20 Jahre Leben

Studium, Reisen, Hochzeit, Scheidung, Umzüge, Jobwechsel, Freundschaften: Die letzten 20 Jahre meines Lebens waren, fein säuberlich in zahlreiche Outlook-Unterordner einsortiert, im E-Mail-Postfach archiviert und ich habe immer mal wieder, mal mehr, mal weniger nostalgisch und melancholisch, in meiner Vergangenheit herumgestromert und herumgelesen. Damit ist jetzt Schluss, denn die E-Mails sind weg.

Seit Monaten wusste ich, approved by einer kleinen IT-Firma, in die ich mein auch schon zehn Jahre altes Laptop gegeben hatte, dass ich mir ein neues würde kaufen müssen. Das alte kam aus dem Schnaufen und Lüften gar nicht mehr heraus, das Austauschen von Hardware war nicht möglich. Die Entscheidung, weil teuer, habe ich monatelang vor mir hergeschoben und letztlich zum neuen Jahr umgesetzt. Ursächlich dafür war, dass in der Tastatur meines alten Schätzchens auch noch das „k“ kaputtging. „k“ wie „kaputt“, „kannste jetzt komplett vergessen“ und „komm, egal“. Also stand das Umsiedeln aller möglichen Daten vom schweren, großen, schnaufenden alten Laptop auf das schlanke, leichte, geräuschlose neue Laptop an.

Dass das nicht einfach würde, wusste ich, habe es aber trotzdem in Angriff genommen, weil ich dafür nicht auch noch Geld ausgeben wollte. Die Laptops standen ein paar Tage nebeneinander herum, ohne dass ich mich herangetraut hätte. Wären es Apple-Geräte, hätten sie in der Zeit den Datenumzug 27-mal selbst erledigt und ich hätte nur das alte Laptop wegtragen müssen. Es sind aber Windows-Geräte, und die plagen einen immer noch mit dem furchterregenden Account- und Einrichtungsgedöns.

Ich habe mir mit Online-Anleitungen beholfen, auch für den Umzug meines riesigen Mail-Archivs mit meinem ganzen halben Leben in den vielen Unterordnern drin. Mir war nicht klar, dass mein altes Postfach einen anderen Protokollstandard hatte als das neue und habe mir so meine komplette Vergangenheit auf dem Weg vom einen Laptop zum anderen wegexportiert. Herausgefunden haben das meine armen IT-Kollegen, denen ich in einer bunten Penny-Tüte das ganze Elend in Form der beiden Notebooks, Kabelsalat, Backup-Festplatte und Export-USB-Stick hingestellt habe. Nach Klicken, Suchen und Wühlen in versteckten Windows-Dateien und Forschen im Online-Mailaccount war klar, dass die aus dem POP3-Postfach exportierte Datei verschollen ist. Vermutlich kam auch noch der menschliche Melanie-Faktor dazu und ich habe mit der Datei einfach irgendwas falsch gemacht. Jedenfalls blieb sie weg und damit war auf dem neuen Laptop das IMAP-Postfach nach wie vor berauschend leer und unberührt. Keine Unterordner, keine Geschichte, 20 Jahre Vergangenheit verschollen. Dafür ein komplett unbestelltes Feld des Lebens in Form eines jungfräulichen neuen Posteingangs.

Der Kollege und ich blicken in die Leere. „Von wann ist dein altes Notebook?“ – „2013.“ – „Wer hat das eingerichtet?“ – „Mein Ex.“ – „Der ist doch auch Sysadmin, oder?“ – „Ja.“ – „Wieso hat der 2013 noch ein POP3-Postfach für dich eingerichtet? Das hat man schon damals nicht mehr gemacht.“ – „…???!!!…“ – „Ich sag´s dir: Der hat schon 2013 die Scheidung kommen sehen.“

Eine schlaflose Nacht hat mir der Verlust meiner Vergangenheit bereitet. Seither geht´s. Es hat auch etwas Befreiendes, diese ganzen alten Erfahrungen, Erfolge, Enttäuschungen, Erlebnisse los zu sein. Mit Sicherheit wird es immer wieder Lücken geben, Situationen, in denen ich nochmal irgendwas brauchen und suchen werde, das dann fehlt. Es dürfte aber nicht allzu oft vorkommen. Bei meinen vielen Umzügen habe ich auch schon kistenweise Briefe und Ordner ins Altpapier gekippt. In meinem Elternhaus schlummert ein Regal voller Kindheit und Schulzeit, das demnächst das Zeitliche segnen wird. Mit dem E-Mail-Postfach ist es nichts anderes. Das, was darin war, ist einfach vorbei, und man soll nach vorne schauen.