Mit Biosauna geht es los bei Etappe drei, es hat geregnet in der Nacht, am Morgen herrschen geradezu tropische Gewächshaus-Bedingungen. Das Wasser läuft am Körper herunter, als säße man im Dampfbad. Dazu fast vier Stunden kontinuierlich bergauf, 1100 Höhenmeter insgesamt. Wir schwitzen der Schwarzbachtalsperre, dann dem Seekopf und der Badener Höhe, später dem Hochkopf entgegen. Aber alles lohnt sich, und zum ersten Mal sind auf der heutigen Etappe des Westwegs die Wege richtige Wald-, Fels-, Stock- und Stein- (roter Buntsandstein-)Wege.
Begleitet vom Bimmeln der Big-Ben-Melodie, die die hiesige Kirche, auch der „Dom des Murgtals“ genannt, verbreitet, verlassen wir an Tag drei Forbach Richtung Unterstmatt. Schon der Weg aus dem Ort hinaus ist: steil. Und er bleibt es über Stunden, nur der Untergrund wechselt. Wir treffen mehrfach auf einen Vagabunden, dem wir schon vor zwei Tagen begegnet waren, der mit riesigem Rucksack den kompletten Westweg beschreitet und im Freien übernachtet. Ich bewundere sowas aufrichtig. Ich könnte weder den Rucksack mit 15 Kilogramm diese Steigungen hinaufschleppen, und ich würde es auch zu sehr vermissen, mich abends unter eine Dusche zu stellen, und ich würde im nächtlichen Regen nicht im Zelt nassgeregnet werden wollen. Ich kann zwar den ganzen Tag lang draußen herumlaufen, stinken, schwitzen, fluchen, aber im Anschluss brauche ich Zivilisation.
Wir treffen beim Aufstieg zum Seekopf eine Truppe älterer Damen. Die schieben sich flotten Fußes trotz ihres fortgeschrittenen Alters den steilen Weg hinauf und erzählen sich, wann und in welchen Familienkonstellationen sie diese Etappe oder überhaupt den Westweg in ihrem Leben schon gegangen sind. „Vor vierzig Jahren, mit den Kindern“. Beeindruckend. Wenn ich das schaffen sollte, mit 70 auch noch so am Berg unterwegs zu sein, dann werde ich dereinst an die Schwarzwälder Seniorinnen denken. Sie haben jedenfalls dieselbe Gemütlichkeitsquote wie die Freundin und ich, und so treffen wir sie an jedem Aussichts- und Einkehrpunkt wieder.
Nach dem Naturfreundehaus, in dem wir selbstverständlich als einzige geöffnete Einkehrmöglichkeit eine Rast einlegen, kurze Zeit später trifft einmal mehr die fitte Frauenrunde ein, kommt ein toter Skiort. Der auch noch Hundseck heißt. Hier ist wirklich der Hund begraben, der Ort ist auf den Hund gekommen: zerfallene Gebäude, Hotelruinen, dazwischen ein Skilift und Skihang. In der gleißenden Sommersonne wirkt das wie eine unwirkliche Filmkulisse, die kurz davor ist einzustürzen und den Blick auf unverwundete Schwarzwaldlandschaft freizugeben. Leider bleibt alles stehen. An einem halb weggebrochenen Gebäude hängt noch die Tafel „Zimmer frei“. Wäre ich Location Scout für Horrorfilme: Hier hätte ich ein super Set gefunden.
Über Stunden kann man sich auf dem Westweg heute geradezu verlieren im prächtigen, gedämpften, dichten Grün der in der Perspektive und Distanz dunklen Hänge. Der Schwarzwald ist schon das: ein schwarzer Wald. Märchenhaft verwachsene Wälder, bemooste Hänge, dazwischen immer wieder überraschend saftig grüne Hochmoorlandschaften, in denen zahlreiche Birken stehen – der Westweg führt durch die vielfältige Landschaftsbeschaffenheit der Region. Die Schwarzbachtalsperre ist so leer wie die Talsperren im Bergischen, aber das Trockene sieht man – anders als im Bergischen – den Bäumen nicht an.
Nachdem heute sehr viele Höhenmeter dran waren, sind es auf der vierten Etappe die Kilometer, die herausfordern: 28 sollen es werden. Bislang hält die Kniebandage alles zusammen und in Schach, was es unterhalb des Knies so zu bündeln gibt, so dass auch nach dem dritten anstrengenden Wandertag nichts wehtut. Das bleibt dann hoffentlich auch morgen trotz der langen Strecke so. Eine der älteren Damen fragte heute, ob denn diese Bandage am Knie irgendwas messen würde. Nein, zum Glück nicht, wer weiß, was da rauskäme!




Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.