Im Blutegelrausch

Jetzt also die Knie. Vor zwei Jahren hat mich der Fuß geplagt, und das war der Anfang einer großen Veränderung. Auf dem Fuße folgen die Knie. Um den Fuß zu schonen, wurde weniger trainiert, weniger belastet, aber weiterhin ganzjährig durch Feld, Wald und Flur gelascht, unterfüttert und gepolstert allerdings durch dicke orthopädische Einlagen in den Wanderschuhen. Dennoch macht man sich so die Knie malad. Manchmal möchte ich meinen Körper einfach zersägen, Teile abschneiden und durch künstliche An- und Einbauten ersetzen. Für diese Sehnsucht gibt es bestimmt eine komplizierte Bezeichnung, für die man mit hochgezogenen Augenbrauen bedacht wird.

Im einen Knie wohnt ein Alien seit ein paar Monaten. Im Frühjahr erschien links ein Knubbel, der bergauf hervortrat, wehtat, und nach einer Nacht drüber schlafen immer wieder wegging. Irgendwann blieb er. Und wuchs. Ließ sich aber mit einer umgeschnallten Patellasehnenbandage in Schach halten. Nach einem halben Jahr ist der Knubbel ein festes dickes Ei, das immer größer wird, und ich warte jedes Mal, wenn ich es anstarre, darauf, dass es reißt, aufplatzt und ein Alien herausklettert. Ist bislang nicht passiert, wohl auch, weil es einfach Gelenkflüssigkeit ist, die sich da sammelt und die herausgeschnitten werden muss. Dennoch werde ich den Gedanken mit dem Alien nicht los. Vielleicht wäre es ja ein nettes Alien, das mit mir, wie eine Katze, abends auf der Couch sitzen und mich anschnurren würde?

Das andere Knie, rechts, ist beleidigt. Stinkbeleidigt und deshalb dick entzündet. Und zwar genau der Teil, der die meisten Nerven hat im Knie, damit es auch richtig ordentlich wehtut. Dieser Teil des Knies hat den sehr schönen Namen: Hoffa-Fettkörper. Benannt nach Herrn Hoffa, der ihn einst entdeckte. Der Fettkörper war das, was mir meinen diesjährigen Südtirol-Urlaub ruiniert hat – ist der Hoffa im Knie beleidigt, tut das so weh, dass man bergab keinen Fuß mehr vor den anderen setzen kann. Genau das kann ich exakt so bestätigen, weil es mir genau so erging. Und dieses Gefühl, dass man auf einem stinklangweiligen, befestigten Wanderautobahn-Weg, auf dem die übergewichtigen Mitmenschen (da ist der Fettkörper nicht auf den Hoffa beschränkt) an einem vorbeiwackeln, stöhnend an der Seite steht, weil es gefühlt einen Mikrometer bergab geht und man das Bein nicht setzen kann, diesen Schritt nicht gehen kann, das werde ich nicht vergessen. Es war die totale Niederlage. Meine mentale Vernichtung.

Dieses Gefühl hat mich so derart frustriert, dass ich den Südtirol-Urlaub nach verzweifelten Gehversuchen auf einfachsten Wegen nach der Hälfte abbrach, nach Hause fuhr, mich um Orthopäden-, MRT- und sonstige Knie-Termine kümmerte, und genau das mache ich seit zwei Monaten, und zwar ohne irgendeine Form von Bewegung, einfach weil Bewegung nicht geht. Schon Treppensteigen ist richtig Scheiße. Ich fühle mich wie 90 und starre das Alien-Ei an meinem Knie an. Zum Glück konsumiere ich keine Drogen, denn ich gehe fest davon aus, dass ich ansonsten in der Zwischenzeit in einem drogenbasierten mentalen Zwischenzustand selber zum Messer gegriffen und das Ei aufgeschnitten hätte. Und dann in diesem Zustand wohl tatsächlich auch ein echtes Alien aus meinem Bein rausgezogen hätte.

In dieser elenden couchlägerigen Verzweiflung macht man alles, um wieder mobil zu werden. Auf den beleidigten Hoffa lässt man sich etwa Blutegel setzen. Vier an der Zahl. Ich war zunächst verstört, dass diese mittelalterliche Methode auch heute noch ein seriöser Behandlungsansatz ist und nicht nur von zwielichtigen Zauberbuden am Stadtrand im Halbschatten angeboten wird, sondern von ganz piekfeinen orthopädischen Privatpraxen. Also habe ich den beleidigten Hoffa, das Ei und den Rest des faulenden, verwesenden Körpers auf die Orthopädenliege gehievt, ausgestattet mit einer warmen Decke, einem Buch (weil die Blutegel-Behandlung auf bis zu zwei Stunden angesetzt war) und einem leicht bangen Gefühl, was das Blutegelige anbelangt.

In einem Glas, das man von Ikea kennt, typischerweise für Mehl oder Zucker im Einsatz, werden die medizinisch gezüchteten, sterilen Egelchen hereingetragen. Wie Goldfische schwimmen sie im Wasser. Der Orthopäde beginnt zu fischen, einen nach dem anderen, und platziert die vier wenige Zentimeter großen Klitschtierchen hübsch arrangiert am dicken Hoffa. Der dicke Hoffa lässt die Kniescheibe verschwinden, immer ist alles angeschwollen und drückt und im oben erwähnten Drogenwahn hätte ich mir sicher neben dem Ei am einen auch die Kniescheibe am anderen Bein freigeschnitten. Diesen Job, dass endlich dieser Druck weggeht, sollen jetzt die vier Egelis erledigen.

Es tut erstmal sehr weh. Das Andocken des Blutsauger-Quartetts an meinem Knie ist sehr schmerzhaft und es beginnt sofort zu brennen, und das soll auch für die gut eineinviertel Stunden, die die vier an meinem Knie nuckeln, nicht aufhören. Es soll Menschen geben, die davon nichts spüren. Die sind glaube ich aus Porzellan oder aus Stahl. Der Orthopäde ist begeistert. Die Egel beißen sich sofort fest, er überlegt, weil es so gut läuft, noch ein paar mehr dranzuhängen, aber mir reicht der Schmerz der vier Sauger absolut aus und so bleibt der Rest der lauernden Meute im Ikea-Glas. „Frau Harmuth, krass, dass die bei Ihnen so beißen. Die stehen auf Sie!“, sagt der Arzt. „Super, wenigstens bei den Blutegeln habe ich einen Lauf. Würde es mal mit den Typen so laufen wie mit den Egeln, ginge es mir besser“, erwidere ich. Das findet der Orthopäde sehr interessant und fragt nach, was genau da nicht laufe mit den Männern, da ruft aus dem Nebenraum eine dünne, alte Frauenstimme den Namen des Herrn Doktor. „Haben Sie mich vergessen? Soll mich hier nachher die Putzfrau auffinden?“ Weg ist der Arzt. Es bleiben: die Egel.

Ich habe eine Klingel ausgehändigt bekommen. Jedes Mal, wenn einer der Egel abfällt, soll ich klingeln. Ich vertiefe mich in mein Buch, zucke ab und zu schmerzbedingt zusammen, nach einer Weile luge ich über den Buchrand und meine Snoopy-Decke hinweg Richtung rechtes Knie. Und erschrecke. Aus den kleinen Fuzzis sind dicke Würste geworden, und mit jedem Schluck Blut geht eine Welle durch die schneckenförmigen Tierchen. Pulsierendes, schleimiges Wachstum. Uäh. Schnell wieder ins Buch gucken. Am Ende der Session sind die Egel fünfzehn Zentimeter lang, dick, prall und fleischig, satt ploppen sie nach hinten von meinem Knie ab und überall läuft Blut. Blut, Blut, Blut – wieviel davon steckt jetzt wohl in jedem der vier Sauger? Nach ihrem Hilfseinsatz werden die vier von der herbeigeklingelten Arzthelferin in einem Plastikbecher gesammelt, um eingefroren zu werden. Sie tun mir Leid, die Viecher. Dürfen einmal Blut saugen und sterben direkt.

Das mit dem Blut bleibt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das windeldick eingebundene Knie so stark nachblutet, dass ich den Verband wechseln muss, gegen eine weitere Windel, die man mir mitgibt. Aber es ist so. Das Blut läuft und läuft, die Blutegel sind Blutverdünner, sonst könnten sie nicht so lange saugen. Nach zwei Tagen sind die Andockstellen, die wie Vampirbisse aussehen, wenigstens zu und ich freue mich über meine schicke Kniescheibe, die wieder abgegrenzt zu erkennen und zu erfühlen ist. Umkränzt von vier Löchern. Den Egel-Einsatz werte ich als Erfolg und werde, sollte die Entzündung jetzt noch nicht ganz wegsein oder wiederkommen, eine weitere Session mit den Saugern einlegen. Zwei Monate Ibuprofen hatten nämlich überhaupt keinen Effekt, und im Gegensatz dazu haben die Viecher keine Nebenwirkungen.

Der motivierte Arzt hat in das Alien-Ei, während die Egel soffen und nachdem die Dame im Nebenraum beschwichtigt war, eine Spritze reingehauen, die das Ei auflösen sollte. Das hat sie nicht getan. Seit der Spritze ist das Ei einfach blau. Doch ein Alien.