaaaaber nich.“ Solange es die Fantas gibt, ist alles zumindest ein bisschen einfacher.

Ein Gedanke zu “Zusammen groß, zusammen alt – danke, Fanta 4”

  1. Krass!!!! Besser erzählen kann es keiner Mellilli ein jeden, der nicht troy an Deiner Seite im Stadion war, hat es beim Lesen nachgeholt!
    Wir sind zusammen gross, wir sind zusammen alt……

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