Ein toter Feuersalamander, zwei bis drei Greifvögel, ein Reh: Die Fauna-Quote in fünf Wandertagen im Nordschwarzwald ist durchaus ausbaufähig. Vielleicht haben die Viecher hier aber noch so viel Ausweichraum jenseits des Menschen, dass der eben bei seinen Wanderungen nicht viel von ihnen mitbekommt. Es wäre ihnen jedenfalls zu wünschen. Aber auch Zweibeiner treffen wir, wie schon die Tage zuvor auf dem Westweg, kaum auf dieser Murgleiter-Wanderung.
Auf der vierten Etappe der Murgleiter, die wir uns für heute ausgeguckt haben, von Schönmünzach nach Baiersbronn – das ist der Ort mit der wahnsinnigen Dichte an Sternerestaurants der Familie Bareiss, Baiersbronn schreibt über sich selbst: „die Schwarzwaldgemeinde ist die Gourmet-Hauptstadt Deutschlands“ – sind wir im kühlen, dunklen Wald, und die Wege sind deutlich wanderfreundlicher und abwechslungsreicher als auf dem Westweg. Viel weicher Waldboden, felsige Anstiege, schöne Aussichten – und ein zugewachsener Weiher, der mit seinen Aussichtsbänkchen zu einer ausgiebigen Rast einlädt. Ich habe am Abend zuvor mit der mitwandernden Freundin wieder auf der Leiter im Garten der Hoteliers gestanden und als Proviant Kirschen vom Baum gepflückt. Diesmal von so weit oben im Baum, wie wir mit der Leiter unfallfrei kamen, und tatsächlich sind heute deutlich weniger Maden in der tuppertransportierten Ausbeute als am Tag zuvor. Dennoch gibt es einige, und diesmal habe ich keine Lust, die Kirschen samt madiger Bewohner aus Naturschutzgründen wie gestern am Schliffkopf-Plateau wieder einzupacken und den ganzen Tag weiter mit mir herumzuschleppen. Ich sortiere also Kirschen in die umliegenden Sträucher aus und störe damit die Biologie des Hochtümpels, an dem es keine Kirschen gibt. Dafür Heidelbeeren, und die esse ich den die Umgebung des Tümpels bewohnenden Wesen auch gleich noch mit weg.
Am Vormittag kommen wir an einem Weinbrunnen vorbei, in kleine Fläschchen abgefüllter Rot- und Weißwein wartet im gekühlten Brunnenwasser auf weinfreudige Wanderer. In die andere Richtung wäre durchaus ein guter Zeitpunkt gewesen, dann am Nachmittag, auf ein Weinchen am Brunnen sitzen zu bleiben, aber jetzt ist es noch zu früh dafür, und im Rucksack wird der Wein den Tag über nur warm, bringt auch nichts. Also alkoholfrei weiter, zumindest bis wir am Ende unserer Wanderung im Biergarten Mühlbachstube, keine Sterneküche, am Bahnhof Baiersbronn Rhabarber Spritz trinken werden. Der Gourmet-Ruf dieser Gemeinde scheint auf alles abzufärben, auch auf Gastronomie am Bahnhof, denn ich esse für sagenhafte 5 Euro eine sagenhaft frische Flädlesuppe mit echter Gemüsebrühe und sagenhaftem Bäcker-Brot.
Das letzte Stück der Wanderung ist abgesperrt wegen Waldarbeiten, so werden wir durch ein Wohngebiet nach Tonbach geleitet und haben überhaupt gar keine Lust, an Häusern und der Straße entlang die verbleibenden drei Kilometer auf Asphalt in der Sonne nach Baiersbronn zu gehen. An der nächstbesten Bushaltestelle bleiben wir sitzen und warten mal wieder auf einen Bus, wie uns das eine liebe Tradition in diesem Schwarzwald-Urlaub geworden ist. Es kommt tatsächlich einer, dafür fährt die Regionalbahn in Baiersbronn nicht. Schon am Morgen kündigte eine Anzeige am Bahnhof Forbach bei Abfahrt an, dass es zu viele Krankmeldungen und deshalb übers Wochenende ein unbesetztes Stellwerk gebe, das zu Zugausfällen führe. Das ist nun also, pünktlich am Freitagnachmittag, der Fall. Das Straßenbähnle fährt dessen unbehelligt, wohlgemerkt auf denselben Gleisen, vielleicht braucht es die Stellwerke der Deutschen Bahn nicht oder es ist nur wieder Quatsch der Deutschen Bahn, aber so jückeln wir doch nach Forbach zurück. Leider viel zu spät, nämlich erst kurz vor dem Ausstieg, wird uns gewahr, dass die Aufschrift „Speisewagen“ am Übergang zum nächsten Waggon kein Witz oder Überbleibsel längst vergangener Zeiten ist, sondern dass tatsächlich in diesem Straßenbähnle S8 ein Bistro mitfährt.
Mir wurde neulich eine Stelle in Baden-Baden angeboten, und ich habe ohne zu zögern abgelehnt, was will ich schon in Baden-Baden? Mittlerweile weiß ich: mit dem Bus von Baden-Baden an Haltestellen mitten im Schwarzwald-Nirgendwo gondeln, dort in abgelegener Einsamkeit herumwandern, im Straßenbähnle ins Bistro einkehren, in Baiersbronn im lauschigen Biergarten am Bächle Rhabarber Spritz trinken. Man muss halt nur das schlimme Schwäbisch ertragen, vor dem ich schon als Jugendliche geflohen bin.
Für morgen ist die Murgleiter-Schlussetappe von Baiersbronn zum Schliffkopf ausgeguckt. Da es bei der Freundin und mir für ein Essen im Drei-Michelin-Sterne-Universum der Familie Bareiss nicht reicht, werden wir unterwegs in den Forellenhof einkehren. Den hat die Sippe vor einigen Jahren übernommen und aufgemöbelt und laut Auskunft des Hoteliers kosten die Forellen nicht mehr als sonst auch, obwohl es Bareiss-Forellen sind. Wir werden einkehren und uns forellig-freudig überraschen lassen!



Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.