„Sie haben schöne Beine. Leider leichte X-Beine.“ Wo hört man so etwas? Beim Model-Casting? Beim Anprobieren kurzer Röcke in der Boutique? Nein. In der orthopädischen Praxis. Vom Orthopäden. Ich habe in meinem geliebten Blog furchtbar lange nichts geschrieben, weil seit einem halben Jahr mein Leben aus Terminen bei Kliniken, Orthopäden, Akupunkteuren, Physiotherapie-Sessions, neuerdings Ergotherapie-Sessions, noch mehr Arztterminen, OPs und was einem sonst noch in dieser deprimierenden Kette von medizinischem Schlechte-Laune-Wording einfallen mag, bestand. Es sieht nicht danach aus, als würde sich daran absehbar grundlegend etwas ändern.
Diese Monate haben mich verändert. Ich hätte mir niemals vorstellen können, nicht wie immer in meinem Leben, wenn irgendetwas sprichwörtlich nicht läuft, einfach die Wanderschuhe zu schnüren, den Rucksack vollzustopfen und loszustiefeln, raus, weg, ins Grüne, in den Wald, die Gedanken sortieren, den Kopf durchlüften, die Seele erfrischen. Gestärkt, aufgeräumt und bereit für neue Herausforderungen zurückzukehren vom ruhigen Draußen in den trubeligen Alltag. Es ist meine persönliche Hölle, dass das nicht mehr geht. Obwohl ich mir das Knie mit seinem Ei ja gerade habe operieren lassen, damit das wieder gehe. Das Knie ist irgendwie beleidigt, dass sein Ei rausgeschnitten und, als wäre das nicht schon frech genug, auch noch innerhalb des Knies rumgeschnitten wurde und reagiert darauf mit unerklärlichen, verstörenden Entzündungs- und Gewebewucherungsprozessen, die sage und schreibe eine zweite Knie-OP erforderlich machten.
Weil es keine Freude bereitet, einer deprimierten Endvierzigerin dabei zu folgen, wie sie zwischen all diesen Ärzten, Medikamenten, Terminen, Heilungsversuchen und Rehasport versucht, ihr Knie und ihr gewohntes Leben wieder zurückzubekommen, die vielen, vielen Tränen und traurigen Stunden, die das bedeutet hat, zu teilen, war es so lange so still in diesem Blog. Es ist immer noch nicht klar, wie es weitergeht, wie meine Perspektive und Prognose sind, ob ich jemals meine geliebten, einsamen, steilen, sportlichen Wandertouren wieder werde gehen können. „Ganz bestimmt“, sagt ein Orthopäde, „vielleicht in einem Jahr.“ Das ist ungefähr so, als würde man mich auf mein nächstes Leben im Karma-Karussell vertrösten. Ich gucke auf die vielen Narben an meinem Knie aus den OPs, groß, klein, breit, schmal, auf die Bandage, ohne die dieses ekelhafte Klemm- und Druckgefühl unterhalb der Kniescheibe nicht auszuhalten ist, auch Entzündungshemmer und Schmerzmedikamente bekommen dieses Scheißgefühl, das erst mit den OPs aufgetreten ist, einfach nicht weg. Es ist das „Ich-will-mein-Ei-zurück!“-Signal des Knies. Und ich gebe mir sehr viel Mühe damit, zu glauben, dass das irgendwann vielleicht doch wieder vorbei sein könnte, dieser Schraubstock am Knie, und wenn es gutgeht, bitte nicht erst in einem Jahr.
Es gibt nicht viele Menschen, die verstehen, wie schlimm das für einen bewegungsorientierten, bewegungsfreudigen, über Bewegung kompensierenden Menschen ist, sich nicht mehr wie gewohnt tagein, tagaus bewegen zu können. Es ist das Ende von allem. Das Leben besteht vom einen Tag auf den anderen aus Liegen. Alles dreht sich darum, wie dick, wie rot, wie schmerzhaft, wie eingeschränkt, wie heiß, wie pochend das Knie an diesem Tag ist und am nächsten und am übernächsten. Das dominiert alles. Unmöglich war es mir, in diesem Zustand arbeiten zu gehen. Ich war über Monate viel zu fertig. Auch das verstehen viele nicht, gerade auf der Arbeit. Aber es ist so. Wenn es nicht dein Hobby ist, auf der Couch zu liegen und die Beine hochzulegen, ist es die Hölle, wenn genau das plötzlich dein Leben ist. 24/7. Dann raubt dir genau das den Willen, auch nur den nächsten Tag zu erleben. Der wie die vielen, vielen zuvor mit dem Scheißgefühl im Knie beginnt. Es ist einfach eine Überforderung, nicht zu greifen und nicht zu bewältigen. Verdrängen geht auch nicht, weil das Klemmgefühl ja da ist.
Welche Lektion welches Schicksal auch immer, welches Karma mich lehren will, ich habe es bis heute nicht verstanden. Ich liebe es, mich stetig ein Bein vors andere setzend durch die Welt zu bewegen, dabei viele skurrile Situationen, Begegnungen zu erleben, oft aber einfach nur allein meinen Gedanken nachzuhängen und gehend, atmend, ins Grüne blickend, Spechte, Rehe, Amseln, Greifvögel beobachtend meine Seele aufzuräumen. Da gibt es stets sehr viel aufzuräumen. Können die leichten X-Beine über Jahrzehnte und über die Tausenden Wanderkilometer, die vielen Höhenmeter, trotz orthopädischer Einlagen und trotz der Wanderstöcke, dazu führen, dass die Knie einfach keinen Bock mehr haben auf Gehen? Auf das, wofür der Körper eigentlich geschaffen ist? Ich verstehe es nicht. Es hat mir oft geradezu das Herz gebrochen, zur Immobilität gezwungen, vor meinem inneren Auge die Bergbesteigungen in den Alpen, die anspruchsvollen Mittelgebirgstouren in Endlosschleife durchlaufen zu sehen, die ich über die Jahrzehnte erlebt habe, allein, mit meinem Ex-Mann, dann wieder allein. Die Panik, dass das einfach alles vorbei sein könnte, dass das einfach nicht mehr gehen könnte, nimmt mir manchmal den Atem. Vorbei. Und das mit 48. Nicht mit 78.
Gerätetraining im Fitnessstudio, Pilates, Entspannung, Rehasport ist jetzt mein Programm. Es macht mich unglücklich. Mir fehlt die Power. Ich fühle mich um Jahrzehnte gealtert. Ich trage lange Schlabberklamotten, wo es bislang nicht eng und kurz genug sein konnte. Ich kann das beschädigte Bein, die Bandage, den damit verbundenen Schmerz und Kummer nicht mehr sehen, nicht mehr ertragen. Was kann ich noch?
Beschädigt. Das ist der Zustand, die Beschreibung, das Gefühl. „Narben sind sexy“, hat eine Bekannte zu meinem Knie gesagt. Ich sehe nur die Makel, einen Körper, einen Zustand, der nicht zu meiner Selbstwahrnehmung, dem, wie ich sein möchte und über lange Jahre war, passt. Am Wochenende bewunderte ich einen Kellner, der aufgrund des ausnahmsweise von Sonnenschein und Wärme überbordenden Sonntags mit ausufernden Besuchermassen in der Ausflugsgaststätte am Weiher konfrontiert, aber inmitten seiner Schweiß treibenden Rennerei die Ruhe selbst war – obwohl sich Menschen, Bestellungen, Tische, Hunde, alles, alles stapelten. Er sagte, er sei Buddhist, er halte das deshalb alles aus. Vielleicht ist das mein Weg. Beschädigt in den Buddhismus. Buddha sind vermutlich auch die X-Beine egal. Nur mit dem Sitzen sollte es dann wieder besser klappen. Ich habe noch niemanden mit ausgestreckten oder hoch gelagerten Beinen in der inneren buddhistischen Einkehr gesehen.

Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke, Gedanken sowie Wander- und sonstigen Aktivitäten in diesem Blog.