Mit Biosauna geht es los bei Etappe drei, es hat geregnet in der Nacht, am Morgen herrschen geradezu tropische Gewächshaus-Bedingungen. Das Wasser läuft am Körper herunter, als säße man im Dampfbad. Dazu fast vier Stunden kontinuierlich bergauf, 1100 Höhenmeter insgesamt. Wir schwitzen der Schwarzbachtalsperre, dann dem Seekopf und der Badener Höhe, später dem Hochkopf entgegen. Aber alles lohnt sich, und zum ersten Mal sind auf der heutigen Etappe des Westwegs die Wege richtige Wald-, Fels-, Stock- und Stein- (roter Buntsandstein-)Wege.
Auf der zweiten Westweg-Etappe passiert nicht viel. Die Sonne brennt, der Weg ist über viele Kilometer eine staubige Fahrstraßen-Piste, die die Füße quält und die Laune verdirbt. Die Freundin und ich halten es aus und durch. Wir werden mit einem Aussichtsturm, einem Hochmoorpfad, einer Aussichtskanzel und dem Klingen von Big Ben belohnt.
666. Die 666 müssen wir finden. Das Tor zur Hölle oder: die Buslinie, die uns vom Pforzheimer Hauptbahnhof zum Kupferhammer, dem Einstieg des Fernwanderwegs Westweg von Pforzheim nach Basel, bringt. Meine Freundin und ich wollen die ersten fünf Etappen ab Pforzheim gehen und suchen jetzt erstmal den Bus.
Das letzte Mal, als ich im Sauerland war, übers Wochenende zu einem Geburtstag des Ex-Mannes war das, da lag ich nur im Bett. Jetzt nicht so, wie man denken könnte. Das wäre schön gewesen. Nein, der Ex-Mann und ich hatten uns beide ein Magen-Darm-Virus eingefangen und kotzten und schissen um unser Leben. Das Zimmer sah hinterher, nach drei solcher Tage mal zwei Menschen, sehr schlimm aus. Ich erbrach mich noch montags auf der Straße auf dem Weg zu einem niedergelassenen Arzt in den aus dem Hotelzimmer mitgenommenen Papierkorb. Nun war ich wieder im Sauerland. Das war in gewisser Hinsicht auch zum Kotzen, mindestens aber ein Einblick in eine Party-Parallelwelt. Auf den leeren Wanderwegen abseits des Willinger Wuseltrubels hingegen war es durchaus auch schön.
Die Wanderung setzt mir zu – das liegt an den hohen Gräsern. Das Stück auf dem Rheinsteig zwischen Osterspai und Kamp-Bornhofen, das heute Teil meiner Wanderstrecke ist, bin ich wohl schon 100.000 Mal gegangen – aber noch nie durch beständig dichten Graswuchs, der so hoch ist wie ich. Wer hat das sonst gemäht? Ist der Wegewart verstorben? Nase, Augen, alles läuft, und die Beine, die in einer kurzen Hose stecken, sehen aus wie Streuselkuchen, rot-weiß. Also wie weiter?, frage ich mich, als ich vor dem nächsten mit Gras zugewachsenen Abschnitt bergauf stehe.
Vor ein paar Monaten fasste ich den Entschluss, eine sehr, sehr alte Warze, stolz residierend inmitten meiner linken Handinnenfläche, loszuwerden. Sie tat nicht weh, und wer sie nicht kannte, sah sie nicht. Sie machte nichts, außer unmerklich größer zu werden. Sie war einfach nur da. Sie war unauffällig hautfarben, wie Warzen so sind. Aber mich störte sie jetzt. Ich sah sie. Jeden Tag mehr.
Ruuuuu. Ruguuuuu. Rugidiguuuuu. Es ist Samstag, ich sitze mit Struwwelhaaren, Strickjacke und Hafer-Cappuccino vor oder im Internet. Und wundere mich über diese Geräusche, die eindeutig vom Balkon hereindringen und mich nervös werden lassen. Ist das Geflatter auf meinem Balkon? Wieso ist dieses Gurren so nah?
Studium, Reisen, Hochzeit, Scheidung, Umzüge, Jobwechsel, Freundschaften: Die letzten 20 Jahre meines Lebens waren, fein säuberlich in zahlreiche Outlook-Unterordner einsortiert, im E-Mail-Postfach archiviert und ich habe immer mal wieder, mal mehr, mal weniger nostalgisch und melancholisch, in meiner Vergangenheit herumgestromert und herumgelesen. Damit ist jetzt Schluss, denn die E-Mails sind weg.
ChatGPT ist in aller Munde, die Künstliche Intelligenz (KI), die über ein beliebig langes Briefing, eingegeben in einen kleinen Textschlitz…
Das Highlight der heutigen Wanderung, zu der ich mich bei einer Gruppe angemeldet habe, ist eine Schnapsprobe im Bergischen. Führungen für Wandergruppen im Winter sind offenbar ein gutes Geschäft für kleine Schnapsbrennereien. Ich finde alles Mögliche in den Regalen, auch die im Lager vermisste kleine Marille, der Verkaufsleiter a. D. ist beeindruckt. Als ich gerade dabei bin, die Packung aufzureißen und die enthaltenen Flaschen an die umstehenden Interessenten zu verteilen, stellt sich heraus, dass die Marille-Kiste zur Abholung bereitsteht.









