Westweg 4: Endlich Schwarzwälder Kirsch

Eiskaffee hatte es im Laufe der Westweg-Etappen schon gegeben, Kuchen auch und, wie das bei Wanderungen im Sommer so ist, hektoliterweise rucksackwarmes Wasser. Außerdem Kirschen, im Garten der Hoteliers selbst geerntet. Einmal ging´s gut, beim zweiten Mal – heute – zur Mittagspause Enttäuschung: ein Plastikschüsselchen rot-weiß gesprenkelten Inhalts im Rucksack, Kirschen mit reichlich Maden dran und drin. Dafür gibt es am vorgezogenen Etappenende endlich ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Diesem Kuchen gewordenen Frevel aus Schweinereien sehne ich mich schon seit Aufbruch in Köln vor einigen Tagen entgegen.

Heute ist alles anders, nicht nur mit den Kirschen. Ich bin ohne die Freundin unterwegs, die einen Tag Pause angemeldet hatte, ich gehe die Route andersrum, von Süd nach Nord, weil es so herum die besseren Busverbindungen gab, und ich habe den ganzen Tag über das Gefühl, gleich von einem Gewitter erwischt zu werden. Düsteres Wolkengrummeln statt strahlendem Sonnenschein. Ich komme durch, ohne nass zu werden, und ab der Mitte der Etappe beginne ich mich zu fragen und zu wundern, wo der Vagabund bleibt, der den ganzen Westweg von Pforzheim nach Basel geht und im Freien übernachtet. Da ich ihm entgegen gehe, müsste er mir zwingend begegnen. Ich treffe ihn nicht. Ob er einen Tag Pause macht?

Morgens in Freudenstadt steige ich in den Bus, dessen Abfahrtsbussteig ich einmal mehr erfolgreich entdeckt habe. Finde den Bus ist die Top-Challenge in diesem Urlaub, jede Etappe beginnt in einem anderen Ort nach Verlassen des Bähnchens mit Herumirren, Durchfragen und Rumstolpern, und den Bus erwischen ist wichtig, denn sonst wäre meist für eine Stunde Ebbe und der Tag damit zu kurz für die Etappen. Aber auch hier für Etappe vier, Auftakt in Freudenstadt: 100 Punkte, passend zur Buslinie 100. Es beginnt zu regnen, der Himmel hängt voller Wolken. Na toll, das kann ja was werden. Der Bus braust allerdings raus aus dem Regen, rein in die Sonne, lässt die graue Wand hinter sich und mein Tagesprogramm besteht, wie sich zeigen wird, darin, den mir folgenden Wolken davonzulaufen. Mal sind sie näher, mal weiter weg. Mal frischt der Wind schon so verdächtig auf und biegt die Bäume und die Wolken hängen schwer, dass Frau Harmuth sich schon mal nach einem möglichen Tannenunterschlupf umschaut. Außer ein paar Tropfen passiert dann aber nichts. Was ich sehr gut finde. Gewitter draußen sind Mist.

Am Mummelsee reicht mir das gehetzte Gewittergerenne dann endgültig, kurz zuvor konnte ich mich einer Fünfflieger-Bremsen-Attacke, alle fünf gleichzeitig an verschiedenen Gliedmaßen festgesaugt, nicht schnell genug erwehren, es wachsen schon rote Beulen, für heute reicht´s. Eigentlich käme noch ein kurzer Anstieg zur Hornisgrinde hinterher und danach noch gut eine Stunde nach Unterstmatt, dem Schlusspunkt der dritten Etappe. Das wären dann die 28 Kilometer, mit der die vierte Etappe im Wanderführer steht. Ich entschließe mich stattdessen dazu, den Aussichtsturm der Hornisgrinde vielleicht in späteren Abschnitten meines Lebens mit dem Auto oder dem Bus zu erobern, wie das andere auch tun, es herrscht sehr viel Verkehr überhaupt auf der Schwarzwaldhochstraße, die mich heute über lange Strecken dieser Etappe begleitet, und beende die Tour am Mummelsee. 22,5 Kilometer.

Der Mummelsee ist ein Rummelbudenplatz, Tretboote, kleiner See, umso größere Parkplätze, Reisebusse, Lädchen, in denen Schwarzwald-Bollen-Hüte made in China verkauft werden. Es ist rammelvoll. Rollatoren, soweit das Auge reicht. Das hält mich nicht davon ab, mir ein Stück der verheißungsvoll in der Vitrine lauernden Kirschtorte im Rekordtempo einzuverleiben, schließlich muss ich schon wieder zum Bus, der fährt wie gewohnt nur einmal die Stunde. Ich lungere kirschsahnig-glücklich an der Haltestelle herum, schmeiße endlich die Madenkirschen weg, ziehe die Stinkeschuhe und -socken aus und warte auf Bus X45. Es hält 243. Tür öffnet sich. Busfahrer: „Steigen Sie ein! Ich fahr rauf zur Hornisgrinde!“ – Ich: „Da will ich aber gar nicht hin! Ich warte auf die X45! Wenn ich mit Ihnen jetzt noch zur Hornisgrinde hoch fahre, komme ich nie wieder runter und zurück!“ – Busfahrer: „Ach, X45. Sie müssen das Leben genießen!“ Tür schließt sich, Bus fährt bergauf davon. Ich bleibe ratlos zurück. Habe ich jetzt einen Wink meines Schicksals nicht verstanden und dieses sitzt verzweifelt irgendwo, schüttelt den Kopf, rauft sich die Haare und schreit: „WASMUSSMANDIESERFRAUEIGENTLICHNOCHVORBEISCHICKEN???!!!“ X45 fährt vor. Ich steige ein. Die Umstiegszeit an Haltestelle Sand, Kapelle zum Schlussbus 263 verbringe ich auf der Bushaltestellenbank liegend, die Stiefel in geruchssicherem Abstand neben mir, in den jetzt auch hier dunkler werdenden Himmel schauend, diese verdammten Gewitterwolken haben mich schon wieder eingeholt, sinnierend, ob es ein großer Fehler war, nicht schon zur Hornisgrinde hinaufzugehen und später dann nicht wenigstens diese überraschende Busoption zu nutzen.

Die vierte Etappe wird vorerst die letzte der insgesamt zwölf sein, die der Westweg mir abverlangt. Eingeplant waren sechs. Bei der Vorbereitung hatte ich zwar gelesen, aber leider wieder vergessen, dass man zwischen der fünften und sechsten Etappe keinerlei Transfermöglichkeit hat. Man kann nur in der Harkhütte übernachten oder 32 Kilometer am Stück gehen. Taxi könnte vom anderen Ende der Welt anfahren und würde dann 100 Euro pro Strecke kosten. Ich kann mich erinnern, finde den Zettel im Wanderführer auch noch, dass ich das mit der Übernachtung noch klären wollte. Komplett vergessen. Deshalb übernachten die Freundin und ich nicht in der Harkhütte, sondern in dem Hotel, das wir für die ganze Woche gebucht haben und gucken uns nach dem Westweg nun in der verbleibenden Zeit die Wanderwege Murgleiter oder Renchtalsteig auch noch an.