In diesem Beitrag geht es um Sätze, die man selten hört. Sie sind gefallen im Zusammenhang mit meiner Knie-OP. Mein linkes Knie hat im Laufe des letzten Jahres ein hühnereigroßes Alien fabriziert. Niemand weiß, wo das so genannte Ganglion herkommt, ob es einen Zugang zum Gelenk hat. Auf dem MRT ist nichts zu sehen. Weil das Ei immer größer wird, wird es herausgeschnitten – und in einer ergänzenden Arthroskopie geschaut, ob es eine Ursache im Gelenk dafür gibt.
„Wo ist eigentlich der Thomas?“ – „Der sägt schon in Saal 3. Wieso bist du da nicht?“
Ich liege in einem mit Stahl ausgekleideten und in Blau gehaltenen Raum in der MediaPark Klinik Köln. Die Tür zu meinem Kachelkämmerchen steht offen, es huschen, gehen, eilen, stolpern Menschen in OP-Kleidung an mir vorbei, in die eine Richtung clean, in die andere Richtung blutverschmiert. Dieser Dialog findet zwischen einem cleanen OP-Mann und einer OP-Schwester am Computer statt. Ich habe die ersten Beruhigungsmittelchen bekommen und genieße den Heizlüfter zwischen meinen Beinen. Die OP-Schwester hat meine Sorge, mir kurz nach einer Blasenentzündung im dünnen OP-Hemdchen auf kaltem Metall gleich die nächste zu holen, ernst genommen. Ich konzentriere mich auf die Wärme, um mich zu entspannen, und bin froh, dass an mir nicht gesägt werden muss.
Vor dem Stahlraum lag ich für ungefähr eine Stunde in einem Warteraum, zusammen mit einer älteren Dame, die vor mir vom selben Arzt operiert werden sollte. Als die OP-Schwester sie abholt, ruft sie aus:
„Sie haben einen Ring an! Der muss ab! Wir operieren sonst nicht.“
„Ich habe alles versucht, ich habe ihn nicht abbekommen“, sagt die Dame mit dünner, verzweifelter Stimme. Die beiden ackern und rackern sich am Waschbecken ab, mit Seife, Eiswasser. „Das können wir nicht mehr lange machen“, sagt die Schwester nach ein paar Minuten, „Ihr Finger ist schon dunkelrot.“ Da macht es „klong!“ im Waschbecken und zwei Frauen juchzen und jubilieren.
Ich bin aufgeregt, weil alles so ungewiss und offen ist. Dann hat mein Starren und Denken ein Ende, es geht weiter im Prozess, die ringlose Dame hatte offenbar einen nicht zeitaufwendigen Eingriff.
„Ihr Handrücken erzählt, dass die Venen alle zu fein für den Zugang sind.“
Es wird eine Vene am Unterarm gefunden, Chemie in mich reingefüllt und mit meiner ganzen Angst und Ungewissheit schlafe ich ein. „Wir starten mit 160 Propofol“, höre ich noch.
Als ich aufwache, sind genau diese beiden Gefühle noch da, Angst und Ungewissheit. Ich fange an zu weinen. Ein Pfleger kommt ans Bett. „K-k-k-können S-s-s-sie bitte m-m-m-meine Hand n-n-n-nehmen?“, schluchze ich, er hält meine Hand und ruft:
„Ich brauch hier mal Hilfe! Psycho!“
Drei Pflegerinnen übernehmen, ich bekomme eine Tablette und weine weiter. Eine von den dreien sagt:
„Was ist denn los mit Ihnen? Jetzt beruhigen Sie sich mal! Es ist doch alles vorbei! Und Ihre OP war absolut pille-palle!“
Ihre Kollegin versucht es mit Tätscheln und ruhigem Atmen. Das funktioniert besser. Vermutlich wirkt einfach die Tablette.
Der operierende Arzt kommt später vorbei und zeigt mir Fotos vom aufgeschnittenen Knie. Spannend. Die trapezförmig beiseitegezogene Haut und das darunter liegende Spektakel erinnern mich an eine Kinoleinwand, wenn sich nach links und rechts der Vorhang öffnet. Unter dem linken Innenband liegt fett, prall und feist ein Ei. Mit dem darüber gespannten Band sieht das aus wie eines dieser dicken, mit Pralinen gefüllten Lindt-Ostereier mit Schleife drum. Das dicke Ei hat eine interessante Maserung und würde, in blau, pink oder gelb gefärbt, auch ein gutes gekochtes Osterei auf der Bäckertheke abgeben.
„Das Ding war wirklich riesig! Und dann ist es auch noch geplatzt!“
Ich stelle mir die blutverschmiert über den Gang huschenden Menschen nach der OP vor. „Es kann wiederkommen“, sagt der Arzt. Im Gelenk und am Band hat er keine Ursache, keinen Zugang für das Ganglion gefunden. Es ist alienmäßig abgekapselt einfach so vor sich hin gewachsen. „Dann müssen wir es wieder rausschneiden. Aber ich klopfe jetzt mal auf Holz, toktoktok, dass Ihnen das nicht passiert.“
Ich bekomme einen Kaffee, den ich wegen des Narkosemittels Propofol schon im Auto meines lieben Nachbarn auf dem Weg nach Hause wieder auskotze. Ich wusste, dass das passieren würde, nach einer Darmspiegelung mit Propofol im November habe ich tagelang Gift und Galle gespien, und halte deshalb seit Abfahrt ein Kotztütchen in der Hand und würge vor mich hin. Der Kaffee musste trotzdem sein, es war einfach zu schön, nach acht Stunden ohne irgendetwas mit Koffein zu starten.
Mein ganglionloses Knie gluckert jetzt. So klingt sonst mein Darm. Das linke Knie kann Eier produzieren, vielleicht kann es auch verdauen. Who knows.

Außer dem jetzt ganglionfreien linken gibt es auch noch das entzündete rechte Knie. Da hat eine zweifache Blutegelbehandlung keine Besserung gebracht. Es bleibt interessant.
Viel zu Fuß und immer mit offenen Augen unterwegs ist die Frau aus dem Melandertal. Wenn sie es schafft, den Dingen ein Augenzwinkern abzugewinnen, teilt sie ihre Eindrücke und Gedanken zu Aktivitäten, Absurditäten und Alltäglichkeiten in diesem Blog.